Mädchen bei Prügelei im Schulbus zum ASG verletzt

Mobbing und Schüler-Gewalt - Was kann man im Ernstfall tun?

Castrop-Rauxel - Sie wollte - wie jeden Morgen - einfach nur zur Schule fahren. Doch dann wurde das 13-jährige Mädchen, das auf Schwerin in den Schulbus einsteigt, auf der Fahrt von zwei Mädchen angegangen und verprügelt. Die Polizei ermittelt. Wie verhindert man so etwas? Was können Eltern tun? Expertenrat gibt es von Anti-Gewalt-Trainern.

Der Vorfall: Nach Schilderung der Mutter der betroffenen Schülerin trug es sich am Mittwoch, 18. April, gegen 7.35 Uhr so zu: Der Bus fährt die Dortmunder Straße entlang, hält an der Grimbergstraße. Das 13-jährige Mädchen steigt wie immer auf ihrem Weg zum ASG in den Schulbus ein. Er ist gut gefüllt.

Kurz nach der Weiterfahrt kommt es zum Streit: Zwei Mädchen begrüßen das Mädchen nach Schilderung ihrer Mutter auf ironische Art. Die drei Mädchen kennen sich wohl, sie fahren fast jeden Morgen zusammen auf der Strecke. Doch der Tag geht für die Geschädigte nicht in der Schule, sondern beim Arzt und auf der Polizeiwache weiter.

"Fass mich nicht an!"

Das geschädigte Mädchen wollte wohl auf den Stop-Knopf drücken, dann ging es los: "Fass mich nicht an", soll eines der Mädchen gerufen haben. Dann soll es mit Haareziehen und einer Ohrfeige weitergegangen sein. Die Geschädigte wurde zu Boden gezerrt, die beiden Mädchen sollen sie dort getreten haben.

Ihr großer Bruder, 14 Jahre alt, bekam alles mit, konnte aber nicht so recht einschreiten, heißt es nach den Worten der Mutter. Und zunächst sprang dem Mädchen wohl auch sonst niemand zur Seite. "Dabei haben alle im Bus das mitbekommen", erzählt die Mutter. "Mein Sohn war hinterher mit den Nerven richtig fertig." Die Tochter hatte Prellungen am Rücken, am Gesäß, eine Beule am Kopf, wie sich beim Arztbesuch herausstellte.

"Die Polizisten sagten, sie würden die Mädchen ausfindig machen"

Ein Mädchen, etwa 16 oder 17 Jahre alt, habe ihr am Ende geholfen. Der Busfahrer aber habe auch nicht so recht reagiert. Die Mutter suchte den Weg zur Polizei, das Mädchen konnte ohnehin an dem Tag nicht zur Schule. "Die Polizisten sagten, sie würden die Mädchen ausfindig machen", so die Mutter.

Am Nachmittag habe die Familie noch Besuch von Mitschülerinnen bekommen: Sie wollten nach ihrer Klassenkameradin schauen. Das Mädchen konnte einen Tag danach wieder zur Schule, so die Mutter im Gespräch mit unserer Redaktion. Da brachte sie sie aber - den Schulbus wollte sie ihrer Tochter am Tag nach der Tat noch ersparen.

Das sagt die Polizei: Die Polizei bestätigt auf Anfrage unserer Redaktion: "Es liegt eine Anzeige vor." Die Täterinnen seien in der Tat namentlich bekannt. Wegen gefährlicher Körperverletzung werde nun gegen sie ermittelt. Unklar sei noch deren Alter: Sind sie unter 14 Jahre alt, seien sie noch strafunmündig, sagte Polizeisprecher Michael Franz. Darüber seien sie selbst strafmündig. Eine Anhörung oder eine Vernehmung finde in den kommenden Tagen auf jeden Fall statt - die Mädchen würden nun vorgeladen.

Das sagt die Busgesellschaft: DSW21 sagt, der Bus der Linie 482 habe um 7.37 Uhr an der Grimbergstraße gehalten. "Der besagte Bus war relativ voll, als er an der Haltestelle Katholisches Krankenhaus anhielt", so DSW-Sprecher Marc Wiegand auf Anfrage. "Dort kam es beim Einsteigen der Schüler vermehrt zu Drängeleien und es entstand eine sehr starke Geräuschkulisse. Der Busfahrer ist von seinem Sitz aufgestanden, hat sich umgedreht und gesagt, dass er Verkehrsmeister und Polizei benachrichtige, wenn es nicht ruhiger wird. Daraufhin hat sich die Situation umgehend entspannt."

Und zur Prügelei? Weder während der Weiterfahrt noch beim Aussteigen der Schüler habe der Fahrer etwas von einer körperlichen Auseinandersetzung vernommen. "Aufgrund seiner Ausführungen gehen wir davon aus, dass der Fahrer von dem geschilderten Vorfall leider nichts mitbekommen hat. Wir bedauern den Vorfall sehr und hoffen, dass sich die betroffene Schülerin schnell davon erholt hat", sagt Marc Wiegand.

Diesen Rat erteilen zwei Castrop-Rauxeler Experten

Was kann man nun tun, um solche Vorfälle zu verhindern? Wie reagieren Schüler, Eltern, Bus-Mitfahrer richtig? Wir unterhielten uns darüber mit zwei Anti-Gewalt-Trainern der Stadt, die Tag für Tag mit Schulklassen zum Thema Mobbing und Konflikte, aber auch zu Suchtprävention, Teamtraining und in der Sexualpädagogik zusammenarbeiten: Rainer Lümmen und Andrea Collet, beide 52 Jahre alt, beide im Jugendzentrum BoGi's als Sozialarbeiter tätig. Zum Fall selbst wollen sie sich nicht äußern, aber grundsätzlich zu Ihrer Arbeit und welche Ratschläge sie haben.

Rainer Lümmen sagt: "Im Grunde genommen ist es für das Mädchen eine sehr schwierige Situation." Bus rappelvoll, wie er aus eigener Anschauung auf seinem Weg zur Arbeit weiß. "Wenn man dann dort angegriffen wird und um Hilfe ruft, ist oft die Reaktion der Mitfahrer: Es sind so viele da, es kann ja ein anderer helfen." Darum rät er: "Man sollte einen Mitfahrer gezielt ansprechen. 'Sie da im blauen Pullover, können Sie mir helfen?' ist deutlich effektiver als ein allgemeiner Hilferuf. Wenn man jemanden direkt anspricht, fühlt derjenige sich eben einfach verpflichtet." Das hänge auch damit zusammen, dass jeder in Bus und Bahn ein wenig für sich sei, so Andrea Collet: "Kopfhörer, Buch, Smartphone - Zeitmangel, Stress - sich dann um andere Sachen zu kümmern, macht einfach nicht jeder."

Zudem trauten sich nicht alle, einzugreifen: "Weil sie Angst haben, dann selbst zum Opfer zu werden", sagt Andrea Collet. Das sei auch bei Senioren so - weniger bei Leuten im mittleren Alter. "Man will ja selbst keinen Schlag abbekommen."

Rainer Lümmen erklärt: "Jeder hat ja heute ein Handy." Also könne man Hilfe rufen, auch als Zeuge - und zwar im Zweifel die Polizei. Oder man spreche den Fahrer an: "Er ist dann in der Pflicht, sich zu kümmern. Ich glaube, dass die meisten Busfahrer das dann auch tun. Aber wenn der Bus voll ist, lang ist, der Lärmpegel hoch, es total eng ist - dann wird er es auch schwer haben, jeden Vorfall dieser Art selbst zu bemerken."

Ein Tipp sei, einfach in der Nähe des Busfahrers zu bleiben, also eher vorne im Bus einzusteigen. "Man sieht das oft in den Bussen: Die 'Checker' setzen sich gern nach hinten, die etwas ruhigeren Schüler nach vorne. Wer Angst hat, sollte nach vorne gehen - da passiert seltener etwas", so Rainer Lümmen.

Generell fallen Collet und Lümmen in ihrer Arbeit mit den Schulen auf, dass es für Anti-Mobbing-Kampagnen heute viel mehr Aufmerksamkeit gebe als noch 2004, als die beiden städtischen Mitarbeiter extra für die Kooperation zwischen Jugendamt und Schulen abgestellt wurden. Heute geben sie Trainings, die die Klassengemeinschaft stärken, beziehen gern die Lehrer mit ein, die im Anschluss mit den Klassen selbst weiter an diesen Themen arbeiten können. "Im Unterrichtsalltag", sagt Andrea Collet, "fehlt heute oft einfach die Zeit und der Abstand, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen." Die Schulen seien heute sehr offen, hätten Anti-Mobbing auch oft im Schulprogramm stehen.

Durch Social Media und das allüberall verfügbare Internet sei das Thema heute auch noch greifbarer als früher: "Vor allem", sagt Rainer Lümmen, "hört es heute zu Hause für die Schüler nicht auf. Früher war nach der Schule Schluss und die Schüler konnten sich in ihren geschützten Raum begeben und sich erholen." Heute gehe es via What'sApp oder auf anderen Wegen weiter - auch nachmittags und abends.

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