Diagnose Brustkrebs im St. Rochus Hospital

Wie eine Krankenschwester mit ihrer Krankheit umging

Castrop-Rauxel - "Ich hab's geschafft, und Du kannst es auch schaffen!" Das könnte Jutta Mühlenkamp heute krebskranken Menschen sagen, die sie an ihrem Arbeitsort, dem Rochus-Hospital antrifft. Die Krankenschwester hatte Brustkrebs. Jetzt erzählt sie, wie sie mit ihm lebte und ihn besiegte.

Im Schaukasten der Onkologie des Rochus-Hospitals hängen neben Veranstaltungshinweisen auch Broschüren für die Bewältigung größerer Probleme. "Hüte für haarlose Zeiten" oder "Ihr Zweithaar" steht da zu lesen. Die Krankenschwester Jutta Mühlenkamp ist da sicher das ein und andere Mal vorbeigegangen, ohne das jemals auf sich zu beziehen. Bis zu jenem Tag Mitte Oktober 2016, als die Diagnose Brustkrebs nicht mehr einer zu betreuenden Patientin galt, sondern ihr. Ohne Vorbereitung in die Katastrophe also? Sie überlegt kurz: "Ich war eher überrascht." Die Tränen kamen später.

Drei Mammakarzinome hatten sich in zehn Monaten zwischen zwei Untersuchungen gebildet. Ein Glück also, dass sie Teilnehmerin an einem Mammographie-Screening-Programm war, denn gemerkt hat sie nichts. Es gibt Krankheiten, die wüten von Anfang an in einem Körper, aber ihr Krebs kam wie viele eher tückisch daher. Ihr erster Reflex nach der Diagnose: "Ich will das nicht." Das war ein kurzer Moment des Erstarrens. Aber wer will das schon? Ihr zweiter: "Operation, Chemotherapie, Bestrahlung - ich geh da jetzt durch." Wenn es eine Stärke gibt, das letzte bisschen Positive aus einer schlechten Nachricht zu ziehen, dann ist Jutta Mühlenkamp damit gesegnet. "Denn ich hab' nur an das Leben gedacht und nie an den Tod!"

Ein typischer Ruhrgebietscharakter

Die 55-Jährige ist eine Frau mit kräftigem Händedruck. Ihr Lachen passt gut zu den ersten Sonnenstrahlen des nahenden Frühlings. Sie macht nicht viel Aufhebens um sich selbst. Typischer Ruhrgebietscharakter, den Eindruck kann man haben. Zur Ehrlichkeit gehört allerdings auch, dass sie sich ihre Offenheit erst wieder erarbeiten musste. Die Fähigkeit, klar zu sehen in Zeiten, die anderen den Blick eintrüben, hat ihr dabei geholfen. "Man darf nicht zu viel überlegen", sagt sie, "ich wusste nur, dass ich keinem zur Last fallen wollte."

Den Kokon der Trauer, der so viele so lange umgibt, zerriss sie. Nicht fragen: "Warum ich?" Wer soll das schon beantworten? Mediziner und Medizin bekämpften ihre Krankheit, sie aber kämpfte darum, die Normalität des täglichen Lebens zu behalten. Mann, Kind, Freunde, einkaufen gehen, sich treffen, es sich gut gehen lassen, so weit es die Umstände zuließen. "Ich habe versucht, nicht als kranker Mensch zu leben." Das war nicht immer einfach, und wenn es mal ganz schwierig wurde, hatte sie Freundinnen, "die mir auch manchmal in den Hintern getreten haben". Sich fallen lassen zu können und aufgefangen zu werden - auch das eine gute Wahrnehmung in schlechten Zeiten.

Zum Ringen um Normalität gehörte, dass sie keinesfalls in eine Selbsthilfegruppe nach Krebs eintreten wollte. "Ich möchte das ganze Drumherum loswerden", sagt sie, "und nicht zu viel an mich heran lassen." Nicht aus Angst, sondern weil sie sich mit denen, die sie umgaben, sowohl medizinisch als auch persönlich gut aufgehoben fühlte. Sie brauchte nicht mehr.

Nicht verrückt machen lassen

Das Internet zum Beispiel bemühte sie gar nicht als Informationsquelle. Nur nicht verrückt machen lassen. Allerdings sprach sie vor der Chemotherapie mit anderen an Brustkrebs erkrankten Frauen, wie man die Folgen der giftigen Behandlung mildern könnte. Zum Beispiel eisgekühlte Ananasstückchen lutschen, um die von der Chemo entzündete Mundschleimhaut zu schützen. "Außerdem war mir wichtig, meine Haare so weit wie möglich zu behalten", erzählt sie.

Was ihr auch gelungen sei, weil sie, während die Substanz in ihre Venen sickerte, eine mit Eis gefüllte Kühlhaube auf dem Kopf trug und auch die Füße mit Eis gekühlt wurden, um ein Absterben der Nervenenden zu verhindern. "Hat geklappt. Ich habe zwar Haare verloren, aber nicht so viele, dass ich eine Perücke hätte tragen müssen."

Eigene Stärke aber reicht nicht immer aus. Auch Jutta Mühlenkamp kam an einen Punkt, an dem sie ihr Fertigsein mehr spürte, als sie je gedacht hätte. Nur wenige Sekunden der Bestrahlungen auf 16 Sitzungen reichten, um sie zu Hause stundenlang auf die Couch zu zwingen. "Ich war so fertig, ich kam keine Treppe mehr hoch. Die Kraft war weg."

Hunde spüren, wenn was nicht in Ordnung ist

Aber Kraft, die man selbst hat, ist auch immer die Kraft anderer, das hat sie gelernt durch ihren Mann und ihren Sohn, durch ihre Freundinnen und Freunde. Man kann sie borgen. Spätestens jetzt kommen noch Trixi und Bina, Jutta Mühlenkamps Hunde, ins Spiel. "Sie spürten immer, wenn irgendetwas nicht in Ordnung war", erinnert sie sich, "und wenn ich mich hinlegte, kuschelte sich eine neben mich und die andere an die Füße."

Sie absolvierte eine Reha, ihr Mann nahm sich eine Ferienwohnung im Ort, beide tankten wieder Kraft. Rund ein Jahr nach der Diagnose schloss die Familie mit der Krankheit ab - naja, was man so abschließen nennt. Mit den "Chemo-Mäusen" ihrer WhatsApp-Gruppe steht sie noch in Verbindung, manchmal trifft man sich auf einen Kaffee.

Der Krebs liegt hinter ihr, aber leider bleibt dieser Krankheit eine Zukunft - und wenn auch nur als Gedanke im Kopf. "Es wird nicht mehr so, wie es vorher war", das weiß sie. Aber sie hat eine Menge Aufmunterndes auf Lager für Leute, die mit bangem Blick und dünnem Haar am dem Schaukasten vorbeischleichen, in dem für "Hüte für haarlose Zeiten" geworben wird. Unter anderen den: "Ich hab's geschafft, und Du kannst es auch schaffen!" Jutta Mühlenkamp sieht jedem Tag mit offenem Blick entgegen. Als ob jeder ein Geschenk für sie sei, auch der graue. "Ich bin froh", sagt sie über sich. Und "seid froh" zu den anderen.

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