Serie: Die Zeche Erin - Teil 6

Singend in der Waschkaue

Castrop-Rauxel - Hans-Georg Zimoch hat 43 Jahre unter Tage gearbeitet. Die meiste Zeit als Revier- und Abteilungssteiger - auch auf Erin. Das macht ihn nicht unbedingt zum Unikat. Eine andere Sache schon. Was genau, verraten wir im 6. Teil unserer Zechenserie.

Hans-Georg Zimoch sitzt in Bergmannsuniform in seinem Wintergarten und wischt über sein Smartphone. Es ertönt eine Melodie. Zimochs Augen fangen an zu funkeln. Und plötzlich beginnt er, inbrünstig zu singen: "Tausend Meter in der Erde, ja da tat ich meine Pflicht..." Viereinhalb Minuten später lacht der 81-Jährige und sagt: "Ich muss einfach mitsingen, wenn ich das höre. Von Anfang bis Ende. Das geht nicht anders." Das Lied "Dankeschön, alter Kumpel" hat Zimoch selbst komponiert und aufgenommen - inklusive Video, das ihn rappend und kohleverschmiert in einer nachgestellten Szene unter Tage zeigt.

Der Schweriner ist seit vielen Jahren als "singender Steiger" bekannt. Mehr als 100 Lieder stammen aus seiner Feder, genauso wie fünf Bücher, die er über seine Zeit auf dem Pütt geschrieben hat. Material habe er schließlich genug gehabt, sagt er. Und er sei eben ein Workaholic - angetrieben von dem Gedanken, an die Arbeit unter Tage erinnern zu wollen.

Ganze Schichten in Gedichten

Schließlich sei die Zeche über Jahrzehnte der Hauptarbeitgeber in Castrop-Rauxel gewesen. Und überhaupt habe der Pütt das Leben der Menschen hier geprägt. Reichlich Gründe also, ganze Schichten in Gedichten zu erzählen: "Es gibt nicht mehr viele Neandertaler wie mich aus dem Bergbau. Vielleicht bleibt durch meine Lieder und Bücher ja etwas bei den Leuten hängen. Außerdem kann ich dadurch meine Kreativität ausleben."

Während Ziemoch das sagt, kommt seine Frau herein. Der Nachbar lasse ausrichten, dass sich der Gesang immer noch gut anhöre. Ein kurzes Grinsen, dann ist sie auch schon wieder weg. Der singende Steiger ist sich ziemlich sicher, dass er dem ein oder anderen Nachbarn im Laufe seiner Gesangskarriere durchaus auf die Nerven gegangen ist. Fortgejagt habe man ihn allerdings noch nicht. Ganz im Gegenteil. Der Steiger stand schon auf vielen Bühnen, zum Beispiel in der Westfalenhalle, bei der Jubilarfeier des Eschweiler Bergwerks-Vereins in den 1870er Jahren. Zimoch mochte aber auch immer die kleinen Auftritte, auf Hochzeitenoder kleinen Feiern.

Hin und weg vom warmen Wasser

"Meine Mutter hat immer gesagt, ich hätte den Hang zur Musik mit der Muttermilch bekommen", erklärt er. Dennoch ist die Figur des singenden Steigers natürlich untrennbar mit Zimochs Wirken unter Tage verbunden. Und an die Anfänge der Maloche auf dem Pütt kann "Schorsch" sich noch gut erinnern.

Damals, als junger Bursche, habe er zunächst auf dem Bauernhof gearbeitet und für ein Akkordeon gespart. Als er gerade genug Geld zusammen hatte, konnte die Mutter eines Tages den Fuhrlohn für die Kohlen nicht mehr zahlen. Und schon war das Geld wieder weg. Nur fünf Jahre später war der kleine Schorsch dann plötzlich selbst für die Kohlegewinnung zuständig. Mit viel Skepsis ging es zur ersten Schicht. Begeistert kam er zurück, denn der Bergmannsberuf brachte einen unerwarteten Luxus mit sich: "Ich war hin und weg. Dort gab es tatsächlich warmes Wasser", sagt Zimoch.

Auf Schacht 3 fühlten sie sich wie die Könige

Vom ersten Lohn kaufte er sich das begehrte Akkordeon. Immer, wenn "Soll" gefördert wurde, habe man in der Kaue ordentlich "die Sau rausgelassen. Da gingen dann schon mal ein Eimer Mett und Brötchen herum. Und natürlich auch einige Bierchen. Aber ich stand vor einem Dilemma", erklärt der Steiger. Schorsch trank nämlich keinen Alkohol. Tatenlos herumsitzen wollte er aber auch nicht. Also begann er zu singen - und das kam bei seinen Kumpeln gar nicht mal so schlecht an. Zimoch wurde zum Dauersänger, begann damit, eigene Texte zu komponieren.

"Aber nicht während der Arbeitszeit. Unter Tage musste man sich schon voll auf die Arbeit konzentrieren. Da war man immerhin aufeinander angewiesen", sagt er grinsend. Den besonderen Zusammenhalt der Malocher unter Tage, von dem man heute immer noch so häufig in Erzählungen hört, habe es tatsächlich gegeben, sagt Zimoch. Aber die Mentalitäten der Kumpel seien auch unter Tage unterschiedlich gewesen: "Und zwar sogar von Schacht zu Schacht. Auf Erin war das so: Die Leute von Schacht III fühlten sich wegen der großen Fördermengen wie die Könige. Da waren die Kumpel von Schacht VII ganz klein mit Hut gegen."

Bei der Schließung flossen viele Tränen

Wenn er an die Schließung der Zeche zurückdenkt, dann verschwindet das Lächeln kurzfristig aus dem Gesicht des ansonsten chronisch freudestrahlenden Steigers. "Da habe ich viele Tränen bei den Männern gesehen. Viele mussten sogar ihr Häuschen verkaufen", sagt er.

Für Zimoch endete die Arbeit unter Tage nicht mit der Schließung von Erin. Er wechselte nach Prosper Haniel. Der singende Steiger ist dem Bergbau bis heute treu geblieben. In seinem Garten steht Kumpel "Hannes", den der er aus Zement angefertigt hat. Hannes trägt Schnauzbart, Helm und ein Feinripp-Unterhemd und ist gut einen Kopf größer als Schorsch. Lieder allein genügten ihm nun einmal nicht, um seine Kreativität auszuleben, sagt er.

Glückauf, mein Langer!

Ein Gesangbuch hat Zimoch trotz seiner vielen Lieder bislang noch nicht herausgegeben. "Wozu auch? Wenn ich meine Lieder selbst vortragen kann, dann genügt mir das völlig. Ich brauche keinen Chor. Und die Texte sitzen ja sowieso." Auch die Texte über Erin - dem Bergwerk, dem sich der singende Steiger bis heute noch eng verbunden fühlt. Immer, wenn er an dem Fördergerüst von Schacht VII vorbeifährt, kann er sich einen Gruß nicht verkneifen. "Ich sage dann immer: Glückauf, mein Langer!"

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