Katrin Lasser-Moryson im Interview

"Ich weiß nicht, wohin wir noch fallen können"

Schwerin - Katrin Lasser-Moryson ist Vorsitzende des größten Castrop-Rauxeler SPD-Ortsvereins Schwerin-Frohlinde-Dingen. Das sagte sie am 22. Februar sie im Interview zur Lage in der SPD und zum Basisentscheid über die Große Koalition.

Wie ist Ihre SPD-Stimmung?

Ausreichend minus bis mangelhaft plus. Was bei der Bundes-SPD gerade so passiert, das kann einen nicht zufrieden stellen aufgrund von unterschiedlichen Kurswechseln, Personaldebatten. Damit tun wir uns selber keinen Gefallen. Es fehlt Klarheit im Personal. Nicht in den Positionen, sondern in der Umsetzung.

Was meinen Sie damit?

Wir haben uns keinen Gefallen getan, dass wir gesagt haben, wir würden in keine Gespräche einsteigen. Wenn man sich wählen lässt, muss man gesprächsbereit sein. Jeder, der antritt, muss auch interessiert daran sein, zu gewinnen und zu regieren. Das so vehement abgelehnt zu haben und nach der Bedrängung umzuschwenken, das war auch schwierig. Und die Personaldiskussion, die oben drauf kommt, tut uns keinen Gefallen.

Heißt das denn, dass Sie lieber Martin Schulz an der Spitze gehalten hätten?

Auch eine gute Frage. Nein, glaube nicht. Wenn man nach einer Wahlniederlage, die wir hatten, muss man über personelle Aufstellung sprechen. Das waren wir von Anfang an nicht.

Ist denn Frau Nahles die richtige Wahl?

Nein, das gefällt mir auch nicht. Auch dieser Personalie wurde doch gar nicht richtig besprochen. Das kann ja nur unter sieben bis zwölf Leuten gewesen sein. Sie macht als Ministerin einen guten Job, und sie hat eine sehr spannende Art, aber das ist nicht das Führungspersonal, das wir brauchen.

Wen hätten Sie denn gern?

Das ist auch eine gute Frage. Diese Fragen stellen wir uns auch gerade. Sigmar Gabriel ist auch durch. Wir müssten uns einfach ganz neu aufstellen. Vielleicht brauchen wir dafür auch Zeit. Das tut einem ja auch ganz gut, wenn man sich innerlich erneuert - das kann man dann äußerlich auch wieder sehen. Justizminister Heiko Maaß gefällt mir gar nicht schlecht, aber er hat ja auch so seine Probleme in der Außendarstellung.

Wie entscheiden Sie denn jetzt ganz persönlich?

Ich habe mit Nein gestimmt. Meine Haltung hat sich auch nicht verändert in den vergangenen Monaten. Weil ich glaube dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir in eine GroKo einsteigen. Wir haben mit der Union gemeinsam bei der Wahl über 13 Prozentpunkte verloren. Das ist eine Entscheidung der Bevölkerung, dass man die Große Koalition nicht mehr möchte. Zudem müssen wir uns neu aufstellen - und das können wir in einer GroKo nicht voran bringen. Ich finde, dass das, was letztlich ausgehandelt wurde, gar nicht so schlecht ist ob des Wahlergebnisses, das wir erreicht haben. Das hat es mir nun auch schwerer gemacht, bei meinem Nein zu bleiben. Aber das ist wieder nur ein Aufschieben: Wenn jetzt gewählt würde, würden wir wieder vier oder fünf Prozentpunkte verlieren. Bei der Wahl in vier Jahren aber auch. Dann ist es in meinen Augen besser, sich gleich neu aufzustellen, als das ganze aufzuschieben. Es ist ein Dilemma.

Und wie ist es um Sie herum?

Mein Vater wird mit Ja stimmen. Er glaubt, dass es wichtig ist, wieder in eine ruhige Regierung zu gehen. Wir haben innerfamiliär viel diskutiert. Ich kann jeden Verstehen, der mit Ja stimmt. Ein Ende mit Schrecken wäre aber besser, denn wir werden nicht dazugewinnen in den dreieinhalb Jahren.

Wird dann ein einstelliges Wahlergebnis drohen?

Ich weiß nicht, wohin wir noch fallen können. Wir dachten ja auch vor vier Jahren nicht, dass wir bei 20 Prozent landen würden. Also ist es jetzt wichtiger, sich neu aufzustellen. Das, was wir möchten, scheint nicht anzukommen bei den Bürgern - das finde ich bedenklich. Da läuft einiges grob schief.

Auch in unserer letzten Regierungsphase sind einige gute Ergebnisse erzielt worden: die Rente mit 63, der Mindestlohn - Dinge, die aber am Ende beim Bürger nicht auf unserem Ticket standen. Wir müssen uns da anders vermarkten.

Und was ist in Ihrem Ortsverein los?

Da ist es ähnlich kontrovers. Wir sind ja noch relativ groß, haben darum auch einen Arbeitskreis Bildung. Der trifft sich einmal im Monat und hat ein Papier an den Stadtverband herausgegeben, in dem er sich gegen die GroKo ausspricht. Bildungsbeauftragter ist Ralf Biermann, und es ist eine Truppe, die sich politisch engagiert. Sie war auch schon gegen die Aufnahme von Sondierungsgesprächen. Der Vorstand aber ist geteilter Meinung. Und ist damit ein ganz gutes Abbild von dem, was in der Partei los ist. Wir haben lange überlegt, ob wir im Ortsverein einen Mitgliederbrief herausgeben, ich habe mich aber dagegen entschieden: Ich kann jeden verstehen, der dafür und dagegen stimmt. Und wollte keine neue Gemengelage schaffen.

Sehen Sie denn eine Chance für die SPD, zu überleben? Auch vor Ort?

Ich bin gespannt, ob und wie sich der Bundestrend, der auch zum Landestrend geworden ist, sich entwickelt und wie er sich bei uns vor Ort niederschlägt. Ob wir dagegen arbeiten können. Dass wir das müssen, ist klar. Lokal ist es einfacher, wiedergewählt zu werden. Aber man muss aufpassen, nicht unter den Bundes-Druck zu geraten.

Ob wir wieder zu einer Volkspartei werden, ist eine spannende Frage. Wir müssen dafür mit den Linken Gespräche aufnehmen, auch wenn das einige nicht hören wollen, denn es gibt für viele Themen in Deutschland eine linke Mehrheit. Vieles splittet sich heute durch die Trennung von den Linken auf. Da muss man tiefer in die Gespräche gehen, ob im Bund, Land - vielleicht sogar auch vor Ort. Denn auch vor Ort wird die politische Gesamt-Gemengelage nicht einfacher: Nicht umsonst haben wir erstmals eine Dreierkonstellation vor Ort gebildet.

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