Ortstermin in Habinghorst

Der kleinste Markt im Ruhrgebiet - hat er Zukunft?

CASTROP-RAUXEL. - Viele Wochenmärkte schrumpfen. Kleiner als in Habinghorst geht es aber nicht mehr: Ein Stand verliert sich an einem Mittwoch auf dem weiten Marktplatz. Markthändler stehen unter Druck und haben einen harten Alltag. Droht also das Aus? Vielleicht. Doch es gibt Rezepte für die Zukunft.

Markttag in Habinghorst am Mittwoch, 9.30 Uhr. Eine Bude steht auf dem Pflaster - die von Kortmanns Bauernhof in Lüdinghausen. Fleisch gibt es hier und Eier. Wir sind auf dem kleinsten Wochenmarkt der Stadt, dem kleinsten des Ruhrgebiets, sogar Deutschlands - denn es ist der kleinstmögliche: Es ist nur dieser eine Stand. Früher war er größer. Ist er ein Symbol für die Gegenwart der Wochenmärkte?

Bernd Jaeck kommt aus dem Seniorenzentrum Helena. Er rollt im Rollstuhl langsam übers Pflaster des recht weiten Marktplatzes. Er ist Bayer, aber seit 43 Jahren Castrop-Rauxeler. In München lernte er einst seine Frau kennen und folgte ihr nach Habinghorst. Seit zwei Jahren wohnt er im Haus von Geros. Und ist Stammgast auf dem kleinen Markt. Die Verkäuferin Elena Hunder, 450-Euro-Kraft bei Bauer Kortmann, kommt aus der Bude heraus und schiebt ihn geschwind über die letzten Meter. "Guten Morgen", sagt sie. "Einmal sechs Eier", sagt er. Hunder weiß das eigentlich schon - es ist immer das gleiche. "Was ist mit Hähnchenkeule?", fragt sie. "So viel Geld habe ich heute nicht", sagt Jaeck. Er müsse über 4000 Euro im Monat für Wohnen und Pflege zahlen. "Ich schreibe an", sagt Hunder. "Nein, danke. Sechs bunte Eier, bitte."

Der Markt ist ein Kleinod. Ein Stückchen Heimat. Ein Gefühl. Aber wer seine Größe betrachtet - ein einziger Stand am Mittwoch -, sieht schon das Problem: Der Kampf um die Kunden wird immer härter für die Händler.

Stadtweit gibt es drei, bundesweit rund 3300 Wochenmärkte. In den vergangenen zehn Jahren sind die Märkte teilweise um bis zu 50 Prozent geschrumpft. Der in Habinghorst war auch größer. "Es gibt einen dramatischen Rückgang von Händlern", sagt Gerhard Johnson. Der Wirtschaftsprofessor ist Vorstandssprecher der Marktgilde und einer der wenigen, die sich dem Phänomen Wochenmarkt wissenschaftlich gewidmet haben. Vor 32 Jahren gründete Johnson die Marktgilde. An 120 Standorten in ganz Deutschland organisiert die Genossenschaft rund 250 Wochenmärkte. "Früher standen die Händler Schlange vor den Märkten", sagt Johnson. Wenn der Markt voll war, mussten viele wieder kehrtmachen. Heute gebe es auf bis zu 80 Prozent der Marktplätze freie Standplätze. Marktbetreiber wie der EUV-Stadtbetrieb, der das Geschehen in Castrop-Rauxel regelt, aber auch Genossenschaften wie die Marktgilde suchen Händler.

"Im Großen und Ganzen ist die Angebotspalette stabil"

Nicht überall: "Im Großen und Ganzen ist die Angebotspalette stabil", sagt die Stadt, die für Habinghorst eigentlich drei Händler ausgewiesen hat. Die sind samstags auch da - nur mittwochs eben nicht. "Altersbedingte Geschäftsaufgaben konnten durch neue Händler kompensiert werden. Und es besteht die Nachfrage aus den umliegenden Städten nach Standflächen in Castrop-Rauxel", teilt Maresa Hilleringmann mit. 2,70 Euro je laufenden Meter Verkaufsfront zahlt ein Beschicker pro Markttag in Habinghorst, 3,25 Euro in Ickern und Castrop.

Freitag, Markttag in Ickern: Zwei Fleischwagen, unter anderem wieder Bauer Kortmann aus Lüdinghausen, eine Fischbude, ein Kartoffelstand und ein großer Blumenverkauf sind hier aufgebaut. Dazu vier, fünf Stände mit Bekleidung. Es ist winterlich mild. Eine Frauengruppe steht im Kreis in der Mitte und ärgert sich vor allem über den Zustand des Untergrundes: Holprig, gefährlich - "das ist doch kein Marktplatz!", schimpft die eine. Die anderen sind froh, dass sie den Markt haben, aber so viele Klamotten, wie hier dauernd angeboten würden, könnte ja keiner kaufen.

In Castrop bis zu 40, in Ickern bis zu 25 Stände

15 bis 25 Stände sind in Ickern gemeldet, je nach Wochentag. Und 25 bis 40 auf dem größten Markt der Stadt, dem in der Castroper Altstadt. Um eine Tendenz zu ermitteln, wie sich die Lage hier verändert hat, fragen wir die Stadt an, wie es im Vergleich vor fünf Jahren war. Maresa Hilleringmann sagt: "Für die vergangenen fünf Jahre gibt es keine belastbaren Durchschnittszahlen, da insbesondere 2016/17 durch die Umgestaltung des Altstadtmarktes eine Verschiebung der Händler stattgefunden hat." Grundsätzlich lasse sich aber festhalten, "dass nach Abschluss der Bauarbeiten und der Neukonzeption des Wochenmarktes in der Altstadt ein stabiles Angebot vorgehalten wird".

Stabil? In Habinghorst ist nur der eine Stand immer da, der von Bauer Kortmann mit Frischfleisch und Eiern vom Hof. Kundschaft gibt es hier trotzdem. Es bildet sich sogar eine kleine Schlange von drei Kunden hinter Bernd Jaeck im Rollstuhl. "Ein Hühnchen für die Suppe, bitte", sagt Hannelore Matuschak. "Ich will für meine Freundin eine kochen. Die ist total erkältet." Sonst gehe sie auf dem Markt in Ickern einkaufen, aber mittwochs ist Markttag in Habinghorst. Warum kommt sie zu dieser einen Bude? "Das mache ich seit 40 Jahren", sagt Matuschak - bei Kortmanns Bude auf dem Markt kaufen, mal in Ickern, mal hier in Habinghorst. "Im Supermarkt, das ist nicht das gleiche. Und wenn man Bons im Wert von 50 Euro zusammen hat, gibt es noch zehn Eier geschenkt", sagt sie. "Wollen Sie auch Fett zum Huhn?", fragt Verkäuferin Elena Hunder noch. "Ja, gern. Und 20 Freilandeier braun, bitte", antwortet Hannelore Matuschak.

"Ich habe hier einfach frische Ware"

"Ich habe hier einfach frische Ware", sagt eine weitere Kundin, die wartet und sich ins Gespräch einbringt. Sie heißt Renate Thümmler, kommt auch aus Ickern und kennt einen möglichen Grund, warum der Markt nur noch aus einer Bude besteht. "Für viele ist die Ware hier vielleicht zu teuer. Aber die Qualität ist natürlich besser. Hier weiß ich, was ich habe", sagt Thümmler. Und meint noch: "Schade, dass sich das zurückentwickelt."

Die Gründe für den generellen Rückgang seien vielschichtig, sagt Wissenschaftler Gerhard Johnson: Markthändler zu sein sei ein Knochenjob, die klassischen Händlerfamilien stürben aus. Ein Markthändler gehe nicht mit 65 in den Ruhestand - viele stünden noch mit weit über 80 Jahren hinter ihrem Stand. "Und deren Kinder wollen sich den Knochenjob oft nicht antun", so Johnson. Der Markttag auf Matthias Kortmanns Hof in Lüdinghausen-Seppenrade beginnt bei Wind und Wetter um 2 Uhr nachts: Ware annehmen, auf die Anhänger verteilen. Dann aufbauen, ab 7 Uhr verkaufen von morgens bis mittags, abbauen, einlagern - und dann noch die Buchhaltung. "Kaum einer will noch als Markthändler arbeiten", sagt 450-Euro-Kraft Elena Hunder. "Das ist so viel Aufwand."

"Der Wettbewerb im Lebensmittelhandel ist brutal"

Hinzu komme: "Der Wettbewerb im Lebensmittelhandel ist brutal." Große Frischetheken beim Discounter und in Supermärkten, selbst Tankstellen mischen mit im großen Geschäft. Und jetzt gehen auch Online-Riesen wie Amazon Fresh oder die Firma Allyouneedfresh, die als Werbepartner bei Schalke 04 groß eingestiegen ist, mit Lieferdiensten an den Start.

Laut einer Online-Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) (Zur Studie / PDF) ist es 37 Prozent der Deutschen beim Einkauf von Lebensmitteln am wichtigsten, dass die Produkte aus der Region stammen, bei den 40- bis 49-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 43 Prozent. Auf regionale und frische Produkte, die in Habinghorst und Ickern offensichtlich für die Kunden der zentrale Grund sind, auf dem Markt zu kaufen, sowie die Nähe zum Kunden setzen aber auch die Ketten: Sie bieten regionale Produkte, haben Parkplätze vor der Tür und Millionen-Etats für Werbung. Für Gerhard Johnson ist klar, dass viele kleinere Märkte verschwinden werden. Auch der in Habinghorst oder Ickern?

Samstags sind es immerhin drei Stände in Habinghorst. Und im Sommer, da sei es belebter auf dem Marktplatz in Ickern, sagen die Frauen beim Plausch in der Runde. Elena Hunder arbeitet seit 15 Jahren für Landwirt Kortmann. Oben an der Bude hängt ein Schild: "Freundliche Verkäuferin gesucht". Ihr mache die Arbeit Spaß, sagt sie: Um 7 Uhr macht sie in Habinghorst die Klappe des Wagens auf. "7.10 Uhr kommt die erste Kundin", sagt sie. Immer. "Dann kommt ein älterer Herr, sie quatschen kurz miteinander." Das gehört eben zum Wesen eines Wochenmarktes dazu. Das weiß auch die Stadt: "Angebot und Produktpalette in der Innenstadt und in Siedlungsschwerpunkten beleben die Standorte und steigern ihre Attraktivität", so Hilleringmann. Es fördere die Kommunikation der Bürger, gehöre "zum Stadt(teil)leben einfach dazu". Aus dem gesellschaftlichen Leben sei der Wochenmarkt nicht wegzudenken - "insbesondere mit Blick auf eine immer älter werdende Gesellschaft, die vielfach mit dem Auto anfährt, aber auch auf Anwohner der Altstadt zur Erledigung der Besorgung von Lebensmitteln des täglichen Bedarfs".

"Da müssen die Städte kreativer werden."

Aber ist das zukunftsfest? Siegbert Panteleit entwickelt neue Veranstaltungsformate für Wochenmärkte: Feierabendmärkte zum Beispiel. In Bochum können Berufstätige freitags zwischen 16 und 20 Uhr auf den Markt gehen. "Zu den typischen Marktzeiten in der Woche arbeiten die meisten Menschen", erklärt Panteleit. "Da müssen die Städte kreativer werden." Märkte müssten das sein, was sie immer waren: "Orte des sozialen Austausches, der Gemeinschaft und ein gut sortierter Supermarkt unter freiem Himmel", sagt Panteleit. Dafür sei es wichtig, einen guten Warenmix und eine hohe Aufenthaltsqualität zu schaffen. Erfolgreiche Märkte böten das: Der Plausch beim frisch gebrühten Kaffee aus der lokalen Rösterei, vegane oder vegetarische Angebote oder die Currywurst vom örtlichen Metzger - das locke auch das jüngere, ernährungsbewusste Publikum auf den Wochenmarkt.

Eine weitere Chance sei es, zu gucken, welche Läden in Innenstädten fehlten. Dazu müssten Ordnungsämter bereit sein, Sondernutzungen für Wochenmärkte zu erlauben - sei es für Textilien oder Lederwaren, oder "auch das Glas Wein zum Fisch", sagt Panteleit. "Ein Wochenmarkt muss sich immer der Konkurrenz stellen und attraktiv bleiben", schreibt die Stadt auf die Frage nach neuen Formaten für Castrop, Ickern und Habinghorst. Derzeit liege das Augenmerk auf der Stabilisierung der Angebotspalette "mit zusätzlichen, neuen Angeboten": Angedacht seien saisonale Verkostungen als Ergänzung zum Verkauf. Inwieweit andere Formate wie ein Nachmittags- oder Feierabendmarkt in der Altstadt umgesetzt werden könnten, hänge von Marktbeschickern und weiteren interessierten Veranstaltern ab.

Junge Food-Start-ups entdecken manche Lücke

Auch junge Food-Start-ups entdecken manche Lücke auf Märkten für sich. Siegbert Panteleit beschreibt sie so: gut ausgebildete Fachleute, die sich mit ihren Produkten auskennen; die wissen, was Zitronen mit der Mafia in Palermo zu tun hatten, wie Leinenfischer arbeiten, wie ein Koberind aufwächst oder ob die Apfelsorte Freiherr von Berlepsch einen Raum mit seinem Duft ausfüllen kann. Das Wissen um die Herkunft der Ware, das persönliche Gespräch mit dem Kunden, das sei immer noch das Pfund, mit dem Markthändler gegenüber der Konkurrenz wuchern könnten. "Die Menschen wollen nicht nur erstklassige Lebensmittel, sondern auch die Geschichten dazu." Die Geschichten können zum Gesprächsstoff beim Essen mit der Familie und Freunden werden. Das hänge vom Wissen der Markthändler ab.

Wissen schafft Vertrauen. Das ist angesichts von immer wieder aufkeimenden Lebensmittelskandalen nicht zu unterschätzen. Als das Pflanzenschutzmittel Fipronil in Eiern entdeckt wurde, verzeichneten Eierhändler auf den Märkten ein Umsatzplus. Das Vertrauen in die Wochenmärkte ist groß.

Einmal von der Putenleber bitte, so 300 Gramm", sagt eine Frau, die bei Elena Hunder am Marktstand in Habinghorst steht. "Vier Stückchen sind das", sagt sie. "Das passt. Oh, und Dankeschön-Eier. Möchten Sie weiße oder braune?" "Weiße." "Das macht dann 1,26 Euro, bitte. Danke. 75 Cent zurück. Tschüssi!"

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