Sorge um die Lange Straße in Habinghorst

Ein Quartier, viele Fragen

Habinghorst. - Viele haben die Lange Straße als Problembezirk schon lange abgeschrieben, andere sehen die die Zukunft der Einkaufsstraße optimistischer. Klar ist: Zwei Monate, nachdem das Projekt "Soziale Stadt Habinghorst" ausgelaufen ist, bleiben viele Fragen offen - das zeigt der Rundgang unserer Redakteurin Abi Schlehenkamp an einem Winter-Mittwoch.

An der Hugostraße fehlen mal wieder Parkplätze. An diesem schäbigen Mittwoch ist es lausig kalt. Es fieselt. Auf dem Marktplatz hält einsam, aber nicht verlassen Kortmanns Geflügelwagen Wacht. Alles wie immer - oder doch ein bisschen anders als vorher? Das Projekt Soziale Stadt Habinghorst ist seit Mitte Dezember zu Ende. Darüber diskutiert wird aber immer noch, für manche zum Leidwesen, für andere zur großen Freude. Dieses zeitliche Mammut-Programm hat jede Menge bewegt: Steine, wie beim Fitmachen der Fahrbahn der Langen Straße für fast 2,6 Millionen Euro. Aber auch Herzen. Das hört sich ein bisschen theatralisch an, will aber authentisch rüberkommen. "Es ist anders geworden", sagt Axel Bleck, Vorsitzender des Bürgervereins "Unser Habinghorst". Bekannter, vertrauter, den Menschen im Quartier zugewandt.

Und das sind viele. Rund 5000 Menschen leben hier. Ihnen sollte Hilfe angedeihen, Unterstützung von Land und Kommune, damit der Stadtteil mit seinem "besonderen Erneuerungsbedarf" weiter funktionieren kann, Menschen sich in ihrer Stadt mitgenommen fühlen. Dieser besondere Erneuerungsbedarf gehört zu den Berücksichtigungskriterien des Landes bei der Vergabe. Aber ist er jetzt, nach Ende des Projektes, wirklich schon gedeckt?

Seit das Stadtteilbüro an der Langen Straße zu ist, wartet das Quartier darauf, dass es einen neuen Kümmerer oder eine Kümmerin gibt. Die Stadt hat versprochen, dass sie das möglich macht. Denn alleine kann sich das nicht verstetigen - das Schlagwort wird ja gern als alternativlose Vokabel benutzt. Fünf Stunden im Monat sind angedacht, nicht viel, aber besser als nichts. Der Bürgerverein mit seinen 56 Mitgliedern, selbstredend alle ehrenamtlich unterwegs, kann das nicht stemmen. Die Inwerb, die Habinghorster Werbegemeinschaft, auch nicht. Aber wer? "Es muss sich halt auch jemand finden für diesen Job", sagt Axel Bleck. Bei der Stadt ist man da noch nicht weiter. "Gespräche laufen", sagt Stadtsprecherin Maresa Hilleringmann.

Das HadeBe, ausgeschrieben "Haus der Begegnung", schräg gegenüber vom ehemaligen Stadtteilbüro, macht seinem Namen alle Ehre. Es ist beliebt. Spiel, Sport, Frühstück, Tagungsort: Da ist oft Leben in der Bude - an diesem fiesen Mittwoch kurz nach 10 Uhr allerdings nicht.

Im Gegensatz zu den Arztpraxen. Davon hat die Lange Straße reichlich. Und damit ein Standortmerkmal, mit dem sich so rein imagemäßig richtig wuchern ließe. Das bekräftigte jüngst die Gruppe "Pro Bunter Lange Straße" bei ihrem Runden Tisch, bei dem Architekt Mohamed Moussa Regie führte. In der Lungenfacharztpraxis Abdoh etwa sind die Wartezimmer- und Bereiche gerammelt voll. Dort praktiziert nach dem plötzlichen Tod Dr. Ziad Abdohs im Sommer 2017 Dr. Holger Hang im Wechsel mit einer Kollegin. Hang würde gerne bleiben. Darüber ist das letzte Wort aber noch nicht gesprochen. Es gibt mehrere Bewerber. Doch das muss erst der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe genehmigen. "Ende Februar oder Ende März fällt die Entscheidung", sagt Pressesprecher Jens Flintrop.

"Ich habe mich als 18-Jährige in dieses Haus verliebt"

Auf der Straße fallen die schönen Fassaden ins Auge, die mit Hilfe von Geldspritzen aus dem Förderprogramm fit gemacht wurden. Es ist aber nur eine Handvoll, das wäre ausbaufähig. Es gibt wunderschöne Häuser aus der Gründerzeit. Vor einem pickt eine Frau mit einer Zange Papierfetzen auf. "Das machen wir hier alle so", sagt sie. Im vergangenen Jahr hat sie das Vierfamilienhaus erworben. Stück für Stück mit ihren Kindern will sie es auf Vordermann bringen. Für eine Teilnahme am Fassadenprogramm kam sie zu spät. Das Treppenhaus ist ein Gedicht - mit seiner alten massiven Holzkonstruktion. "Ich habe mich als 18-Jährige in dieses Haus verliebt", erzählt die heute 53-Jährige lächelnd. Damals praktizierte unten im Haus noch ein Frauenarzt. Ihren Namen in der Presse lesen möchte sie nicht. Aber trotzdem eine Lanze für die Lange Straße brechen: "Es ist einfach nur schön hier", sagt sie.

Nebenan schüttelt eine Politesse den Kopf. Was ist nicht schon alles herumkritisiert worden an der neuen Parkregel? Auch beim Runden Tisch von Pro Bunte Lange Straße wieder. Dabei hat die Inwerb längst vorgerechnet, dass es nicht einen einzigen Parkplatz weniger gibt seit der Einführung der Boxen mit den Nägeln, die im Zuge der Straßensanierung entstanden. Weil es so unter den Nägeln brannte, dass diese Markierungen von den Autofahrern kaum zu erkennen waren, besserte die Stadt noch mal mit weißer Farbe beim Markieren nach. Eine halbe Stunde lang mit Parkscheibe ist das Parken an der Langen Straßen kostenfrei. Genau doppelt so lange wie auf den bewirtschafteten Parkplätzen in der Altstadt. Ausgewiesen mit Schildern an den Seitenärmchen der Langen Straße, Georg-, Hugo-, Kamp- und Nordstraße.

Könnte die Öffnung der Langen Straße für den Verkehr die Rettung sein?

Bei Woolworth treffen wir Renate Manzke. "Ist doch okay hier", sagt die 79-Jährige. Sie kommt vom Arzt, überbrückt die Wartezeit auf den Bus, bevor es heim nach Henrichenburg geht. Bei "Möbel und Mehr" tauschen sich Inwerb-Chef Armin Fiolka und sein Stellvertreter Jörg Binder aus. Sie ordnen ein, was sie von Architekt Moussa und den Äußerungen mancher Politik-Vertreter bei seinem Runden Tisch halten sollen. Und möchten zum Thema Lange Straße jetzt eigentlich gar nichts öffentlich sagen. Könnte ja auch zuviel sein, nachdem der Stadtrat im Frühsommer 2016 den von CDU und FWI vorangetriebenen Vorstoß zur Öffnung der Langen Straße für den Individualverkehr von der B 235 abgeschmettert hat. Etliche der Geschäftsleute glauben noch immer, dies sei der Königsweg, um der Langen Straße wieder zum Glanz früherer Zeiten zu verhelfen; seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner-Thema.

Renate Schumacher (62), die am 1. März genau seit 21 Jahren Inhaberin eines Lotto-Ladens in der Langen Straße ist, ficht das alles nicht an. Lotto ist zu kurz gefasst, bei Schumacher gibt's alles Mögliche: Post, Zeitschriften, Tabakwaren und Co. - und immer freundliche Worte. "Die soziale Stadt war in Ordnung", sagt sie. Das Quartier überhaupt liege ihr am Herzen. "Hier hilft jeder jedem", bekräftigt sie. Und wird zusammen mit Mitarbeiterin Ute Pretzel noch ein verbales Blümchen los. "Ich habe so tolle Stammkunden", sagt sie.

Auf der Langen Straße nieselt es immer noch. Es gibt leer stehende Ladenlokale, aber der Leerstand scheint nicht auffälliger als der im Oberzentrum Altstadt. Gibt es hier eigentlich noch ein Leerstands-Management? Die Antwort auf diese Frage ist die Stadt bislang schuldig geblieben. Klar, sie darbt selbst personell wegen der Finanzmisere.

So lange, wie die Menschen im Quartier Lange Straße an sich und ihre Gestaltungsmöglichkeiten glauben und sich einbringen, gibt es eine Chance.

Parken kann man übrigens ganz hervorragend ohne Stress hinterm Penny. Auch das ist eine Erkenntnis unseres Rundgangs an diesem Winter-Mittwoch.

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