Diagnose Darmkrebs

Wie Lothar Meyer mit seiner schweren Krankheit umgeht

Castrop-Rauxel - 2006 bekommt Lothar Meyer die niederschmetternde Diagnose Darmkrebs. Sich aufgeben kommt für ihn nicht infrage. Lothar Meyer lebt nach dem Motto: Es kommt, wie es kommt. Er kämpft gegen den Krebs - und genießt sein Leben.

Die Bandbreite menschlicher Reaktionen auf eine schlimme Nachricht reicht von stummem Entsetzen bis zu offener Verzweiflung. Sieht man Lothar Meyer vor sich sitzen, hört man ihn erzählen, ahnt man, dass beide Möglichkeiten nicht zu seiner seelischen Grundausstattung gehören. Zu nehmen wie es kommt, das schon eher. Als der heute 64-jährige Vermessungstechniker 2006 von der Diagnose Darmkrebs erfuhr, schien so ziemlich jeder andere erschrockener zu sein als er selbst. "Halten Sie mich bitte nicht für beschränkt", sagt er, "aber ich dachte nur, dann ist es eben so..."

Wahrscheinlich gibt es keinen richtigen Zeitpunkt für eine schlechte Nachricht. "Ich hatte mal was am Meniskus und später nochmal was an der Ferse, aber ansonsten war immer alles in Ordnung." Bis zu jenem Tag der Diagnose, der vielleicht fünf Wochen vorausgingen, in denen er selbst nicht genau wusste, was sein Körper ausheckte.

"Ich sollte mehr Gemüse essen"

Als passionierten Blutspender hatte man ihn dreimal nach Hause geschickt. "Jedes Mal hatte ich zu wenig rote Blutkörperchen. Ich sollte mehr Gemüse essen, haben sie mir erzählt. Dabei esse ich viel Gemüse." Aber das war schon komisch, weil ja sonst immer alles okay war. Als er dann Blut im Stuhl entdeckte, schickte ihn sein Hausarzt zum Facharzt.

Eine Untersuchung, "und ich lag fünf Tage später auf dem OP-Tisch. Natürlich hatte ich mit solch einem Hammer nicht gerechnet, aber was will man machen? Ich sag immer so", sinniert der Rentner weiter: "Es steht alles in einem ,dicken Buch', es ist alles vorbestimmt - und wenn ich dran bin, dann bin ich dran." Fehlen eigentlich nur noch ein "Tja" und ein Schulterzucken.

Dickes Buch? Vorbestimmt? Meint er die Bibel und so etwas wie Vorsehung? Lothar Meyer lächelt. "Ich bin nicht religiös", stellt er klar, wenngleich er Kirchenmitglied geblieben ist. Letztendlich gebe es schon noch offene Fragen, die mit dem Grundsätzlichen zu tun hätten, und auf die er ebenfalls keine Antworten weiß.

Es läuft eben so ab, wie jeden Tag millionenfach und überall - Dinge passieren halt und Krankheiten auch. Das heißt nicht, dass ein Fatalist, wie er einer zu sein scheint, alles nur hinnimmt. Natürlich kämpfte er sich durch die Operation, die anschließende Chemotherapie und die Bestrahlung, und er hat heute noch mit den Folgen zu tun.

Er möchte nicht zu gleichmütig erscheinen, weil das der Krankheit einfach nicht angemessen ist, und es ist auch nicht so, dass er sich nicht über Sachen aufregen könnte. Aber Lothar Meyer musste nach der Diagnose erst mal Dampf vom Kessel nehmen, ist so seine Art. "Ich weiß noch, als meine Frau und ich vom Arzt nach Hause kamen. Sie hat ganz aufgelöst telefoniert und mich ausgeschimpft, dass ich jetzt Kreuzworträtsel löse." Er lacht.

Meyer entschied sich für künstlichen Darmausgang

Nach der OP jedenfalls - Meyer mussten etwa 30 Zentimeter Darm entfernt werden - stellten sich Komplikationen ein, die einen künstlichen Darmausgang erforderten. Noch so ein Hammer. Er lernte, damit zu leben und nach der Rückverlegung fand er sogar, dass es sich mit einem künstlichen Darmausgang viel besser leben ließ, als mit einem nicht mehr voll funktionsfähigen. Also entschied er sich auf Dauer für einen künstlichen.

Lothar Meyer hat das alles nicht gewollt, der Krebs ist einfach so gekommen, nur erstaunlich ist es schon, wie er damit umgeht. Er baute sein Leben drumherum. Nee, meint er, an den Strand müsse er nicht mehr, aber als er letztens am Hallenbad vorbeigekommen sei, habe er doch etwas Wehmut verspürt. Allerdings nur so lange, bis ihm einfiel: "Sag mal, bist du bekloppt, wann warst du eigentlich das letzte Mal im Hallenbad - vor 30 oder 40 Jahren?"

Die Unbefangenheit ist weg

Es ist nicht so, dass der Krebs völlig aus seinen Gedanken verschwunden wäre. "Wenn's mich irgendwo piekt, fällt mir immer ein, das wird doch wohl nicht ..." Die Unbefangenheit sei schon ein wenig weg. Aber deswegen mit Panik 'rumzulaufen, nee. "Was ist das denn für eine Lebensqualität?", fragt er und gibt sich gleich die Antwort: "Keine." Es gibt schließlich noch andere wichtige Dinge im Leben.

Er ist seiner Frau Astrid dankbar, dass sie ihn bei der Bewältigung der Krankheit so unterstützt hat und auch im Freundeskreis wisse jeder Bescheid. Lothar Meyer geht zu den Treffen des örtlichen ILCO-Vereins, der Selbsthilfeorganisation für Stoma-Träger und Menschen mit Darmkrebs, wenngleich er sich nicht allzu gerne über Krankheiten unterhält. Aber er bleibt, wie soll man's anders sagen - interessiert.

Nichts hindert ihn an dem, was er gerne macht. Im Juni startet er mit Kumpels zu einer Schottland-Tour auf dem Motorrad. Seine Harley-Davidson grollt, als er sie anspringen lässt, um ihr den Winterschlaf auszutreiben - aber es ist schon richtig, mal das Aggregat wieder durchzupusten. Das geht ihm genauso. Er geht viel spazieren, manchmal 15 Kilometer.

Erzählungen zum Thema Lebensabend hört er sich nicht an. "Ganz dünnes Eis", sagt er, "weil ich weiß, dass noch was kommt. Ich bin noch da!" Es ist wohl so, als ließe sich Lothar Meyer von seiner Krankheit nicht mehr beeinflussen als unbedingt nötig.

Die Jetztzeit-Diagnose könnte lauten: "Patient stabil." Ist sowieso nicht zu ändern, steht schließlich alles im "großen Buch". So lange nimmt er es, wie es kommt. Gerne jetzt das Gute. "Könnt' ja sein, dass Schalke doch noch mal Meister wird." Dann will er dabei sein.

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