Rückkehr zu G9 wird für ein Abi-Loch sorgen

Ziehen ASG und EBG bei der Umstellung mit?

Castrop-Rauxel - Die Landesregierung macht eine Rolle rückwärts. Das Abitur nach acht Jahren (G8) soll zum 1. August 2019 wieder abgeschafft werden. Doch die Kehrtwende offenbart viele Probleme. Nicht nur finanzieller Art. Haben Sie schon mal vom "Abi-Loch" gehört?

Viel wurde in den vergangenen Jahren über das sogenannte Turbo-Abi nach acht Jahren an Gymnasien (G8) diskutiert. Von einem zu komprimierten Lernstoff und zu großem Leistungsdruck war oftmals die Rede. Jetzt hat die schwarz-gelbe Landesregierung auf die anhaltende Kritik reagiert. Nach dem Kabinettsbeschluss von Anfang Februar soll zum Schuljahr 2019/2020 die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren am Gymnasium (G9) erfolgen. Es ist eine Rückkehr nach 14 Jahren, 2005 wurde der G8-Modus eingeführt.

Die Zeit drängt: Noch vor den Ferien soll das Gesetz stehen

Doch der Turnaround zu G9 ist weder so einfach zu realisieren, noch ist überhaupt klar, ob alle Schulen dieses Modell umsetzen werden. Zwar soll das G9-Gesetz noch vor den Sommerferien - wohlgemerkt in diesem Jahr (16. Juli bis 28. August) - verabschiedet werden, aber es gibt noch ein Schlupfloch, das Gymnasien nutzen können.

Ein Beschluss der jeweiligen Schulkonferenz (SK) mit mehr als zwei Dritteln der Stimmen ermöglicht das Beibehalten von G8. Die Schüler sowie deren Eltern haben also ein Mitspracherecht bezüglich dieser Entscheidung. Denn sie sind Teil der SK, die zu gleiche Teilen aus Lehrern, Schülern und Eltern besteht (Drittelparität).

Wie aber werden die zwei Gymnasien unserer Stadt, das Adalbert-Stifter-Gymansium (ASG) und das Ernst-Barlach-Gymansium (EBG), diesbezüglich entscheiden? Hans-Detmar Pelz, stellvertretender Schulleiter des ASG, sagt auf Nachfrage: "Ich gehe davon aus, dass wir zu G9 zurückkehren werden. Ich habe bisher keine Gegenstimmen gehört. Insofern spricht derzeit nichts dagegen." Und auch am EBG ist eine Rückkehr zu G9 wahrscheinlich, wie Schulleiter Dr. Friedrich Mayer berichtet: "Das EBG wird - vorbehaltlich der endgültigen Zustimmung der Schulkonferenz im Herbst 2018 - zu G9 zurückkehren."

Rückkehr bedeutet nicht, alles wie im Jahr 2005 zu machen

Aber Rückkehr bedeutet nicht einfach eine Wiederaufnahme dessen, was bis 2005 Bestand hatte. "Die Zeit bleibt ja nicht stehen, die Lehrpläne haben sich im Laufe der Zeit verändert", erklärt Hans-Detmar Pelz. Daher müsse das neue, alte G9 den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden.

Erstmals überhaupt von G9 betroffen sein werden die Klassen fünf und sechs des Schuljahres 2019/20. Das sind die derzeitigen Dritt- und Viertklässler. Und es ist jetzt schon absehbar, dass die Rückkehr von G8 zu G9 eine Reihe von Problemen mit sich bringen wird: Zu allererst wäre da das Platzproblem. Deutlich bemerkbar machen wird sich der Platzmangel wohl im Schuljahr 2023/24. Denn in diesem wechselt dann erstmals ein G9-Jahrgang nicht wie noch zu G8-Zeiten in die Oberstufe. Es sind also faktisch ab diesem Zeitpunkt mehr Schüler auf die vorhandenen Räume zu verteilen - es kommt ja ein Jahrgang dazu. "Wir sind in den vergangenen Jahren immer fünfzügig gefahren mit satten 130 Schülern", sagt Pelz, der stellvertretende Schulleiter des ASG. Bisher würde man mit den vorhandenen Räumlichkeiten genau auskommen. "Aber es ist klar, dass es perspektivisch einen erhöhten Platzbedarf geben wird."

Hinzu kommt der erhöhte Bedarf an Lehrkräften. Auch sei, so die Landeselternkonferenz, mehr nicht pädagogisches Personal und Schulsozialarbeiter nötig. All das verursacht natürlich zusätzliche Kosten. Wie hoch diese sein werden, wird derzeit noch geprüft.

Vorher muss klar sein, was das alles kosten wird

Dafür fände, so schreibt das Schulministerium NRW, das so genannte Konnexitätsprinzip Anwendung. Dieses sieht vor, dass Klarheit darüber herrschen muss, wie viel Kosten ein Gesetz verursacht. Darum hat die Regierung ein Gutachterteam beauftragt, eine Prognose zur Höhe der zusätzlichen Kosten zu ermitteln.

Am EBG sieht man der Thematik des zusätzlich benötigen Lehrpersonals entspannt entgegen. "Abhängig von der Schülerzahl werden wir gegebenenfalls mehr Lehrkräfte benötigen. Im Gegensatz zu den Räumlichkeiten lässt sich hier aber sukzessive in Zusammenarbeit mit der Einstellungsbehörde nachjustieren", erklärt Friedrich Mayer.

Das sind die Probleme, die sich vor Ort stellen könnten

Ungeachtet dessen gibt es jedoch auch Probleme am Horizont, für die nicht so einfach eine Lösung finanzieller Art gefunden werden kann. Denn: Es wird einen Jahrgang ohne Abitur geben. Der letzte G8-Jahrgang legt 2025 das Abitur ab. Der erste G9-Jahrgang erlangt die allgemeine Hochschulreife 2027. Und dazwischen entsteht ein Abi-Loch. "Was aber passiert dann mit den Abiturienten, die 2025 ihr Abitur nicht schaffen?", fragt Hans-Detmar Pelz. Das Problem: Betroffene können die Abiturprüfungen im Folgejahr nicht ohne Weiteres erneut antreten, da es 2026 ja kein Abiturjahrgang geben wird. Stand jetzt würden diese Schüler in der Luft hängen. "Das kann natürlich nicht sein. Ich bin aber optimistisch, dass die Landesregierung dafür noch eine gute Lösung finden wird", so Pelz.

Ebenfalls problematisch wird es für Schülerinnen und Schüler der Real- oder Hauptschulen, die 2023/2024 in die Oberstufe eines Gymnasiums wechseln möchten. Denn in besagtem Jahr wird es keine 11. Klasse als Eingangsstufe für die Oberstufe geben.

Was wird aus Sitzenbleibern?

Auch Sitzenbleibern drohen Probleme. So stehen Schüler, die im letzten G8-Jahrgang in gymnasiale Oberstufe (10 Klasse) wechseln und dann die Einführungsphase nicht schaffen, vor dem Dilemma, dass unter ihnen eine ganze Stufe fehlt. Die G9-Schüler befinden sich zu diesem Zeitpunkt erst in der Klasse 10, aber noch nicht in der 11, also der ersten Stufe der G9-Oberstufe.

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