Hebammen in Castrop-Rauxel fehlen

Das Geburten-Dilemma: Immer mehr Babys, aber weniger Hebammen

Bladenhorst - Wer in diesem Jahr noch eine Hebamme braucht, wird Probleme haben, eine zu finden. Während die Geburtenrate steigt - von 2011 bis 2017 gab es auch in Castrop-Rauxel jährlich mehr neugeborene Bürger -, sinkt die Zahl der Hebammen ständig. Die hohe Versicherungs-Summe ist dabei nur ein Grund von vielen.

Die drei Wochen alte Nele strampelt vergnügt auf dem Wickeltisch, als Gabriele Wetterkamp-Prott hereinkommt: "Na, du bist aber gut geworden!" Eine Woche lang hat die Hebamme Familie Gratzki nicht gesehen. Im Leben eines Neugeborenen und seiner Familie eine lange Zeit.

Die Hebamme holt ihre Waage heraus - eine Art Stofftasche - und steckt Nele hinein. Die ist jetzt gar nicht mehr vergnügt, sondern beschwert sich lautstark. Aber das Ergebnis ist zufriedenstellend: 3450 Gramm. Das sind 280 Gramm mehr als bei der Geburt. Weiter geht es mit der Nachsorge: Schläft Nele gut? Führt sie regelmäßig ab, gibt es sonstige Probleme? Mutter Carina Gratzki glaubt, ihr Baby habe manchmal Bauchschmerzen, dagegen hilft eine kleine Massage mit Öl oder zur Not auch ein Zäpfchen. "Je weniger ich mache, desto besser", erklärt die Hebamme. Sie erkundigt sich auch nach dem Wohlbefinden der Mutter. Der geht es wunderbar, sie ist ganz verliebt in ihr Mädchen im pinken Strampler.

"Manche rufen an und betteln"

Für Gabriele Wetterkamp-Prott ist das Routine. Sie arbeitet seit 38 Jahren in dem Beruf. In der Zeit hat sich viel verändert. Während sich die Frauen früher noch eine Hebamme aussuchen konnten, müssen sie heute froh sein, überhaupt eine zu finden. "Manche rufen echt an und betteln darum, betreut zu werden", erklärt die Castrop-Rauxelerin.

Carina Gratzki hatte Glück. Sie hat sich erst in der 24. Schwangerschaftswoche um eine Hebamme bemüht. "Ich habe das lange vor mir hergeschoben", erzählt die 37-Jährige, während sie ihrer Tochter eine frische Pampers um den Mini-Popo wickelt. Viele rufen bei Wetterkamp-Prott schon in der zwölften Schwangerschaftswoche an. "Das ist früh, aber es geht nicht anders." Das ist ein Indiz dafür, dass es zu wenige - mindestens aber weniger Hebammen gibt als noch vor einigen Jahren.

Genaue Zahlen hat weder der Hebammenverband, wo die Geburtshelfer Mitglied sein können, aber nicht müssen, noch das Gesundheitsamt, bei dem freiberufliche Hebammen gemeldet sein müssen. Im Kreis Recklinghausen sind es insgesamt 131 - Zahlen für Castrop-Rauxel gibt es nicht.

Unklar, wie viele Hebammen es gibt

Das Recht auf Hebammenhilfe wird Frauen in Deutschland gesetzlich zugesichert. Wie viele Hebammen es tatsächlich in Deutschland und in NRW gibt und auch welche Leistungen die Frauen in Anspruch nehmen, ist unklar. Der Deutsche Hebammenverband schätzt, dass es rund 36.000 Hebammen in Deutschland gibt, davon arbeiten aber viele auch in Teilzeit. Wer Vollzeit, wer Teilzeit arbeitet, ob nur Vor- und Nachsorge oder auch Geburtshilfe, das soll das jetzt ein Forschungsprojekt aus dem Studienbereich Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit in Bochum herausfinden.

Hebammen und Eltern sollen teilnehmen und einen Online-Fragebogen ausfüllen. Die Initiatoren des Projekts wollen auch herausfinden, welche Leistungen Frauen und ihre Familien in Anspruch nehmen (wollen). Sei es die Betreuung vor der Geburt - oft in Form von Gesprächen, Geburtsvorbereitungskursen oder auch Akupunktur, Hilfe bei der Geburt selbst oder auch nach der Geburt in Form von Hausbesuchen und Wochenbettbetreuung wie es Familie Gratzki gerade erlebt. Dabei können Hebammen nicht nur die Klassiker abfragen, sondern auch helfen, wenn die Kinder viel schreien, nur auf einer Seite liegen wollen oder am liebsten getragen werden. Manche Hebammen bieten spezielle Trageberatungen an.

Die Wünsche der Familien werden in dem Forschungsprojekt abgeglichen mit den gesetzlich festgelegten Möglichkeiten. Voraussetzung für eine Erfüllung ist aber, dass es genügend Hebammen gibt. "Der Markt ist knapp"

Im St.-Rochus-Krankenhaus sind 14 Hebammen, verteilt auf neun Stellen, fest angestellt. Zwei Stellen sind gerade neu besetzt. Die angestellten Hebammen helfen den Frauen bei der Geburt und betreuen sie danach im Krankenhaus. "Sie nehmen, was kommt", erklärt Michael Glaßmeyer. Wenn eine Frau am Kreißsaal klingelt sind sie da und helfen dem Kind auf die Welt. Sie schauen, dass die Babys gerade in den ersten Tagen nach der Geburt gut Welt ankommen, gesund sind und helfen den Frauen beim Füttern - sei es Stillen oder Flasche. Dann wird sie entlassen - meist in die Hände einer Beleghebamme, die im Anschluss noch Hausbesuche macht. "Auf 100 Geburten rechnen wir eine Stelle", erklärt Dr. Michael Glaßmeyer, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am St. Rochus. Rund 900 Frauen entbinden jährlich im St. Rochus.

Glaßmeyer: "Wir könnten noch eine Schippe drauflegen." Arbeit gebe es genug und auch die räumlichen Kapazitäten seien vorhanden. Was fehlt, ist das nötige Budget. Und Hebammen. "Die bekommen ja auch gerne selbst Kinder", fügt der Chefarzt lachend an.

Früher sei es einfacher gewesen, die Stellen zu besetzen. Glaßmeyer: "Der Markt ist knapp." Es würden zwar immer mehr Geburtstationen schließen, aber entweder orientieren sich die Geburtshelfer um, oder sie werden sofort wieder abgeworben. "Meistens finden wir unsere Hebammen über Mundpropaganda", so Glaßmeyer

In der Wiege, dem Zentrum für Geburt und Familie, das ans Rochus-Hospital angeschlossen ist, arbeiten noch fünf Beleghebammen. Glaßmeyer: "Wenn heute eine Hebamme anruft, kann sie morgen in der Wiege anfangen, Termine zu machen." Eine Beleghebamme ist selbstständig und kann die Frau vor, bei und/oder nach der Geburt im Krankenhaus und/oder zu Hause begleiten.

Vor der Geburt sind Frauen oft eng mit der Hebamme in Kontakt, was zu tun ist, wenn sich das Kind nicht von alleine auf den Weg machen will, wann es Zeit ist, ins Krankenhaus zu fahren. Wer eine Beleghebamme gefunden hat, kann somit von derselben Person vor, während und nach der Geburt betreut werden. Beleghebammen arbeiten zum Teil in Krankenhäusern, sie bieten aber auch Hausgeburten an.

Frauen kommen immer früher

Carina Gratzki verzichtete auf das Betreuungs-Komplett-Paket mit Hebamme vor der Geburt. Erst als die Wehen einsetzten, hat sich die 37-Jährige auf den Weg zum Arbeitsort ihrer Hebamme, ins St.-Vincenz-Krankenhaus nach Datteln, gemacht. Knapp drei Stunden später war Nele schon auf der Welt. Das funktioniert nicht immer so reibungslos. "Die Frauen kommen im Vergleich zu der Zeit, als ich anfing, immer früher", weiß Wetterkamp-Prott. Die werdenden Mütter wollen nichts mehr selbst verantworten, die Gynäkologen seien auch vorsichtiger geworden.

Im Umkehrschluss bedeutet das mehr Arbeit für die Hebammen im Kreißsaal und mehr Verantwortung. Das sind nur zwei Gründe für den aktuellen Hebammen-Mangel. Wer ist schon bereit, bei Samstag-Sonntag-Feiertag-Nacht-Schichtdienst, die Verantwortung für zwei Menschenleben zu tragen, wenn er für einen risikoarmen und fehlertoleranten Posten bei einem geregelten Montag-Freitag-Job das gleiche Geld bekommt?

Dr. Glaßmeyer hält dagegen: "Was ist positiver als der Beruf der Hebamme? Wo gibt es so viel Feedback? Haben Sie schon mal jemanden freudig mit seiner neuen Hüfte über den Hof gehen sehen?" Mit seinem neuen Baby gehe hingegen jede(r) froh über den Hof.

So auch Carina Gratzki mit Mann Danny (37) und Nele. Bevor sie Eltern wurden war das Paar voll berufstätig. Sie im Vorzimmer des Technischen Beigeordneten bei der Stadt, er beim EUV. Carina Gratzki wird es jetzt erst mal ein Jahr zu Hause bleiben und sich um ihr Kind kümmern. Aus ihrer Perspektive ist die Hebamme ein Segen. "So ein Baby ist eine riesen Umstellung", erklärt die frisch gebackene Mutter, während Nele erschöpft auf ihrem Arm eingeschlafen ist.

"Beim ersten Kind noch unerfahren"

Noch vor ein paar Wochen habe sie sich die Hundeleine geschnappt und sei mit ihrem Vierbeiner Lana eine Runde gelaufen - das ist jetzt nicht mehr so einfach möglich. Baby und Kinderwagen müssten auch mit und der richtige Zeitpunkt sei entscheidend, erklärt Gratzki. Gabriele Wetterkamp-Prott habe ihr und ihrem Mann viele Handgriffe gezeigt und auch geholfen, als es mit dem Stillen nicht klappen wollte.

"Beim ersten Kind ist man einfach noch unerfahren", so Gratzki, die mit ihrer Familie auf einem Pferdegestüt in der Nähe des Schlosses Bladenhorst wohnt. Bevor ihr Mann Danny beim EUV angefangen hat war er Trabrennfahrer und Trainer. Gabriele Wetterkamp-Prott hat die Erfahrung gemacht, dass mittlerweile auch viele Zweit- und Drittgebärende die Hilfe von Hebammen in Anspruch nehmen. "Auch das war früher anders."

Zudem habe sich die Anzahl der Hausbesuche erhöht. Bei Familie Gratzki klingelte sie, nachdem Mutter und Kind aus dem Krankenhaus entlassen waren, jeden Tag. Das ist inzwischen so üblich. "Früher fühlten sich die Frauen nach ein bis zwei Besuchen gestärkt", so die 62-jährige Hebamme. Dann war für sie die Arbeit zumeist erledigt.

Heute haben die Frauen sogar ein Recht darauf, ihre Hebamme noch einmal zu konsultieren, wenn sie ihr Kind etwa mit einem halben Jahr von Milch auf feste Kost umstellen wollen.

Hierarchien im Krankenhaus

Wenig Geld, viel Verantwortung, viel Arbeit, anstrengende Arbeitszeiten und zum Teil auch die Hierarchien, die im Krankenhaus herrschen: Das sind für Wetterkamp-Prott Gründe für den Hebammen-Mangel: "Vielleicht sind es manchmal auch die Ärzte, die es einem irgendwann verleiden." Dabei will sie das für das St.-Vincenz-Krankenhaus nicht bestätigen und auch Glaßmeyer hört dieses Argument nur ungern. Wetterkamp-Prott habe aber von anderer Stelle schon öfter gehört, dass Ärzte versuchten, die Hebammen klein zu halten.

Letztendlich seien bei der Diskussion um höhere Versicherungs-Beiträge in den vergangenen Jahren viele Hebammen ausgestiegen und hätten sich anders orientiert. Selbstständige Hebammen, die Geburten betreuen, müssen hohe Haftpflichtprämien bezahlen, um sich gegen die Folgekosten möglicher Fehler abzusichern. Die Fehler der Hebammen, die zu einem Versicherungsfall führen, sind nach Angaben des Deutschen Hebammenverbandes seit Jahren gleichbleibend. Aber die Kosten, die ein möglicherweise behindertes Kind verursacht, steigen etwa durch bessere Therapiemöglichkeiten seit Jahren an.

Festangestellte sind über ihren Arbeitgeber versichert.

70 bis 80 Prozent der Hebammen selbstständig

Laut Deutschem Hebammenverband sind 70 bis 80 Prozent der Hebammen selbstständig, so entgehen sie dem Schichtdienst im Krankenhaus, können Beruf und Familie besser vereinen und verdienen - wenn sie gut wirtschaften - mehr als die Festangestellten (Einstiegsgehalt laut Hebammenverband: rund 2700 Euro brutto). Die wenigsten freiberuflichen Hebammen leisten jedoch Geburtshilfe. Um den hohen Versicherungsprämien zu entgehen beschränken sie sich auf die Nachsorge.

Zwischen 300 und 700 Euro bekommt eine freie Hebamme für eine normale Geburt, je nachdem, ob sie im Krankenhaus, zuhause oder im Geburtshaus stattfindet. Für die Versicherung sind aber über 7800 Euro im Jahr fällig. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Haftpflichtprämien nach Angaben des Deutschen Hebammenverbandes demnach verfünffacht.

Mit den Kassen wurde vor drei Jahren ein Sicherstellungszuschlag vereinbart: Wer ein bis zwei Geburten pro Quartal macht und einen Qualitätsnachweis erbringt, erhält einen Großteil der Summe zurück. Als es nach langem Ringen zu dieser Einigung kam, hatten einige ihre Hebammen-Tasche aber schon abgestellt - für immer.

Langsame Entwöhnung von der Mutter

Gabriele Wetterkamp-Prott holt ihren Kalender hervor. In zehn Tagen will sie wieder bei Familie Gratzki vorbeikommen und nach dem Baby schauen. Nach und nach wird sich die Familie von der Hebamme entwöhnen. Wetterkamp-Prott: "Zur Not bin ich ja telefonisch immer zu erreichen." Für die 62-Jährige ist der Beruf immer noch wunderschön und spannend. Sie wird die Baby-Waage nicht so schnell in den Schrank legen. Bis Ende des Jahres ist ihr Kalender erst einmal voll.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Achtung, Autofahrer: Auf diesem Marler Parkplatz kann es jetzt richtig teuer werden
Achtung, Autofahrer: Auf diesem Marler Parkplatz kann es jetzt richtig teuer werden
Mega-Deal des BVB: Folgt jetzt der Großangriff auf den FC Bayern?
Mega-Deal des BVB: Folgt jetzt der Großangriff auf den FC Bayern?
Nächster Tiefschlag: Freigabe der Hebewerkbrücke bleibt für lange Zeit ausgeschlossen
Nächster Tiefschlag: Freigabe der Hebewerkbrücke bleibt für lange Zeit ausgeschlossen
Sternschnuppen im November 2019: Wie lange sind Leoniden im November zu sehen?
Sternschnuppen im November 2019: Wie lange sind Leoniden im November zu sehen?
Fritz von Weizsäcker ermordet: Motiv bekannt - Expertin erklärt die Hintergründe
Fritz von Weizsäcker ermordet: Motiv bekannt - Expertin erklärt die Hintergründe

Kommentare