Großfamilie auf Wohnungssuche

Familie Rahmann und ihr Kampf an vielen Fronten

Castrop-Rauxel - Die Entwicklung des Mietwohnmarkts in den zurückliegenden Jahren ist bedenklich. Vor allem Haushalte mit niedrigem Einkommen haben es zunehmend schwerer, eine geeignete Bleibe zu finden. Davon kann die fünfköpfige Familie Rahmann aus Castrop-Rauxel ein leidvolles Liedchen singen. Doch was genau sind die Ursachen?

70 Quadratmeter, drei Zimmer mit Küche, Bad und Balkon - so wohnt Familie Rahmann zurzeit. Das klingt erst einmal nicht schlecht. Und doch ist es für die Familie jeden Tag ein Kampf. Ein Kampf, den zur Verfügung stehenden Platz so zu nutzen, dass alle etwas davon haben. Denn die Rahmanns leben zu fünft in der Castroper Mietwohnung im sechsten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses an der Bahnhofstraße.

Mutter Natalie (28) und Vater Marc (31) sind derzeit beide auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Ihren drei Kindern - Tochter Santa (5), Sohn Jayden (1) und Celine (3 Monate) - versuchen die zwei dennoch alles zu bieten, was ein kinderwertes Leben auszeichnet. Nur beim Thema Wohnraumplatz stoßen die Eltern an Grenzen. "Das ist schon traurig, wenn Santa jeden Abend ihre Spielsachen in den Schrank räumen muss, weil sie sonst nicht mehr zu ihrem Bett kommen würde", sagt Natalie Rahmann mit Wehmut in der Stimme.

Und das muss die Fünfjährige nicht machen, weil sie so viele Spielsachen hat. Ihr Zimmer ist schlicht zu klein, um sie aufgebaut stehen zu lassen. Knapp 13 Quadratmeter, von denen ein Großteil durch ihr kleines Bett und einem alten Holzschrank verschlungen werden.

Wohnzimmer als Lebensmittelpunkt

Dabei ist Santa noch die einzige der Familie, die ein separates Zimmer ihr Eigen nennt. "Wir haben keinen Rückzugsort", sagt Marc Rahmann. Das lichtdurchflutete Wohnzimmer ist der Lebensmittelpunkt der Familie. Richtig gemütlich ist es nicht. Alte DHL-Kartons stehen unter dem Fernseher, der gegenüber der bunten Couch an der Wand hängt. "Wir heben darin alle Kleidungsstücke von Santa für Celine auf", erklärt Natalie Rahmann. "Wir haben sonst keinen anderen Platz dafür."

Auch nicht im Elternschlafzimmer, das noch kleiner als das Kinderzimmer von Santa ist. Ein Ehebett, ein kleines Bett für Sohn Jayden und ein Babybett für Tochter Celine - mehr passt nicht rein. Es ist erschreckend eng. So eng, dass Natalie Rahmann zuletzt mit der jüngsten Tochter im Wohnzimmer nächtigte. "Wenn die Kleine weint, sind sofort alle wach. Und wenn jemand auf die Toilette muss, ebenfalls", sagt sie.

Eine angenehme Nachtruhe kann es im Wohnzimmer wahrlich nicht sein. Ist es windig, klappern die Fenster, es zieht und es wird frisch. "Die Fenster schließen nicht richtig ab", erklärt Marc Rahmann. Damit es halbwegs auszuhalten ist, steht ein rotes Kissen in der Ecke des großen Wohnzimmerfensters. Es soll etwas abdichten. Das Rot steht im Kontrast zur großen blau-weißen Schalke04-Fahne, die im Fenster hängt und den Lichteinfall etwas reduziert. "Schalke ist meine große Leidenschaft", sagt Marc Rahmann und ein Lächeln huscht dabei über sein Gesicht.

762,30 Euro Brutto-Kaltmiete stehen der Familie zu

Einen Ausweg aus der aktuellen (Wohn-)Situation zu finden, ist nicht einfach für die fünfköpfige Familie. "Wir sind bescheiden, aber ein Zimmer oder 15 Quadratmeter mehr müssten es schon sein, damit sich die Lage bei uns entspannt", sagt Natalie Rahmann. Und genau da fangen die Probleme der Rahmanns an. 762,30 Euro Brutto-Kaltmiete stehen der Familie vom Jobcenter pro Monat zu. Diese Unterstützung nennt sich "Kosten für Unterkunft und Heizung".

Wobei die Heizkosten nicht grundsätzlich komplett vom Jobcenter übernommen werden. Die Berechnung dieser sogenannten "Angemessenen Bedarfe" beruht auf dem sogenannten Schlüssigen Konzept des Jobcenters Kreis Recklinghausen. Gültig ist es seit dem 1. November 2015. Je nach Wohnlage und Quadratmeter-Mietpreis haben die Rahmanns also eine Summe zur Verfügung, mit der ihre Wohnwünsche realisierbar wären. "Klappen tut es dennoch nicht. Wir suchen bereits seit zwei Jahren", stöhnt Marc Rahmann.

Dass die Suche der Familie bisher ergebnislos verlief, hat Gründe. "Der Wohnungsmarkt hat sich in den vergangenen Monaten und Jahren sehr verändert", sagt Patrick Hesse. Er ist Immobilienfachwirt und arbeitet für die LBI Immobilien aus Castrop-Rauxel. Zum einen sei die Nachfrage an großen Wohnungen, also mit vier Zimmern aufwärts, gestiegen - zum anderen gäbe es von diesen Quartieren schlicht zu wenige. Hesse erklärt: "Viele Immobilienbesitzer haben in den zurückliegenden Jahren auf die niedrigen Geburtenzahlen reagiert und größere Wohnungen in zwei oder mehr kleine umgewandelt, um der Bedarfssituation gerecht zu werden."

Geringe Fluktuationsrate

Zudem sei die Fluktuationsrate bei großen Wohnungen deutlich geringer als bei kleineren. Somit kommen auch weniger Wohnungen dieser Art auf den Markt. "Haben Familien einmal eine passende Wohnung gefunden, dann behalten sie diese nach Möglichkeit so lange, bis die Kinder aus dem Haus sind", sagt Hesse. Und selbst danach sei es nicht klar, dass die Wohnung wieder auf den Markt käme. "Den Schritt eines Umzugs sparen sich viele, die es sich leisten können", so der Immobilienfachwirt.

Mischa Lenz, Pressesprecher der LEG Immobilien AG, hat noch weitere Ursachen ausgemacht, die zum aktuellen Mangel an großen Wohnungen geführt haben. Zumindest was den Bestand der LEG betrifft. Lenz sagt: "Ursache sind aus unserer Sicht die Baujahresklassen der Gebäude. Unser Hauptbestand in Castrop-Rauxel wurde in den 50er- und 60er- bis 70er-Jahren errichtet." Hintergrund: Nach dem 2. Weltkrieg sei der Anspruch an den Wohnraum noch ein anderer als heute gewesen. "Die Familien waren froh, wenn sie eine 2,5-Zimmer-Wohnung hatten", so Lenz. Nach und nach sei jedoch der Wohnanspruch gestiegen.

Darum seinen in den 60er- und 70er-Jahren vornehmlich 3,5-Zimmer-Wohnungen gebaut worden. Zu klein für eine Großfamilie der heutigen Zeit. Zwar würden bei neuen Bauvorhaben auch größere Wohnungen gebaut, so Lenz, aber die seien für alle Zielgruppen gedacht. Also Singles, Paare und Familien - aber nicht zwangsläufig für Großfamilien. "Der Bestand an großen Wohnungen hat sich nicht verändert, aber die Gewichtung nach Räumen ist heute eine andere", so Lenz.

Vorurteile als große Hürde

Es gibt aber noch etwas ganz anderes, das den Rahmanns während der Suche immer wieder ins Gesicht schlägt: Vorurteile. Dass beide Hartz-IV-Empfänger sind, daraus machen die Eheleute, die seit sieben Jahren ein Paar sind, kein Geheimnis. "Aber es ist eben ein Makel, den wir mit uns rumtragen", so Marc Rahmann. Ein Makel, der bei vielen Vermietern direkt auf Ablehnung stößt. "Wir haben schon so oft gehört: ?Wie? Hartz IV? Ne, danke. So was will ich nicht.' Das tut jedes Mal richtig weh", sagt Natalie Rahmann mit bedrückter Stimme.

Dass solche Vorfälle keine Ausnahme sind, bestätigt Uwe Blase von den Blase Immobilien aus Castrop-Rauxel. "Das kommt immer wieder vor. Dabei sind doch Menschen, die ALG II beziehen, keine Menschen zweiter Klasse." Trotz Vorurteilen kann ein Makler mitunter auch ALG-II-Familien helfen. Blase berichtet: "Vor nicht allzu langer Zeit haben wir einer solchen Familie außerhalb des Kreises eine neue und ausreichend große Wohnung vermitteln können." Eine Tatsache, die auch Familie Rahmann Mut machen sollte, sagt er. Blases Tipp: "Wichtig ist, niemals den Mut zu verlieren und stets mitanzugeben, dass man ALG II bezieht. So kann ein Makler zielgerichtet die Angebotspalette nach einem passenden Angebot durchsuchen."

Bisher haben die Rahmanns bei der Wohnungssuche auf einen Makler verzichtet. "Wir haben in der Zeitung und auf Facebook nach Angeboten geschaut", sagt Natalie Rahmann. Die Eheleute waren in dem Glauben, dass die Arbeit eines Maklers ihr schmales Budget sprengen würde. Ein Irrglaube. Denn: Seit einigen Jahren gilt das "Besteller-Prinzip". Patrick Hesse erklärt: "Wenn ein Kunde eine passende Wohnung in unserem vorhandenen Angebot findet und es zu einer Vermittlung kommt, dann zahlt der Vermieter und nicht der Mieter die Provision." Anders sei es hingegen, wenn ein Kunde den Makler gezielt beauftrage, eine geeignete Wohnung zu finden. Für Familie Rahmann und andere Betroffene heißt das: Ein Blick in das Angebot der örtlichen Makler kann sich lohnen und kostet keinen Cent.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem, das Familie Rahmann die Suche erschwert. Natalie Rahmann verschränkt die Arme, holt tief Luft und sagt dann: "Da gibt es noch einen kleinen Schufaeintrag. Die Sache ist aber längst geklärt." Vor knapp zehn Jahren habe sie mal eine Handyrechnung nicht pünktlich bezahlen können. "Das hängt mir jetzt bis heute nach. Ich versteh das nicht", sagt sie. Dabei ist die Sache klar: Eines der wichtigsten Kriterien, von denen ein Vermieter den Abschluss eines Mietvertrages abhängig macht, ist die Zahlungsfähigkeit und Zahlungsmoral des potenziellen Mieters. "Dabei spielt auch keine Rolle, was genau der oder die Schufaeinträge zu Tage fördern. Sie sind ein Indikator für schlechte Zahlungsmoral. Das schreckt viele Vermieter eben ab", erklärt Immobilien-Fachwirt Patrick Hesse.

Natalie Rahmann wünscht sich jedenfalls etwas mehr Nachsicht: "Es war eine kleine Jugendsünde. Wir sind eine anständige Familie, keine Asis. Und das Jobcenter zahlt pünktlich die Miete." Dass das Jobcenter die Miete direkt an den Vermieter abführt, haben die Rahmanns veranlasst. "Das ist nicht der Regelfall, aber auf Antrag unserer Kunden natürlich möglich", sagt Thomas König, Pressesprecher des Jobcenters im Kreis Recklinghausen.

Anders sei die Sachlage, erklärt König, wenn bekannt sei, dass der Kunde Schulden- oder Suchtprobleme habe. "Dann überweisen wir auch ohne Antrag die Miete direkt an den Vermieter." Das Argument, ALG-II-Empfänger seien als Mieter ein Risiko, da die Mietzahlung nicht gewährleistet sei, ist also nach entsprechenden Vorkehrungen der Betroffenen nichtig. Und doch bekommen die Rahmanns genau dieses Scheinargument immer wieder um die Ohren gehauen. Zuletzt bei einer Wohnungsbesichtigung im Stadtteil Ickern. "Das ist verletzend und frustrierend. Wir machen doch alles, was möglich ist", sagt Marc Rahmann geknickt.

Auch Dr. Tobias Scholz kann die Vorbehalte dieser Vermieter nicht nachvollziehen. Er ist wohnungspolitischer Sprecher des Mietverein Dortmund und Umgebung, der auch in Castrop-Rauxel eine Zweigstelle hat. "Ist alles richtig veranlasst, dann sind ALG-II-Bezieher für den Vermieter gute Mieter, was die Mietzahlung anbelangt." Und Tobias Scholz rät allen Betroffenen dazu, einen Wohnberechtigungsschein zu beantragen. "Damit darf der Besitzer öffentlich geförderte Wohnungen beziehen." Zwar sei die Anzahl dieser geförderten Wohnungen verhältnismäßig gering, aber das Spektrum der potenziell in Frage kommenden Wohnungen würde durch den Wohnberechtigungsschein erhöht. "Den haben wir noch nicht", sagt Marc Rahmann, "aber wir könnten ihn ja jederzeit beantragen."

Und genau das ist es, was die Rahmanns machen müssen - alle Möglichkeiten ausschöpfen. Das bedeutet auch, flexibel zu sein. "Und es kommt darauf an, wie sich der oder die Betreffenden bei einem Besichtigungstermin präsentieren", so Immobilienfachwirt Patrick Hesse. Aber das, sagt Natalie Rahmann, würden sie und ihr Mann ohnehin in vorbildlicher Weise tun. Und dann wird die junge Mutter nachdenklich, zieht die Augenbraue hoch und sagt: "Aber wir wissen auch, dass wir wohl etwas von unserer Wunschvorstellung abrücken müssen - denn wünschen kann man sich viel."

Zusage für einen Kita-Platz

Im Falle der Rahmanns wäre das eine Wohnung in der Nähe ihres bisherigen Wohnortes. Der Kindergarten ist bis dato in unmittelbarer Nähe und für Sohn Jayden hat Natalie Rahmann bereits die Zusage für einen Kita-Platz im kommenden Jahr. Angesichts der Knappheit dieser Plätze würden die Rahmanns gerne eine neues Zuhause in der näheren Umgebung finden. "Also maximal 15 Minuten Fahrzeit vom Kindergarten entfernt", sagt Marc Rahmann, während er den jüngsten Sprössling, Tochter Celine, liebevoll im Arm wiegt. "Ja, das wäre schön", seufzt seine Frau.

Die Hoffnung aufgegeben haben die beiden jedenfalls noch nicht. Auch ihrer drei Kinder zuliebe.

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