Kiosk in Not

Der langsame Tod der Castrop-Rauxeler Trinkhallen

Castrop-Rauxel. - Keine Lutscher, keine Veilchen, keine Gummi-Schnuller: Die gemischte Tüte im Kiosk am Luftschacht ist Geschichte. Das Geschäft lohnte sich für den Betreiber Holger Lesny nicht mehr. Er sei nicht der letzte Kiosk in Castrop-Rauxel, der schließen werde, prophezeit der erfahrene Kaufmann. Wie schlecht steht es um die Kiosk-Landschaft in Castrop-Rauxel?

Lokale Zahlen gibt es keine. Die Stadt führt keine Statistiken darüber. Dass das Kiosksterben auch vor der Europastadt nicht Halt macht, steht aber außer Frage: "Oft werden alte Standorte nach dem Ausscheiden des Betriebes nicht übernommen, sondern aufgegeben", sagt Maresa Hilleringmann, Pressesprecherin der Stadt.

Es braucht keine Statistik, um zu wissen: In den vergangenen 15 Jahren sind zahlreiche Kioske geschlossen worden. In dem am Sandweg in Castrop werden jetzt Nägel lackiert, der an der Holtstraße wurde zu einer Wohnung umgebaut und im ehemaligen Kiosk gegenüber der Willy-Brandt-Gesamtschule werden heute Pizzen gebacken - ein Abbild der Kiosklandschaft in der Region. Während Marktforscher der Nielsen Company Mitte der 90er-Jahre noch rund 16.000 Buden zwischen Rhein und Ruhr zählten, sind es noch etwa die Hälfte.

Der Markt hat sich radikal geändert: Tankstellen, ausgedehnte Öffnungszeiten und Spätshops machen dem guten alten Kiosk das Leben schwer. "Das ist ein unheimlich starker Wettbewerb", sagt Professor Hendrik Schröder vom Lehrstuhl für Marketing und Handel an der Uni Duisburg-Essen. "Die Angebote sind vielfältiger und zahlreicher geworden. In allen Branchen stehen Verbrauchern eine kaum noch überschaubare Auswahl an Produkten zur Verfügung."

Die Ausbildung im Kiosk

Marion Utz vom Kiosk Kullig steht seit vielen Jahren hinter dem Tresen, hat eine Trinkhalle nach der anderen schließen sehen. Holger Lesny, der jetzt seinen Kiosk Am Luftschacht auf Schwerin für immer abschließt, hat sie einst ausgebildet. Während sie in typischer Ruhrpottmanier davon erzählt, treten zwei Jungen an die Theke: "Haben Sie Lollies?", fragt einer der beiden. "Ja klar, in Lakritz und Fruchtgeschmack", antwortet Utz. Sie legt beide Varianten auf den Verkaufstresen. Die Jungs entscheiden sich für Lakritz. Utz kassiert und erzählt weiter: "Heutzutage kann man ja sogar schon online Lotto spielen. Auch deshalb kommen jetzt weniger in den Laden."

Marion Utz merkt das. Der Umsatz geht stetig zurück. Erst gingen die Bergleute, dann kam mit den Discountern und Tankstellen die direkte Konkurrenz. "Man merkt darüber hinaus auch, dass die Leute weniger Geld in der Tasche haben", sagt die erfahrene Verkäuferin. Die Lage ist für die örtlichen Kioskbesitzer ernst. "Wer vom Geschäft heute noch leben will, muss sich strecken", sagt Ralf Mauermann vom Bonbon-Kiosk in Castrop. Er sehe die Situation entspannt, aber nur, weil seine Frau gut verdiene.

Geänderte Öffnungszeiten als Reaktion

Für Mauermann ist auch die hohe Arbeitslosigkeit ein Problem. Er sagt: "Die Menschen kaufen verständlicherweise bewusster ein. Sie überlegen sich, ob sie lieber frühzeitig zum Discounter fahren, als sonntags am Kiosk einzukaufen."

Für ihren Kollegen Ralf Krämer Grund genug, die Öffnungszeiten seines Kiosks in Dingen radikal zu ändern. Unter der Woche schließt er sein Geschäft schon am Nachmittag. An Sonn- und Feiertagen bleibt der Laden sogar ganz geschlossen. In dieser Zeit geht Ralf Krämer neuerdings einem sicheren Job nach. "Ich bin froh darüber, eine Teilzeitstelle im Bereich Elektrotechnik gefunden zu haben." Vom Kiosk könne er seinen Lebensunterhalt jedenfalls schon lange nicht mehr beschreiten.

Laut Professor Hendrik Schröder vom Lehrstuhl für Marketing und Handel von der Universität Duisburg-Essen gibt es drei elementare Aspekte, mit denen Trinkhallen- und Kioskbesitzer zu kämpfen haben: Absatzmarkt, Einkaufsseite und Aufwand. Grundsätzlich sind diese Bereiche für alle Unternehmen und Selbstständige zentral, aber Trinkhallenbetreiber müssten, sagt Schröder, gerade im Bereich Aufwand deutlich mehr investieren als zum Beispiel ein Großunternehmen, in dem die Abläufe optimiert und die Aufgaben auf viele Schultern verteilt seien.

Davon kann Mauermann ein Lied singen: "Ein normaler Arbeitstag im Laden kann schnell zehn Stunden dauern. Danach ist aber noch nicht Feierabend. Ich muss ja auch noch neue Ware einkaufen."

Der Nachwuchs fehlt

Die Probleme für die Kioske begannen mit dem Ende des Bergbaus in der Region, betont Experte Schröder: "Damit ist in den vergangenen Jahren ein ganzer Absatzmarkt weggebrochen." Zum Kiosksterben komme aber noch ein ganz anderer wesentlicher Faktor. Es fehle der Nachwuchs. "Ganz klar, wenn die jungen Leute sehen, wie viel Arbeit dahinter steckt und wie schwierig das Geschäft geworden ist, dann wollen sie einen Kiosk auch nicht übernehmen." Das bestätigt auch Maresa Hilleringmann, Pressesprecherin der Stadt Castrop-Rauxel: "Es kommen nur wenige neue Betriebsstätten hinzu, und oft werden alte Standorte nach dem Ausscheiden des Betriebes nicht übernommen, sondern aufgegeben."

Und auch die Auflagen für Trinkhallen wurden im Laufe der vergangenen Jahre verschärft. "An Trinkhallen darf zwar getrunken werden, aber nur Alkoholfreies. Alkoholische Getränke dürfen lediglich verkauft, aber nicht davor getrunken werden." Gesetzlich ist ein Abstand von mindestens 15 Metern vorgeschrieben.

Kioske können nicht mehr mithalten

Und noch etwas erschwert den Trinkhallen das Überleben: die Vielzahl und Vielfalt an Gastronomiebetrieben. Schröder sagt: "Zu der Zeit, in der sich die Trinkhallenkultur entwickelte, gab es noch nicht diese Fülle. Das hat sich Laufe der Zeit geändert. Es ist eine Vielfalt, bei der Kioske nicht mithalten können."

Ralf Krämer von der Trinkhalle in Dingen denkt oft und gerne an frühere Zeiten zurück. "Als die Zechensiedlung noch hier war, gab es noch mehr Kundschaft", erinnert er sich. "Da gab es auch mehr Kinder und Jugendliche, die hier eingekauft haben. Mit denen habe ich sogar noch Fußballbilder getauscht." All das gehört der Vergangenheit an. Stellt sich nur die Frage: Wann stirbt der nächste Kiosk?

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