Frau mit Kind stehen gelassen

Das sind die Regeln bei Ärger um die Busplätze

Castrop-Rauxel - Eine Mutter mit Kinderwagen kann nicht in den vollen Bus einsteigen. Zwei Mal hintereinander. Ein Einzelfall oder ein Grundsatzproblem? Nach der intensiven Diskussion im Internet haken wir nach: Welche Regeln gelten? Und: Zwei Reporter kommentieren unser Thema der Woche auf konträre Weise.

Eine Mutter mit Kinderwagen muss zweimal zusehen, wie der Bus, in den sie einsteigen will, ohne sie weiterfährt. Der Grund: Das Fahrzeug war voll. Der Bericht zu diesem Vorfall in der Linie 482 an der Habinghorster Straße von Montagnachmittag wurde viel gelesen und diskutiert, im Internet geteilt, bei den Lesern aber unterschiedlich aufgenommen. Die Kommentare bei Facebook reichen von "Wenn Bus voll, dann Bus voll! [...] Er (der Busfahrer) hat alles richtig gemacht" bis zu Vorwürfen: "Aber leider haben die meisten (Busfahrer) keine Lust, ihren bequemen Sitz zu verlassen und in ihrem Bus für Ordnung zu sorgen." So sieht es eine andere Nutzerin, die unseren Nachrichten bei Facebook folgt.

Erfahrungen, nicht mitgenommen worden zu sein, scheinen mehrere Menschen im Laufe der Jahre gemacht zu haben; gerade in den Stoßzeiten, also wenn die Schule beginnt oder endet.

"Für meine Tochter und ihre Mitschüler nichts Neues"

Nach unserem Bericht von Dienstag meldete sich Leser Ralf Feuersenger in der Redaktion: "Dass die Busse auf den Linien 480 und 482 auch Schüler an den Haltestellen stehen lassen müssen, weil sie voll sind, ist für meine Tochter und ihre Mitschüler nichts Neues." Seiner Erfahrung nach käme es seit Monaten alle zwei Wochen dazu, dass die 12-Jährige gut 45 Minuten später als geplant nach Hause käme. Ursache sei, dass die Linien 480 und 482 von Schülern der Gymnasien und der Willy-Brandt-Gesamtschule genutzt würden. Er habe sich vor einigen Wochen an die Beschwerde-Hotline gewendet. Geändert habe sich seitdem - nichts.

Auf Nachfrage bei den Dortmunder Stadtwerken (DSW21) erfährt man von Sprecherin Britta Heydenbluth: "Wir haben die Beschwerde von Herrn Feuersenger Ende November aufgenommen und bearbeitet." Um den Stoßzeiten zu Schulbeginn und -schluss zu begegnen, setze man auf den beiden Linien 480 und 482 täglich 18 Einsatzwagen ein, die morgens und mittags insgesamt 27 zusätzliche Fahrten absolvieren. Bei der Vestischen gibt es acht zusätzliche Fahrten pro Tag, HCR absolviert täglich 35 bis 40 Fahrten mit Einsatzbussen.

"Es tut uns leid"

"Dass die Mutter dennoch gleich zwei Mal hintereinander nicht in den Bus einsteigen konnte, tut uns leid", so Heydenbluth. Die Fahrer seien angehalten, solche Fälle zu melden, damit man nachsteuern könne. Das werde in diesem Fall auch passieren.

"Grundsätzlich müssen und wollen alle Verkehrsbetriebe jeden Fahrgast mitnehmen", sagt Dirk Rogalla, Pressesprecher der HCR. Die einzige Ausnahme: Radfahrer. Beim Einstieg haben laut Beförderungsbedingungen des VRR eine Frau mit Kinderwagen oder ein Rollstuhlfahrer Vorrang vor Radfahrern. Die Bestimmungen sagten ganz klar, dass eine Mitnahme nur dann erfolgen könne, wenn die Betriebs- und Platzsituation es zulasse, so Heydenbluth und Rogalla. Ist man erst einmal eingestiegen, gilt die Regel: "einmal drin, bleibt drin", sagt Heydenbluth. Im aktuellen Fall hätte das dem Busfahrer nicht geholfen. Es sei um Schulkinder gegangen, die der Busfahrer befördern muss.

Die Verkehrsunternehmen kündigen Reaktion an

Um Fahrgästen mit Kinderwagen, Fahrrädern, Rollstühle oder Rollatoren mehr Platz in den Fahrzeugen anbieten zu können, reagieren die Verkehrsunternehmen: "Bei Neuanschaffungen von Fahrzeugen wird die Sondernutzungsfläche vergrößert", sagt Norbert Konegen, Sprecher der Vestischen Straßenbahnen. Der Bereich im hinteren Teil der Busse sei dann 2,80 Meter lang, bei älteren Modellen nur 2,30 Meter. Bis jetzt sind 49 solcher Busse bei der Vestischen im Einsatz. Ab März kommen 12 weitere dazu. Die DSW21 habe 75 solcher Fahrzeuge im Einsatz, sagt Britta Heydenbluth.

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KOMMENTARE

War es in Ordnung, dass die beiden Busfahrer Frau und Kind am Dienstag vor den Linienbussen stehen ließen? Ein Pro und Contra aus der Redaktion:

CONTRA: Bitte mehr Menschlichkeit

Von Ann-Kathrin GumpertDass zwei Busfahrer eine Frau und ihr Kind hintereinander an der Haltestelle stehen lassen mussten zeigt, dass der ÖPNV nicht auf die jetzigen Bedürfnisse der Fahrgäste angepasst wurde. Mehr ältere Menschen mit Rollator nutzen den Bus und auch Mütter kutschieren ihre Kinder nicht mehr nur im Auto durch die Gegend - vor allem im Ballungsraum Ruhrgebiet. Doch für Kinderwagen und Rollatoren ist zu wenig Platz in den Bussen. Da sind die Verkehrsgesellschaften und die Politik gefragt!

Aber auch die Busfahrer hätten sich in dieser Situation anders verhalten können. Menschlichkeit ist hier das Stichwort. Eine kurze Durchsage im Bus hätte vielleicht dazu geführt, dass die Menschen etwas zusammenrücken und doch noch Platz für die Mutter ist. Und vielleicht hätte auch noch jemand anderes ein Herz bewiesen und wäre ausgestiegen, um Mutter und Kind Vorrang zu gewähren. Nachfragen hilft! Das kostet nur zwei Minuten und hätte den Zeitplan des Busunternehmens wohl kaum durcheinandergebracht.

PRO: Mehr als voll geht nun mal nicht

Von Tobias Weckenbrock

Wenn zwei Busfahrer die gleiche Lösung für ein Problem finden, dann kann das eigentlich nur heißen: Es ging einfach nicht anders. Ihre Busse waren voll; die Frau mit dem Kinderwagen konnte nicht mehr einsteigen. Was soll ein Busfahrer in dieser Situation tun?

Sicher wäre Kommunizieren sinnvoll gewesen. Eine Durchsage, Platz zu machen, hätte vielleicht etwas gebracht. Oder der Hinweis an die Frau: Sorry, wir sind voll, nehmen Sie bitte den nächsten Bus. Keine Frage: Als Fahrgast und Steuerzahler hat man ein Anrecht auf Beförderung. Ist man gehbehindert oder mit Kleinkind unterwegs, umso mehr. Aber dieses Anrecht haben auch Schulkinder.

Der Ärger der Mutter ist nachzuvollziehen. Die Debatte ist hilfreich. Aber doch gilt: Mehr als voll geht nicht. Mehr Busse kosten mehr Geld. Und mehr zahlen will auch niemand.

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