Hedwig Kiesekamp

Wer ist die Frau, nach der eine Straße in Henrichenburg benannt ist?

Hedwig Kiesekamp ist für viele nur ein Straßenname. Doch wer ist das überhaupt? Hinter dem Namen steckt die langjährige Geschichte einer Heimatdichterin aus Henrichenburg.

Eine ruhige Straße, die von Westen aus direkt auf den Kirchplatz der Henrichenburger St.-Lambertus-Kirche führt. Es ist still, man hört nur ein paar Kinderstimmen vom Spielplatz des Kindergartens. Laut wird es hier eigentlich nur, wenn der Löschzug der Feuerwehr aus seinem im Jahre 2015 erneuerten Gerätehaus ausrückt. Das ist die Hedwig-Kiesekamp-Straße in Henrichenburg. Aber wer war Hedwig Kiesekamp überhaupt? Viele Straßen sind nach Persönlichkeiten benannt, aber die wenigsten Bewohner beschäftigen sich mit den Namenspatronen ihrer Heimatstraße.

Das zeichnet sich auch an der Hedwig-Kiesekamp-Straße ab. Anwohnerin Karen Schemberger antwortet auf die Frage, ob sie Kiesekamp kenne: "Nein, obwohl wir hier schon lange leben." Auch Nachbar Michael Rottmann gibt zu, dass er sich wenig mit der Geschichte der Straße und ihrer Namenspatronin beschäftigt hat.

Eine gottbegnadete Sängerin und echte Heimatdichterin

Doch Anwohnerin Elisabeth Glahé kann endlich Licht ins Dunkel bringen: "Hedwig Kiesekamp war Dichterin." Und zwar eine in Westfalen sehr bekannte, wie der Studienrat Euler einst in den Heimatblättern vom 7. Februar 1922, einer Zeitschrift des Vereins Heimatpflege für Castrop und Umgebung, schrieb: "Und doch war Hedwig Kiesekamp nicht nur eine gottbegnadete Sängerin, sondern auch eine wahre und echte Heimatdichterin, und zwar eine Dichterin unserer engeren Heimat, eine Dichterin, die ich unseren westfälischen Größen würdig zur Seite stellen kann, die man mit Annette von Droste-Hülshoff ruhig in einem Atem nennen kann."

Dazu hat Kiesekamp noch eine ganz besondere Verbindung zum Castrop-Rauxeler Stadtteil Henrichenburg. Am 21. Juli 1846 wurde sie als Tochter von Gutspächter Herrmann Bracht im Haus Henrichenburg geboren. Ihr Mädchenname lautete Hedwig Caroline Theodora Maria Huberta Philomene Bracht. In Henrichenburg wuchs sie behütet in einer häuslichen und dörflichen Gemeinschaft auf. Sie erlebte blühende Wiesen, gelbe Getreidefelder und den Duft von frischgepflügtem Boden. Während ihrer Schulzeit stach sie durch ihre Fantasie und ihre Begabung beim Vortragen von Gedichten und Aufsatzschreiben aus der Menge.

Mit 15 Jahren verließ sie Henrichenburg, um das Kloster der Ursulinerinnen in Maseyk, Belgien zu besuchen. 1864 heiratete sie in Münster den späteren Handelskammerpräsidenten Wilhelm Kiesekamp. Dort begann sie bei Prof. Dr. Julius Otto Grimm ihre Ausbildung zur Sängerin und trat als Solistin des örtlichen Musikvereins auf und reiste viel als gefeierte Konzert- und Oratoriensängerin.

Ihre Gedanken wanderten jedoch immer wieder zurück an den Ort, an dem sie ihre Kindheit verbracht hatte: Henrichenburg. Sie hielt ihre Erinnerungen in Form von Gedichten und kurzen Geschichten fest. Wenn sie ihre Eltern in Henrichenburg besuchte, erkannte sie schmerzerfüllt den industriellen Wandel in ihrem Dorf und der gesamten Region. 1875 veröffentlichte sie erstmals ihre Geschichten für Kinder in Buchform. Kiesekamp wurde so bekannt, dass 1899 Gustav Koepper sie als Verfasserin "anmutiger Märchen- und schwermütiger Gedichtsbücher" beschrieb. Auch Max Reger hat einige Gedichte von Kiesekamp vertont. Wer nach Werken von ihr sucht, wird womöglich aber nicht immer fündig. Denn die Henrichenburgerin verfasste Dramen, Novellen und Jugendliteratur unter den Pseudonymen L. Rafael und Helene Kordelia.

Kein Begräbnis in Henrichenburg

Am 2. März 1919, vor einhundert Jahren, verstarb Hedwig Kiesekamp im Alter von 72 Jahren in ihrer Wahlheimat Münster. Ihr Wunsch, in ihrem Geburtsort Henrichenburg begraben zu werden, erfüllte sich nicht. An der Westmauer des Zentralfriedhofes in Münster steht ein Gedenkstein an die Künstlerin.

Doch das heimische Gefühl, das Kiesekamp so wichtig war, findet man heute immer noch in der Hedwig-Kiesekamp-Straße in Henrichenburg. "Ich wohne hier, seit ich lebe. Das sind mittlerweile 64 Jahre.", sagt Elisabeth Glahé. Auch Karen Schemberger fühlt sich wohl an der Hedwig-Kiesekamp-Straße: "Hier gibt es gute Nachbarn."

Bis 1933 hieß die heutige Hedwig-Kiesekamp-Straße noch Turmstraße und gehörte damals noch zum Amt Waltrop. In einem Beschlussbuch der Gemeindevertretung Henrichenburg hieß es am 27. April: "Tagesordnungspunkt 1: Wir schlagen dem Herrn Polizeipräsidenten vor folgende Straßen umzubenennen." In der Liste findet man auch die Turmstraße mit dem Vorschlag, diese in Hedwig-Kiesekamp-Straße umzubenennen.

Der Vorschlag wurde angenommen und umgesetzt. Schade nur, dass die Geschichte der Namenspatronin immer mehr in Vergessenheit gerät.

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