Wie kommt ein Schauspieler ohne den Applaus zurecht?

Mario Thomanek arbeitet seit August 2017 als Regieassistent am WLT

Castrop-Rauxel - Den Schauspielern auf der Bühne gebührt der Applaus am Ende eines Theaterstücks. Der ausgebildete Schauspieler Mario Thomanek ist am WLT als Regieassistent angestellt. Auf der Bühne steht er da nicht so häufig, meist dann auch in Nebenrollen. In unserer Serie "Die Nummer 2" stellen wir den Schauspieler heute vor und verraten, wie es sich anfühlt, als Schauspieler auf den Applaus zu verzichten.

Hamburger Nordlichter gelten gemeinhin als zugeknöpft, kühl, reserviert, wortkarg und manchmal sogar mürrisch. Vorurteile, die auf den gebürtigen Hamburger Mario Thomanek nicht zutreffen. Beim Besuch im Westfälischen Landestheater (WLT) zeigt er sich offen, freundlich und vor allem eins: begeistert vom Theaterbetrieb. Den 34-Jährigen hat es vor etwas mehr als einem halben Jahr ins Ruhrgebiet gezogen. Am WLT ist der ausgebildete Schauspieler als Regieassistent angestellt.

Über Umwege zum Traum

Schauspieler zu werden, war seit Kindheitstagen sein großer Traum. Ein Traum, der mittlerweile wahr geworden ist - wenn auch über Umwege. Nach der Schule macht Mario Thomanek eine Ausbildung zum Krankenpfleger. "Ich wollte etwas Handfestes lernen", sagt er. Vier Jahre arbeitet er in dem Knochenjob, doch der Traum von der Schauspielerei lässt ihn einfach nicht los. "Ich habe mich schnell gefragt: Soll es das jetzt gewesen sein?!"

Er bewirbt sich an Schauspielschulen, wird an der Freien Schauspielschule Hamburg angenommen und fängt dort ganz von vorne an. Nach der Ausbildung führt ihn sein Weg an mehrere Stationen - ein Schauspieler bleibt selten lange an einem Ort: Zunächst gibt er Gastspiele in Franken und Hamburg, dann ist er zwei Jahre in Aachen fest angestellt. Nun die Regieassistenz am WLT in Castrop-Rauxel - seine erste Funktion dieser Art.

Festanstellung ist eine Seltenheit

Freunde und Familie hätten ihn mich durchweg darin bestärkt, seinen sicheren Job sein zu lassen und sich auf die Schauspielerei einzulassen. "Niemand hat mir davon abgeraten, weil es so unsicher ist", sagt Thomanek. Und sein Brot-und-Butter-Job half ihm gar, kurze Flauten im Job als Schauspieler zu überbrücken. Für Krankenpfleger gibt es in Deutschland immer Arbeit - anders als für Schauspieler. Festanstellungen sind da eher eine Seltenheit. Mario Thomanek sagt, er sei froh um seine "solide Ausbildung".

"Es ist gut, vorher auch das andere Leben geschnuppert zu haben. Das kann ich gut in meinen jetzigen Beruf mit einbringen", findet er. Andere sagen: Man muss so früh wie möglich anfangen mit der Schauspielerei, damit man noch junge Rollen bedienen kann und wandlungsfähig bleibt.

Doppelfunktion vor und hinter der Bühne

Am WLT ist er Regieassistent. Oder er steht auf der Bühne. Im Stück "Nathan der Weise" übernahm er vor Kurzem eine Doppelfunktion: als Schauspieler und Regieassistent - doppelte Herausforderung und Belastung. "Wenn man am WLT als Regieassistent angestellt ist, wird man eher weniger mit den großen Hauptrollen besetzt", sagt Thomanek. Mit der Rolle als Regieassistent sei der 34-Jährige grundsätzlich auch gut ausgelastet. Es ist kein klassischer "Nine to five"-Job.

Doch was macht eine Regieassistenz eigentlich? Die Aufgaben sind vielfältig. "Ich bin quasi die Schnittstelle zwischen dem Regisseur und allen anderen Abteilungen des Theaters", sagt Thomanek. "Ich halte dem Regisseur den Rücken frei." Er erstellt Probenpläne, nimmt Kontakt zu Requisite und Kostümabteilung auf.

"Bei Probenprozessen hat der Regisseur oft neue Ideen. Ich notiere diese Änderungen und gebe sie an Abteilungen wie Licht- und Tontechnik weiter." Er sorgt dafür, dass bei den Proben alles so läuft, wie es sich der Regisseur vorstellt. Eine der Hauptaufgaben: Regiebuch führen. Darin stehen alle Details zu den einzelnen Szenen des Stücks: Wer steht wann wo? Welcher Ton wird wann eingespielt? Und welche Szene wurde geändert oder sogar ganz gestrichen? Dass das bei den Proben auch umgesetzt wird, ist Mario Thomaneks Hauptaufgabe.

Ein anderer Blick auf das Theaterstück

Bei der Inszenierung des Michel-Houellebecq-Romans "Unterwerfung" konnte er sich einmal auf das konzentrieren, was er am meisten liebt. "Mein Herz schlägt schon mehr für die Schauspielerei", sagt er. Mit dem Posten der Regieassistenz sei er aber nicht unglücklich. "Man bekommt die Produktion eines Theaterstücks von einer ganz anderen Seite mit. Ich kann daraus eine Menge mitnehmen für meine Arbeit als Schauspieler."

Er bekomme einen ganz anderen Blick auf die Stücke. Thomanek sagt: "Es hindert mich keineswegs auf meinem Weg als Schauspieler, sondern fördert mich eher." Als Schauspieler müsse man sich sowieso breit gefächert aufstellen. Mario Thomanek kann sich auch vorstellen, Theater-Projektgruppen mit Jugendlichen oder Erwachsenen zu leiten. Da helfe die Arbeit als Regieassistent auch weiter.

Jeder Regisseur arbeitet anders

Ob er auch Teil des kreativen Prozesses ist, kommt auf den Regisseur an. Denn jeder Regisseur arbeite anders. "Man entwickelt irgendwann ein Gespür dafür, wie man mit dem Regisseur zusammenarbeitet. Manche mögen es gerne, wenn weitere zwei Augen drauf schauen und eine Idee mitbringen, andere finden das eher störend und wollen in ihrer Inspiration alleine gelassen werden", erzählt Thomanek.

Bis jetzt sei es jedenfalls immer ein schönes Miteinander gewesen. "Die Regisseure haben es bislang gut angenommen, wenn ich als Regieassistent eigene Ideen hatte. Grundsätzlich halte ich mich da aber erst einmal raus." Wenn der Regisseur schon eine klare Vorstellung habe, solle man ihn auch machen lassen. "Wenn aber Dinge komisch wirken und ich das anmerke, wird das gerne angenommen. Man wird ja auch manchmal ein bisschen betriebsblind, da ist das dann hilfreich."

Und die klassische Traumrolle?

Für den Schauspieler Mario Thomanek gibt es die eine klassische Traumrolle, von der so viele reden, nicht. "Ich fand es immer besonders spannend, sich mit Figuren auseinanderzusetzen, die mit mir im tatsächlichen Leben nicht so viel zu tun haben", sagt Thomanek. So wie die Rolle im zeitgenössischen Stück "Unterwerfung". Die Rolle des Literaturwissenschaftlers Francois war auf vier Schauspieler aufgeteilt, die die unterschiedlichen Charakterzüge des Protagonisten darstellen. Mario Thomanek war einer von ihnen - übernahm also eine größere Rolle.

Mario Thomanek schließt für seine weitere Karriere nichts aus. Die Vorstellung, als Regisseur zu arbeiten, werde für ihn immer interessanter. "Ob ich wirklich irgendwann als Regisseur arbeiten kann, weiß ich nicht. Momentan reicht die Erfahrung dazu nicht aus. Aber mich darin auszuprobieren, kann ich mir schon vorstellen." Ob er dafür irgendwann ein Händchen entwickele, werde sich zeigen. "Nach wie vor sehe ich mich aber vor allem auf der Bühne", sagt er.

Castrop-Rauxel ist kein Kulturschock

Vor allem zu Beginn seines Jobs am WLT juckte es ihm in den Fingern, sagt er: Er wollte lieber auf der Bühne stehen als daneben. "Das hat sich aber nach den ersten zwei, drei Wochen gewandelt." Dabei lernte er auch, Figuren anders zu denken. "Es gab Momente, da dachte ich: Ach krass, so kann man das auch spielen. Ich hätte eine andere Idee gehabt, aber das ist auch gut." Auch dieser Prozess bringe ihn als Schauspieler weiter.

Und wie fühlt sich das an, von Hamburg nach Castrop-Rauxel zu kommen, wo die Leute offen und ehrlich sind? Ein Kulturschock sei das nicht gewesen. Als Schauspieler müsse man immer flexibel bleiben. Und das Gefühl, nirgendwo festzuhängen, gefällt Mario Thomanek. "Ich mag meine gute alte Hansestadt Hamburg total gerne, aber es hat mir nicht wehgetan, nach Castrop-Rauxel zu ziehen." Stillstand sei in dem Beruf nahezu tödlich.

Vertrag verlängert

Der Vertrag am WLT war ursprünglich auf ein Jahr befristet, wurde aber inzwischen um ein weiteres Jahr verlängert. "Ich bin durchaus offen, noch ein drittes oder viertes Jahr hier zu bleiben", sagt er heute. Seine Familie lebt noch in Hamburg. Die vermisst er auch am meisten. Und seine Freunde, die dort wohnen. Ein Problem, das nichts mit Castrop-Rauxel zu tun hat, sondern an den Umständen seines Berufs: Weit weg von der Heimat zu sein, gehört nun mal dazu.

Wohin die Reise Mario Thomaneks beruflich weiter führt, ist ungewiss. "Momentan ist es ganz schön, dass ich mich nicht darum kümmern muss, wie es weitergeht. Ich bin erst einmal gelandet", sagt er. Zwischendurch denke er schon darüber nach, wohin ihn der Weg einmal führen könnte. Ein Traumziel hat er aber nicht. "Ich kann mir auch vorstellen, mich mal in Fernsehproduktionen auszuprobieren. Mein Herz schlägt aber auch fürs Theater."

Ob es ihn nach der Anstellung am WLT in kleinere oder größere Häuser ziehe, sei unwichtig. Hauptsache der Weg geht weiter.

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