Serie: Die Zeche Erin - Teil 5

So lief das auf dem Pütt unter Tage

Castrop-Rauxel - Den Abbauhammer in der Hand, schwer malochend im Streb. Das ist das traditionelle Bild eines Bergmanns. Doch wie lange war das so und was passierte dort unter Tage eigentlich genau? Das klären wir im 5. Teil unserer Serie zum 150-jährigen Zechen-Jubiläum.

Jürgen Zimmermann hat 35 Jahre lang unter Tage gearbeitet. "Kohle geschlagen" hat er in dieser Zeit allerdings nicht. Als Schlosser reparierte der Obercastroper Maschinen, als Ingenieur war er dafür verantwortlich, dass die Gewinnungs- und Fördergeräte unter Tage am Laufen bleiben und die Produktion nicht zum Stillstand kommt. Eine komfortable Tätigkeit im Vergleich zum klassischen Bergmann, der mit Abbauhammer im Streb stand, Kohlenstaub atmete und sich den Rücken kaputt schuftete?

"Nein, überhaupt nicht", sagt Zimmermann. Die Maschinenleute unter Tage hätten zu seiner Zeit genauso schwer und gefährlich gearbeitet wie die Bergleute. Man müsse sich nur einmal vor Augen führen, welche Bedingungen dort geherrscht hätten. "Als ich 1963 anfing, gab es noch Kohlehobel und Rammanlagen, mit denen konnte man nicht so gezielt fördern wie mit den späteren elektrischen Maschinen, die anfangs natürlich auch ziemlich anfällig für Störungen waren", erklärt Zimmermann: "Und jetzt stellen Sie sich mal vor, eine 26 Tonnen schwere Walze bleibt bei gut 64 Gon (ein Gefälle von 57 Grad) nach 100 Metern Talfahrt im Streb stecken und Sie dürfen dann vier Tage lang unter diesem Koloss stehen und ihn reparieren. Und die ebenfalls tonnenschweren Ersatzteile da hinzubringen, ist auch nicht gerade einfach. Da unten passt nämlich leider kein Kran rein."

Teamwork sei da gefragt gewesen. Und zwar nicht nur unter den Maschinenleuten: "Die Bergleute mussten erst einmal die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir dort unten überhaupt arbeiten konnten. Wir brauchten ja Platz und alles musste abgesichert werden. Man war aufeinander angewiesen. So etwas schweißt zusammen." Da sei das Verhältnis zu den Kollegen über Tage schon etwas anders gewesen - auch wenn ohne "die da oben" die Förderung ebenfalls nicht funktioniert hätte. So eine Zeche sei schließlich ein komplexes System gewesen.

Man nannte Erin auch Micky-Maus-Zeche

Unter Tage habe man allerdings wesentlich mehr improvisieren und in die Trickkiste greifen müssen. "Wenn ich das jetzt alles erzählen würde, bekäme ich wahrscheinlich heute noch Ärger. Das war bestimmt nicht immer ganz regelkonform", sagt Zimmermann und lacht. Improvisieren musste man auf Erin ohnehin schon genug - nicht nur bei einem Maschinenausfall. Denn die stark geneigte Lagerung der Kohleader machte den Abbau schwierig - einer der Gründe dafür, dass es Erin zu seinen Glanzzeiten "nur" auf eine Tagesförderung von 6000 Tonnen brachte. Auf der Zeche Ewald hätten sie Erin deswegen auch "Micky-Maus-Zeche" genannt, erklärt der Obercastroper. Dort, auf Ewald, habe die Tagesproduktion nämlich bei gut 15.000 Tonnen gelegen.

Andere Zechen profitierten jedoch durchaus von Erin - zum Beispiel von der auf dem Castrop-Rauxeler Pütt vorangetriebenen Entwicklung der Teilabspannungen für die bessere Gewichtsverteilung der Förderanlage. Dass man einen Wert wie 15.000 Tonnen in Castrop-Rauxel wohl nie erreichen würde, war Zimmermann stets klar, wenn er zu Schichtbeginn auf Schacht VII anfuhr, um die schweren Gerätschaften unter Tage zu begutachten - auch, wenn gar keine Störungen vorlagen. "Ich habe meinen Mitarbeitern immer gesagt: Durch Präventivmaßnahmen kann man die dicken Fehler vermeiden. Deswegen hatte ich meine Augen überall. Das war so ein bisschen meine Welt", sagt Zimmermann.

Arbeiten wie ein Leibeigener

In dieser Welt machte der Ingenieur auch einige Meter. Für den Weg von Schacht VII zu Schacht III nahm er dabei auch schon mal die Lok, die mit einer Spitzengeschwindigkeit von knapp 30 km/h unter Tage ihre Runden drehte - um Zeit zu sparen. Denn die war knapp. In leitender Funktion sei man schließlich immer auf Abruf gewesen: "Man ist zwar gut bezahlt worden, aber man war auch ein wenig wie ein Leibeigener. Es gab Zeiten, da war man so sehr eingespannt, dass man noch nicht einmal dazu kam, sich ein Paar Schuhe zu kaufen."

Deswegen sei sein Bestreben gewesen, früh in Rente zu gehen, noch etwas, von dem zu haben, was er sich unter Tage erarbeitet hat. "Das gebe ich gerne zu. Heute führe ich ehrlich gesagt ein ziemlich dekadentes Leben", sagt Zimmermann augenzwinkernd. Ein Leben frei von Kohlenstaub, schweren Maschinen und engen Streben. Eines habe sich im Vergleich zu damals allerdings nicht geändert. Denn auch wenn er nach der Schließung Erins im Jahr 1983 weiter zu Schlägel und Eisen zog, sei er nach wie vor "im Herzen Eriner".

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