Kurdische Schülerin des Berufskollegs berichtet

Midia Ibrahim (19) und die Leiden von Aleppo und Afrin

Castrop-Rauxel - Midia Ibrahim ist 19 Jahre jung. Sie ist die einzige Frau in ihrer Internationalen Klasse am Berufskolleg. Ihre Mitschüler nennen sie "Bruder". Midia ist die Klassenbeste. Sie ist noch nicht lange in Deutschland, aber ihr Deutsch ist top. In Gedanken aber ist sie in Afrin. Die Bilder vom Krieg türkischer Truppen gegen kurdische Kämpfer, Bilder von toten Kindern, zerstörten Häusern - gefährden sie ihre Integrationsbemühungen in Castrop-Rauxel?

Dass Midia Ibrahim, die kurdische Syrerin aus Aleppo, von ihren Mitschülern "Bruder" genannt wird: Sie findet es lustig. Sie freut sich irgendwie darüber. Denn es zeigt vor allem, wie eng die Klassengemeinschaft zusammensteht hier in der Internationalen Schulklasse am Berufskolleg von Klassenlehrerin Nathalie Franitza-Linek. Mehr noch als "Brüder" sind für Midia aber ihre Angehörigen: Neun Tanten und ein Onkel, erzählt die Kurdin, lebten bis zuletzt in Afrin. In einer Stadt und gleichnamiger Grenzregion von Syrien zur Türkei, die in Europa kaum einer kannte - bis im Januar dieses Jahres die türkische Armee dort in der Operation Olivenzweig einmarschierte. Das Leben dort ist seither eines unter Bomben und Krieg; eines, das von beidseitiger Propaganda mit Lügen erfüllt wird.

"Meine Verwandten leben nur noch im Keller. Sie haben Angst, kein Wasser, nichts zu essen. Es fallen Bomben. Wir wollen doch nur unsere Grenze beschützen - aber man nennt uns Terroristen. Warum macht die Türkei das?"

Als Midia diese Dinge sagt, steigen ihr Tränen in die Augen. Sie zeigt dazu Fotos von Verwundeten, von toten Kindern, von zerstückelten Menschen, die auf der Straße zwischen Trümmern liegen. Woher sie stammen, ist unklar. Ob sie echt sind, können wir nicht überprüfen. Sie hat sie aus dem Internet. Sie zeigen, was keiner sehen will und kaum einer ertragen kann: tiefstes Leid.

Die in Afrin dominierenden Kurden der PYD und die kurdische Befreiungsarmee YPG sind die Widersacher der Türkei. Sie unterstellt ihnen Terror und befürchtet Auswirkungen auf die Kurdengebiete im Osten des eigenen Landes. Darum gibt es diese "Operation", die einer Invasion gleich kommt, unter der nicht nur Kämpfer und Milizen, sondern auch Zivilisten zu leiden haben. Viele sind geflüchtet - die Verwandtschaft von Midia Ibrahim hat sich vor einigen Tagen nach Aleppo aufgemacht. In die zerstörte, aber immerhin nicht mehr umkämpfte Stadt.

Midia Ibrahim selbst dagegen ist in Sicherheit. Aber glücklich ist sie nicht. Sie flüchtete mit ihrer Familie schon im Jahr 2012 aus Aleppo in die Türkei. Damals fielen Assads Bomben auf eine der Hochburgen des Befreiungskampfes der Aufständischen. "Wir konnten dort nicht mehr leben", sagt Midia. "Viele Bekannte sind gestorben, viele meiner Familienmitglieder mussten als Soldaten im Krieg mitkämpfen." Und: "Aleppo ist kaputt. Und jetzt greift die Türkei auch noch unsere Dörfer an."

Die Flucht begann schon im Jahr 2012 und ging 2015 weiter

Gemeinsam mit ihrer engsten Familie lebte sie zwei Jahre lang in einer Mietwohnung in Istanbul, ehe sie im Sommer 2015 mit ihrem Vater und ihrem Bruder mit dem Flieger nach Deutschland kam. Ein Jahr lebten die Ibrahims in Stuttgart, dann kamen ihre Mutter und ihre drei Geschwister - der jüngste Bruder ist zwei Jahre alt - nach. In Deininghausen haben sie seit Anfang 2017 eine Wohnung, die eigentlich sonst nur für zwei Personen ausgelegt ist. Nun aber können sie umziehen in eine größere Wohnung. "Wir haben über ein Jahr lang gesucht", sagt Midia Ibrahim. "Es ist unfassbar schwer für Syrer, eine Wohnung zu finden", sagt Nathalie Franitza-Linek, ihre Lehrerin am Berufskolleg. Nach einem Antrag ans Jobcenter und der Unterschrift des Vermieters (Vonovia) unter dem Vertrag ist das nun klar.

Seit Mai 2017 ist Midia Ibrahim am Berufskolleg Castrop-Rauxel - und hat heute nur Einsen auf ihrem Zeugnis in einer der Internationalen Klassen, in denen die geflüchteten jungen Menschen zunächst unterrichtet werden. Sie ist privilegiert: In Aleppo ging sie is zur neuten Klasse in die Schule, lernte Kurdisch, ihre Muttersprache, Arabisch und ein wenig Englisch. In der Türkei durfte sie keine Schule besuchen, eignete sich aber Türkisch an. Und in Deutschland hat sie in Windeseile Deutsch gelernt. Wer mit ihr spricht, denkt, diese junge Frau sei schon mindestens drei Jahre in Deutschland.

"Ich würde gern Architektin werden. Ich will in Syrien Häuser bauen, wenn der Krieg zu Ende ist. Ich glaube, dass der Krieg einmal zu Ende geht. Alles hat einen Anfang, also hat auch alles ein Ende. Eigentlich will ich auch lieber dort leben als in Deutschland. Nach dem Krieg wird es dort aber sicher schwierig sein."

Midia Ibrahim geht in die sogenannte FFM-Klasse der Schule. FFM steht für "Fit für mehr" und ist ein Angebot für junge Menschen, die nicht mehr im schulpflichtigen Alter sind. Bevor das Programm Ende 2016 von der Landesregierung eingeführt wurde, waren volljährige Zuwanderer von vielen Bildungsangeboten faktisch ausgeschlossen. Jetzt werden sie dort auf den Arbeitsmarkt vorbereitet - auch wenn sie hier eigentlich keinen Hauptschulabschluss erwerben können. Dazu müsste sie in die Regelklassen des Berufskollegs, in denen man alle Schulabschlüsse machen kann, wechseln. Aber mit dann fast 20 Jahren? Der Weg zum Architekturstudium erscheint unendlich weit. "Wir überlegen gerade, wie das gehen kann", sagt Nathalie Franitza-Linek, ihre Lehrerin. Vielleicht könnte ein Praktikum im Architekturbüro von Mohammed Moussa in Habinghorst helfen - Kontakt soll es wohl schon geben. Ihr Aufenthaltstitel in Deutschland reiche aber nur noch bis Jahresende, sagt Midia Ibrahim.

Im Sommer will sie ihren Verlobten heiraten

Ihre Mutter macht einen Sprachkurs in der Agora in Ickern mit. Sie würde gern als Krankenschwester arbeiten. Midias Verlobter, einst ein Nachbar im syrischen Aleppo, heute in Wuppertal zu Hause, soll bald nach Castrop-Rauxel umziehen. Im Sommer, sagt Midia, wollen sie heiraten. Das sind die schönen Gedanken des Lebens.

Aber in Midias Kopf sind auch die schlechten. Ihr geht es schlecht, weil sie sich Sorgen macht. "Wir können nichts machen", sagt sie oft.

"Im Islam muss man nicht töten! Meine Mutter ist Shiitin, mein Vater Sunnit. In Afrin hat das Zusammenleben der unterschiedlichen Volksgruppen doch immer funktioniert. Jetzt macht die Türkei dort alles kaputt. Man kann nicht einfach in unser Land gehen - auch wenn es heißt, die YPG wolle töten. Wir wollen keinen Krieg, wir wollen in Frieden leben! Wir können nicht zurück. Unser Haus in Aleppo ist zerstört. Jetzt folgen die Häuser von Afrin. Aber Afrin gehört nicht der Türkei! Wir sind Brüder und Schwestern, wir sind alle Syrer - das ist unser Land!"

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