Ende des ersten Halbjahrs

Expertinnen geben Tipps bei Zeugnissorgen

Castrop-Rauxel - 65.000 Schüler im Kreis Recklinghausen erhalten jetzt Halbjahreszeugnisse. Viele werden mit Bauschmerzen nach Hause gehen - schlechte Noten tun weh. Expertinnen erklären, wie Eltern damit umgehen sollten.

Auch wenn schlechte Noten sich nicht sofort auf die Versetzung auswirken: Sie sind doch eine klare Botschaft. "Die Halbjahreszeugnisse sind kein Endergebnis, aber ein wichtiger Zwischenstand", sagt Schulministerin Yvonne Gebauer. Schüler haben die Chance, ihre Noten im zweiten Halbjahr zu verbessern. Einfach etwas mehr lernen - für einige mag das zutreffen. Aber was passiert wenn es eben nicht so einfach ist, weil schlechte Noten demotivieren?

"Es ist eher die allgemeine Angst vor der Bewertung, die Schüler und Eltern umtreibt", sagt Olaf Maletzki, Psychotherapeut für Kinder- und Jugendliche aus Castrop-Rauxel. Auch sei die Angst der Eltern, ihr Kind könnte ungerecht bewertet werden, sehr viel größer als die der Schüler selber. Zumindest wenn die Kinder jung sind. Ausnahmen bestätigen die Regel. "Ich hatte vor einigen Jahren einen Drittklässler als Patienten, der der Meinung war, sein Leben wäre vorbei, weil er eine Empfehlung für die Hauptschule bekommen hatte." Dabei sei es möglich, so Maletzki, auch ohne Abitur sein Leben erfolgreich zu gestalten. Über eine Ausbildung mit anschließendem Meistertitel ins Studium zu kommen sei kein leichter Weg, aber eine Alternative, die oft übersehen werde.

"Druck aufzubauen ist meist wenig hilfreich", sagt Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Barbara Cirkel. "Ich hatte schon Grundschüler in Behandlung, die glaubten, wenn sie in der Schule keine sehr guten Leistungen bringen, müssten sie irgendwann unter der Brücke schlafen." Warum? "Weil sie es von den Eltern so gesagt bekommen haben." Das ungeschriebene Gesetz: "Du musst maximale Leistung bringen, damit du was wirst" ist aus vielen Köpfen der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. "Das sieht man auch am stetigen Zuwachs der Abiturienten", sagt Maletzki.

Im Schuljahr 2005/06 machten von knapp 8000 Schulabgängern 25 Prozent Abitur. Zehn Jahre später waren es bei 7100 Schulabgängern 34 Prozent Abiturienten. "Dabei werden die Anforderungen an die Hochschulreife nicht kleiner, sondern eher größer", so Maletzki. Diese Entwicklung erkläre sich auch durch den gestiegenen Leistungsdruck.

Der hat Folgen: "Jugendliche Patienten, die auf den Leistungsdruck mit physischen Schmerzen reagieren, gibt es immer wieder", so Cirkel. Die Angst vor dem Versagen äußere sich mit Bauch- oder Kopfschmerzen, Schwindel oder Aussetzer.

Zusätzlich verschiebt sich der Druck von den Noten zur Zukunftsplanung. "Viele Eltern wünschen sich einen sicheren Beruf für ihre Kinder", sagt Barbara Cirkel. Am besten bei der Bank, der Versicherung oder in der Verwaltung. Auch wenn die Kinder selber etwas anderes wollen. "Sich dann als Kind durchzusetzen ist schwer", so Cirkel.

Es gibt kein Patentrezept

Ein Patentrezept für den Umgang mit schlechten Noten gibt es nicht. "Allgemein empfehlen wir den Eltern, entspannt damit umzugehen und Kindern die Angst zu nehmen", sagt Norbert Köring, Kinder und Jugendlichenpsychotherapeut von der Erziehungsberatungsstelle der Caritas. Wer zu starke Angst habe, blockiere und lerne nicht. Gemeinsam sollten kleine und realistische Ziele entwickelt werden. "Es ist wenig hilfreich, das Kind eine Stunde lang zum Lernen zu verdonnern, wenn es gar nicht weiß, wo es anfangen soll", so Köring.

Sofern nicht schon bei Elternsprechtagen geschehen, sollte man Kontakt zum Lehrer aufnehmen. "Die Eltern sollten den Lehrer als Partner verstehen", sagt Olaf Maletzki. Pauker, die schlechte Noten als Strafe einsetzen, gebe es zwar, das sei aber die Ausnahme. "Besprechen und fordern Sie mögliche Lösungen." Wenn möglich sollen die Schüler an diesen Gesprächen teilnehmen.

Eigenverantwortung so früh wie möglich erziehen

Deutlich früher sollte man beginnen, Kinder zur Eigenverantwortung zu erziehen. "Das fängt im Kindergartenalter beim eigenständigen Anziehen der Jacke an", sagt Kornelia Sczudlek, Motologin und damit Fachfrau für Psychomotorik. Weiter geht es mit dem Bestreiten des eigenen Schulweges. "Die Kinder müssen lernen, solche Aufgaben selber zu bewältigen, daran zu wachsen." Auch Freizeit und Langeweile seien wichtig für die Entwicklung. "Daraus entstehen neue kreative Ideen in den Köpfen", so Sczudlek.

Das Wichtigste sei aber, dem Kind die Begeisterung an neuem Wissen zu erhalten. "Unsere Gesellschaft verkauft die Schule oft als schwierige Sache", sagt Barbara Cirkel. Kinder hätten einen großen Wissensdurst. Es sei also ganz entscheidend, diesen Durst zu stillen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Letzter Strohhalm für Schalke-Fans? Was aus der Betrugs-Anzeige nach dem Bayern-Spiel wurde
Letzter Strohhalm für Schalke-Fans? Was aus der Betrugs-Anzeige nach dem Bayern-Spiel wurde
Levantisch - da kommen die "The Taste"-Köche ins Schwitzen
Levantisch - da kommen die "The Taste"-Köche ins Schwitzen
Schockierender Fund in England: 39 Leichen in Lkw entdeckt - „Bösartige Verachtung von Menschenleben“
Schockierender Fund in England: 39 Leichen in Lkw entdeckt - „Bösartige Verachtung von Menschenleben“
Brexit-Chaos: Johnson telefoniert mit Merkel - und stellt eine Sache klar
Brexit-Chaos: Johnson telefoniert mit Merkel - und stellt eine Sache klar
Nächster Schock: Verletzter Lucas Hernandez muss sogar unters Messer - fällt er jetzt noch länger aus?
Nächster Schock: Verletzter Lucas Hernandez muss sogar unters Messer - fällt er jetzt noch länger aus?

Kommentare