Marcus Pelzing im Interview

"Es fehlt die große Erzählung, wie, weshalb, warum"

Henrichenburg - Marcus Pelzing ist Vorsitzender des kleinsten SPD-Ortsvereins in Castrop-Rauxel, dem OV Henrichenburg. Das sagte er im Interview mit unserer Redaktion am 22. Februar zur Lage in der SPD. 

Ganz persönlich: Haben Sie schon eine Entscheidung gefasst?

Die Wahlunterlagen haben wir seit dem Wochenende. Ich hab auch schon mein Kreuz gemacht, aber noch nicht zur Post gebracht. Und ich habe mit Ja gestimmt.

Also der GroKo zugestimmt?

Ja. Schön ist es nicht. Ich hätte es lieber gehabt, wenn die Jamaika-Koalitionen derer, die so getan haben, als könnten sie zusammen kommen, zustande gekommen wäre. Aber nun muss ja irgendjemand das Land regieren. Wenn man jetzt mit Nein stimmt und die Tür zumacht, befürchte ich, dass es nach Neuwahlen mit der Regierfähigkeit nicht besser werden würde.

Neuwahlen? Es könnte doch eine Minderheitsregierung her.

Ich weiß nicht, ob die CDU sich darauf einlassen würde. Mit wem denn? In den skandinavischen Ländern geht das, ja, da ist es aber auch normal. Darauf müssen sich ja alle einlassen. Nein, bei einem Nein aus der SPD würde es sicher zu Neuwahlen kommen. Die Gewinner aus dieser Situation aber wären die Extreme, insbesondere das Extrem am rechten Rand.

Dann also lieber eine GroKo?

Ja, das ist meine persönliche Entscheidung.

Was macht das mit der SPD als Partei?

Aus der Nummer kommt man nicht sauber heraus. Für die einen wird es am Ende als Einknicken gesehen, wenn wir Ja sagen; für die anderen werden wir als nicht regierungsfähig bezeichnet, wenn wir Nein sagen. Man kann diese Frage aus meiner Sicht nicht mit 100 Prozent Ja oder Nein entscheiden - das ist eher so 60 zu 40 für jeden selbst.

Wie ist denn die Lage bei Ihnen im kleinsten Ortsverein der Stadt in Henrichenburg mit seinen 46 Mitgliedern?

Wir hatten die glückliche Situation, am vorletzten Freitag, als der Vertrag gerade stand und das Personalwirrwarr aufkam, unsere Jahreshauptversammlung zu haben. Wir hatten Bundestagsmitglied Frank Schwabe da, der selbst ja in den Koalitionsverhandlungen in einer Arbeitsgruppe eingebunden war. Er hat aus dem Prozess, wie so ein Vertrag entsteht, berichten können. Darum haben wir drei bis vier Stunden miteinander über dieses Thema diskutiert.

Wie hat sich denn Frank Schwabe verhalten? Hat er etwas empfohlen?

Er hat die Geschehnisse offen und nüchtern vorgestellt, keine direkte Empfehlung für Ja oder Nein gesagt. Nachher haben wir ein grobes Meinungsbild abgefragt. Zu dem Zeitpunkt und nur vom Gefühl haben die 15 anwesenden Mitglieder etwa im Verhältnis 60 zu 40 für Ja gestimmt.

Was denken Sie, was wird in Zukunft aus der SPD?

Man wünscht sich ein bisschen Ruhe. Dass sich das Personal findet, die Parteiführung den Prozess der Neubesetzung in die Wege leitet, und dass es inhaltlich eine stärkere Neuausrichtung gibt. Eine, die mehr Willy Brandt als Helmut Schmidt ist - also mehr Visionen und große Projekte findet, hinter denen man sich versammeln kann. Die SPD hat den Anspruch, eine große rote Linie vorzugeben, anstatt in den nächsten vier Jahren diese und jene Einzelthemen zu setzen.

Aber muss man das nicht? Eine Regierung muss ja entscheiden, und das hat sie ja auch in den vergangenen Jahren als Große Koalition.

Die Sachen sind ja nicht falsch, die beschlossen wurden. Aber es fehlt die große Erzählung, wie, weshalb, warum - und was wir uns für unser Land in 30, in 50 Jahren vorstellen? Wie organisieren wir das Zusammenleben? Auch wenn man sagt, unsere eigentliche Klientel, die Arbeiter, gebe es nicht mehr: Es gibt Menschen, die auf einen Sozialstaat angewiesen sind. Das müsste unsere Zielgruppe sein.

Geht das in der GroKo?

Tja. Was nicht sein darf, in der ersten Großen Koalition aber verstärkt stattgefunden hat, war, dass unsere Partei und die Regierungsarbeit verbunden waren. Eine Regierung muss pragmatisch handeln, aber eine Partei muss und darf darüber hinaus schauen. Wenn wir im Bundestag etwas verabschieden, kann es Kräfte geben, die uns dazu zwingen. Aber über diese kleinen Schritte hinaus brauchen wir den großen Sprung. Den können wir noch nicht. Man muss den Sprung aber parallel entwickeln und den Widerspruch aushalten, wenn man bei Koalitionsverhandlungen Kompromisse verhandelt hat. Da muss man auch Zugeständnisse machen, wo man zustimmt, aber inhaltlich doch auf Abstand bleibt. Das ist in den vergangenen Jahren verloren gegangen: Da wurden aus Kreisen der SPD Dinge vertreten, die eigentlich klare CDU-Forderungen waren.

Andererseits würde einem doch aber sonst das Prädikat Umfaller angeheftet, oder?

Das ist aber doch der Grundsatz von Koalitionen: Da muss man sich eben auch mal auf Kompromisse einigen. Das ist wie in einer Beziehung: Wenn die Frau das Zimmer grün streichen möchte und der Mann rot, dann muss man sich einigen. Dann kann das Zimmer grün gestrichen werden, aber als Kompromiss das andere rot.

Was haben Sie den Mitgliedern des Ortsvereins aufgetragen?

Es gibt keine Empfehlung für unsere Mitglieder. Wie auch, wenn das Meinungsbild so gespalten ist? Für beide Seiten gibt es gute Gründe. Die muss jeder für sich gewichten.

Was tippen Sie, wie geht es aus?

Es wird eng - aber wahrscheinlich knapp mit Ja. Der Sozialdemokrat ist im Zweifel doch staatstragend.

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