Der Kirchturm-Fall von Schwerin

"Denen nimmt man einen Teil ihres Lebens weg"

Schwerin - Der 30 Meter hohe Kirchturm der Evangelischen Kirche auf Schwerin ist marode. Er müsste saniert werden für rund 150.000 Euro - oder er muss fallen. Das sind die Optionen. Nach der Versammlung am Sonntag, als die Gemeinde informiert wurde, sprachen wir nun mit Pfarrerin Anke Klapprodt. Gibt es Hoffnung?

Wie war aus Ihrer Sicht die Stimmung bei der Verkündung der Nachricht, dass der Turm marode ist?

Bei der Infoveranstaltung habe ich große Betroffenheit war genommen. Von den Leuten, die da waren - und das waren etwa 35 Personen -, war deutlich die Tendenz: erhalten! Es gab aber auch kritische Stimmen, die fragten, ob der Kirchturm in 20 Jahren überhaupt noch jemanden interessiert. Die Entscheidungsträger sind wir, das gebe ich dabei immer zu bedenken.

Eine Resonanz, die Sie überrascht?

Ich habe ehrlich gesagt auch mit vielen Anrufen am Montag gerechnet. Die sind aber nicht gekommen: weder ein Aufschrei, noch Unterstützungsangebote oder Leute, die schimpfen, dass man den Turm einfach abzureißen solle.

Ich höre Enttäuschung raus?

Ja, davon war ich schon enttäuscht. Denn wenn dieses Thema trotz der Ankündigung nur 42 Leuten - also den 35 Gästen und den 7 Presbyteriums-Mitgliedern - am Herzen liegt: Ist Der Kirchturm dann wirklich so etwas wie Heimat? Sind wir dann wichtig genug? Es gibt auch noch keinen Leserbrief in der Zeitung.

Woran liegt das denn?

Klar, wir im Presbyterium waren den anderen natürlich was die Informationen angeht ein paar Schritte voraus. Wir wissen schon lange davon. Die Betroffenheit war auch wirklich spürbar, es gab einen großen Zusammenhalt in der Runde. Gerade die älteren Gemeindeglieder forderten uns auf, an unsere Grenzen zu gehen, um den Turm zu erhalten. Klar, das waren zum Teil auch die, die hier die Gemeinde mit aufgebaut haben. Denen nimmt man einen Teil ihres Lebens weg, wenn der Turm weg ist. Wir konnten anders als sie schon ein paar Nächte darüber schlafen. Es gab Betroffenheit - und zurecht die Frage, warum man beim Glockenaustausch vor sechs Jahren nicht gleich auf den Zustand des Turmes gekommen ist. Die Frage kam auf: Was wird mit den Glocken, die mit 14.000 Spendengeldern unterstützt wurden, wenn der Turm weg ist?

Sind Sie der Idee, den Turm unter anderem mit einer Spendenaktion zu erhalten, nun einen Schritt näher gekommen oder haben Sie sich gedanklich einen Schritt weiter von der Realisierung entfernt?

Ich bin der Spendenidee einen Schritt näher gekommen. Es haben viele Leute ihre Hilfe angeboten. Was das genau bedeutet, muss nun erst einmal ins Bewusstsein der Schweriner einsickern.

Wie geht es weiter?

Wir entwerfen jetzt ein Konzept und ich glaube, dass das dann über zwei, drei Jahre gedacht werden muss. Die Entscheidung, ob der Abriss kommt oder nicht, steht aber schon im Mai. Im April ist Presbytersitzung, im Mai muss die Entscheidung dann im Austausch mit dem Kirchenkreis fallen. Wir brauchen bis dahin mehr Unterstützer. Ich kann die Verantwortung nicht auf sieben Schultern legen - denn das sind Entscheidungen mit großer Tragweite. Wenn die Menschen heute sagen, dass eine Generation weiter nicht mehr interessiert ist am Kirchturm, was soll man ihn dann jetzt erhalten?

Wie kann man sich engagieren, wenn man möchte?

50 Euro sind am Sonntag schon gespendet worden - das ist ein Anfang, Kleinvieh macht auch Mist. Am Ausgang der Kirche steht eine Spenden-Weltkugel. Und der Kreis derer, die Hilfe angeboten haben und am Dienstag mit uns am Tisch saßen, um ein Spendenkonzept zu entwickeln, ist gewachsen. Das macht mir Mut.

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