Blind mit 17 Jahren

Wenn plötzlich alles dunkel wird

Rauxel - Die Welt von Alexander Drath ist schwarz. Der 23-Jährige ist mit 17 Jahren plötzlich erblindet. Von heute auf morgen. Aus seiner Sehbehinderung zieht er aber auch etwas Positives. Wäre er nicht erblindet, würde er heute nicht mehr leben.

"Ich saß in der Klasse und habe eine Arbeit geschrieben. Als ich sie fertighatte, bin ich aufgestanden und habe sie abgegeben. Auf einmal habe ich nichts mehr gesehen. Einfach so. Von jetzt auf gleich war alles weg. Ich war total fertig, habe nur geheult, hatte richtige Heulkrämpfe."

Seine Lehrerin glaubte ihm zunächst nicht, dachte, er will sich nur vor der Klassenarbeit drücken.

"Mein erster Spruch war "Scheiße, ich kann nichts mehr sehen. Das habe ich lauthals in die Klasse reingeschrien."

So erzählt es ein Kumpel, mit dem er damals zur Schule gegangen ist und der auch heute noch sein Freund ist. Er kommt sofort ins Krankenhaus in Dortmund. Die Diagnose: Ein aggressiver Tumor drückt auf sein Gehirn. Sofort ist klar: Er wird nie wieder sehen können. Das war am 16. Oktober 2011. Alexander Drath ist damals 17 Jahre alt. Am 18. Oktober 2011 wird er operiert. Lange Zeit liegt er im Krankenhaus. Jeden Tag bekommt er zweieinhalb Stunden Bestrahlungen. Im Nachhinein, so sagt er, hatte sich schon angedeutet, dass etwas mit seinem Kopf nicht stimmt.

"Immer wenn sich das Wetter geändert hat, hatte ich höllische Kopfschmerzen. Das konnte ich kaum aushalten. Ich bin deswegen oft beim Arzt gewesen. Aber der hat nur gesagt, dass es wetterbedingte Migräne ist und er nichts machen kann. Er hat mir Tabletten verschrieben und mich nach Hause geschickt." Alexander Drath glaubt nicht, dass der Arzt etwas falsch gemacht hat. Erblindet wäre er so oder so, sein Sehnerv war damals schon nicht mehr zu retten. Auf einem Auge war er schon mit vier Jahren erblindet, als das erste Mal ein Hirntumor bei ihm diagnostiziert wurde. Seitdem konnte er nur noch auf dem linken Auge sehen. Wegen seiner Sehbehinderung musste er die Schule wechseln. An der Regelschule einen Abschluss zu machen, funktionierte nicht mehr. Er kam auf die Focusschule in Gelsenkirchen. Die LWL-Förderschule hat den Schwerpunkt Sehen. Dort macht er einen Hauptschulabschluss.

"Der Schulleiter der Schillerschule hat damals oft mit meiner Mutter gesprochen. Wir haben überlegt, was am besten für mich wäre. Wir haben dann alle zusammen so entschieden. Und die Entscheidung war gut so." Dass er blind ist, hat ihm am Anfang sehr zu Schaffen gemacht.

"Es war einfach scheiße. Aber heute ist mir das egal. Ich finde mein Leben schön so, wie es jetzt ist. Wenn ich die Tumore nicht gehabt hätte, wäre sicherlich vieles anders gelaufen. Aber darüber denke ich gar nicht nach. Ich habe mich ins Leben zurückgekämpft. Man muss einen gewissen Humor für seine Behinderung entwickeln, sonst lohnt sich das alles nicht."

Heute wohnt er alleine, hat eine kleine Wohnung in Rauxel, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Seit zwei Jahren wohnt er dort. Den Alltag bewältigt er alleine. Ein guter Freund ist häufig zu Besuch und unterstützt ihn. Alexander Drath kocht, putzt, wäscht seine Wäsche selbst, geht einkaufen. Im Alltag klarzukommen hat er im Berufsbildungswerk für Sehbehinderte und Blinde in Soest gelernt. Dort hat er seine BTG gemacht - die Blindentechnische Grundausbildung.

"Wenn ich Fleisch würze, mit Salz und Pfeffer, nutze ich elektrische Salz- und Pfeffermühlen. Ich mache meine Hand auf und die Gewürze zunächst in meine Hand. So fühle ich, wie viel es ist. Dann gebe ich es aufs Fleisch."Seit er blind ist, nutzt er die anderen Sinne mehr. Wenn ein Sinn wegfällt, konzentriert man sich doppelt auf die anderen Sinne - Tasten, Hören, Riechen. Auch ins Kino geht er noch, setzt die Szenen aus dem Gehörten zusammen. Seit er blind ist, hört er lauter, stärker, intensiver. Bei der BTG hat er die Brailleschrift gelernt. Die Schrift, mit der Blinde durch Tasten lesen können. Seine Hobbys hat er wegen der Sehbehinderung nicht aufgegeben.

"Ich habe damals Modellbau gemacht. Und ich mache heute noch Modellbau. Ich mache mir ein Bild davon im Kopf und fange an. Früher habe ich den Schraubendreher an die Schraube angesetzt und die Schraube reingedreht. Heute ist das nicht mehr so einfach. Heute muss ich die Schraube auf den Schraubendreher setzen, fühlen und kann dann erst schrauben."

Alexander Drath kommt mit seiner Behinderung gut klar, ist selbstständig. Seine Mutter hat ihn am Anfang nicht alleine aus dem Haus gehen lassen, bis er sich selbst zurechtfinden konnte.

"Meine Familie ist klasse damit umgegangen. Viele Freunde habe ich durch die Krankheit und meine Sehbehinderung verloren, oder ich habe gemerkt, wer falsche Freunde sind. Da kam auch schon oft der Satz 'Du bist blind, wir brauchen dich nicht mehr'. Meine Mama hat allen Freunden gesagt, in welchem Krankenhaus ich liege. Aber es ist so gut wie nie jemand gekommen."

Heute weiß er, wer seine Freunde sind. Was ihn stört, sind die vielen Anfeindungen, die er heute oft zu spüren bekommt.

"Ich werde oft angepampt. Viele sagen 'Der kann doch sehen'. Das war letztens auch im Bus so. Mein Kumpel und ich saßen ganz hinten, ich hatte meinen Blindenstock dabei. Zwei Mädels im Teenager-Alter haben nicht aufgehört. Sie haben immer wieder gesagt: 'Der kann doch sehen'. Ich muss mir sowas aber nicht gefallen lassen. Indem ich einen passenden Spruch zurückgebe, kann ich damit leben."Das Einzige, was ihm heute fehlt, ist ein Job. Sein Traumberuf: Garten- und Landschaftsbauer. Er habe nicht nur einen grünen Daumen, sondern fünf grüne Finger an jeder Hand, sagt er. Zunächst hat er bei der Wewole im Erin-Park gearbeitet. Dort musste er acht Stunden lang Schrauben und Muttern zusammendrehen und sie in Kisten packen - jeden Tag.

"Nur weil ich sehbehindert bin, bin ich kein Mensch zweiter Klasse. ich bin ja geistig voll fähig. Solche Tätigkeiten unterfordern mich. Und nur weil ich blind bin, bin ich nicht Banane im Kopf. Aber das denken viele."Ein medizinisches Gutachten bestätigt ihm, dass er arbeitsfähig ist, auch wenn sich noch immer Reststücke des Tumors in seinem Kopf befinden. Die sind inoperabel. Ein Gartenbaubetrieb will ihm die Chance auf eine Ausbildung geben. Er wartet nur noch auf das Okay der Arbeitsagentur.

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