Stellen- und Richtlinienprobleme

Das steckt hinterm Personal-Alarm bei der Feuerwehr

Castrop-Rauxel - In der Belegschaft der Berufswehr soll die Stimmung schon mal besser gewesen sein. Es fehlt Personal. Die Stadt steuert mit einer Ausbildungs-Offensive dagegen. Ein Jahr zu spät - das gibt sie nun zu. Ist der Schutz der Bevölkerung gewährleistet?

69 Beamtenstellen hat die Stadt zurzeit bei der Hauptamtlichen Feuerwehr - das ist zu wenig für einen reibungslosen Ablauf. Einige Richtlinien haben sich verändert, einige Aufgaben sind hinzugekommen; zudem ist die Fluktuation beim Personal deutlich gewachsen: Man wechselt auch schon mal von einer Stadt in die andere, wenn es lukrative Ausschreibungen gibt. Die Stadt steuert seit diesem Jahr dagegen mit einer nie dagewesenen Zahl an Auszubildenden. Jetzt räumt der Beigeordnete Michael Eckhardt ein: "Fachlich hätten wir schon ein Jahr früher beginnen sollen", sagt er.

Gewerkschafts-Vorstand kennt die Probleme

In einem Interview nahmen Eckhardt, der stellvertretende Feuerwehrchef Dirk Hering und Wolfgang Korsinski, zuständig in der Hauptverwaltung für das Personal, am Donnerstag Stellung zu einem Fragenkatalog (siehe unten) unserer Redaktion. Denn dass es bei der Feuerwehr rumort, kolportieren Bedienstete seit Monaten. Andreas Jedamzik, stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft und bei der Berufsfeuerwehr Dortmund tätig, bestätigt das auf Anfrage: "Zwei Kollegen verlassen nach meinem Wissen aktuell die Feuerwehr Castrop-Rauxel, einer zum Beispiel nach Waltrop." Die Stimmung sei nach nicht die beste. "Womit das zu tun hat, weiß ich nicht genau", sagt der Castrop-Rauxeler.

Eckhardt selbst bringt das so auf den Punkt: "Die Unterbesetzung im Rettungsdienst hat zu Unfrieden geführt." Neue Regelungen, Krankheiten, höhere Fluktuaktion in dem Bereich und fehlende Flexibilität - das seien dort Gründe. Jedamzik nennt ein weiteres Problem: "Es gibt viele Mitarbeiter im Personalbestand aus den Jahrgängen der 60er-Jahre. Viele von ihnen gehen bald in den Ruhestand. Ich vermute, dass dadurch in den nächsten zwei, drei Jahren noch mal einige Leute wegbrechen." Bei der Gewerkschaft jedenfalls, für die er hier Ansprechpartner ist, seien zuletzt mehr Beschwerden eingegangen als üblich.

Personalrat: "Außergewöhnlich hohe Belastung"

Darin geht es um Überlastung, die Peter Jost, freigestellter Personalratsvorsitzender bei der Stadt, in der letzten Sitzung des Stadtrates für die gesamte städtische Belegschaft äußerte: Die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter sei "außergewöhnlich hoch", schilderte er dort. Personal werde abgebaut mit Blick auf die Sparpotenziale und unter dem Druck der Sanierungsauflagen des Stärkungspaktes, aber es würden die gleichen Leistungen abverlangt. "Das führt zu Überlastungen in vielen Bereichen." Unter anderem bei der Feuerwehr: "Da gibt es eine brenzlige Situation, inzwischen aber auch die Einsicht der Verwaltungsspitze", so Jost.

Es werde zwar nicht alles umgesetzt, was gefordert wurde. "Selbst wenn Sie alles im Rat politisch beschließen würden, müssten wir erst die passenden Fachleute finden", so Jost. Heiße: Es würde die Situation nicht gleich verbessern. "Es gibt den Fachkräftemangel auch bei uns. Wir müssen die Leute erst ausbilden und einarbeiten, denn die Aufgaben sind heute sehr komplex."

Rezept: Ausbilden wie noch nie

Das tut die Stadt nun seit diesem Jahr: Die 18-monatige Ausbildung zum Feuerwehrmann - starteten am 1. Januar neun Brandmeisteranwärter, am 1. April weitere 19. 28 Auszubildende gleichzeitig - das gab es noch nie; sonst waren es fünf bis sechs im Jahr. "Wir wollen diese Beamten, wenn sie fertig sind, austauschen gegen befristet Beschäftigte im Rettungsdienst", erklärt Michael Eckhardt. Man strebe an, mehr Beamte zu haben und weniger Beschäftigte. Das erhöhe bei einer kleineren Feuerwehr wie der Castrop-Rauxeler die Flexibilität, denn die Beamten können sowohl im Rettungsdienst als auch im Brandschutz eingesetzt werden.

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Das sind die Hintergründe der Problematik:

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Unser Fragenkatalog an die Stadt:

Das war unser Fragenkatalog an Stadtverwaltung und Feuerwehrverwaltung:

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Im Wortlaut

Das sagte Andreas Jedamzik, stellvertretender Landesvorsitzender der DFeuG und bei der Berufsfeuerwehr Dortmund tätig, aber wohnhaft in Castrop-Rauxel:

"Zwei Kollegen verlassen nach meinem Wissen aktuell die Feuerwehr Castrop-Rauxel, einer zum Beispiel geht nach Waltrop. Zudem gibt es viele im Personalbestand aus den Jahrgängen 60er-Jahre. Viele von ihnen gehen bald in den Ruhestand. Ich vermute, dass dadurch in den nächsten zwei, drei Jahren noch mal vier, fünf Leute wegbrechen." Die Stimmung in der Castrop-Rauxeler Feuerwehr sei seinem Bekunden nach nicht die beste. "Womit das zu tun hat, weiß ich nicht genau."

Bei der Gewerkschaft gehen Beschwerden ein. Das bestätigt er definitiv. Die beträfen nicht nur Castrop-Rauxel - aber sowohl hier als auch in Lünen und Hamm würden zeitweise Notstände beklagt. Jedamzik berichete: "In Herne wird aktuell ganz schön aufgestockt, dort gibt es eine neue Feuerwehrleitung. Und in Bochum auch. Da werden die Probleme offenbar erkannt."

Wie hoch genau der Engpass in Castrop-Rauxel ist, wisse Jedamzik nicht. Wie auch - er arbeitet selbst bei der Berufsfeuerwehr in Dortmund. Er habe nur öfter mal gehört, dass Kollegen, die in Castrop-Rauxel ausgebildet wurden, dann nicht eingestellt wurden oder freiwillig nach Datteln, Waltrop, Dortmund oder Herne gegangen seien. Normal oder ungewöhnlich? "Die Wanderungen von Dienstherr zu Dienstherr haben in den vergangen zehn Jahren stark zugenommen", so Jedamzik. Allerdings gelte das nicht nur für Castrop-Rauxel, sondern generell.

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Im Wortlaut

Das sagte Peter Jost, freigestellter Personalratsvorsitzender bei der Stadt, in der letzten Sitzung des Stadtrates über die außergewöhnlich hohe Arbeitsbelastung der städtischen Mitarbeiter:

Wir sind personell nicht mehr in der Lage, all das umzusetzen, was Sie an Entscheidungen treffen. Der Stellenplan ist Grundlage, darum nehme ich im Auftrag des Personalrates das Recht wahr, hier nun auch zu reden. Das Personal wird abgebaut, aber es werden die gleichen Leistungen abverlangt. Das führt zu Überlastungen in vielen Bereichen. Seit April 2016 gibt es eine Dienstvereinbarung. Es ist oft die Befürchtung da, wenn man Dinge nicht mehr schafft, dass man als faul gilt. In ganz vielen Fällen ist es dieser Angst geschuldet, dass wir nicht noch mehr Überlastungsanzeigen auf den Tisch bekommen. Dann werden Aufgaben nicht mehr, langsamer oder in geringerer Qualität bewältigt. Das wirkt sich auf alle Einwohner aus. Bei den Beschäftigten führt das zu mehr und längeren Erkrankungen, zu Demotivation und in letzter Zeit auch zu höherer Fluktuation. Wenn die Mitarbeiter eine Chance sehen, andere Arbeitsplätze finden, nehmen sie diese verstärkt wahr. Wir verlieren dadurch Wissen und Erfahrung.

Wir haben aber in Deutschland und in CAS eine sehr hohe Qualität im öffentlichen Dienst. Das wird uns aus anderen Ländern bestätigt: Kunden müssen hier keine Geschenke oder Geld über den Tisch schieben, damit man schneller zum Ziel kommt. Die Motivation unserer Beschäftigten ist in 95 oder 98 Prozent der Fälle sehr, sehr hoch. Sonst hätten wir die Dinge, die wir geschafft haben, hier nicht geschafft.

Wenn man lange an seiner Leistungsgrenze oder darüber arbeitet, dann bricht man irgendwann zusammen. Es gibt nichts gefährlicheres, als die Leute über ihre Leistungsgrenze zu bringen für eine längere Zeit. Dann fallen sie irgendwann lange aus.

Unsere Forderungen an den Rat sind Minimalforderungen. Sie müssen entscheiden, welche Aufgaben wichtig sind - dann kann die Verwaltung zusehen, dass sie die Aufgaben erledigt. Sie braucht aber das erforderliche Personal dazu. Es braucht gesunderhaltende Arbeitsbedingungen zum Erhalt der Qualität der Dienstleistungen für die Einwohner. Wir fordern eine ausreichende Personalplanung für zusätzliche Aufgaben.

Ein Beispiel ist die Feuerwehr: Da gibt es eine brenzlige Situation, inzwischen auch die Einsicht der Verwaltungsspitze. Aber es wird nicht alles umgesetzt, was gefordert wurde. Selbst wenn Sie alles, was gefordert wurde, beschließen würden, müssten wir erst die passenden Leute dazu finden. Das heißt, es würde die Situation nicht gleich verbessern. Es gibt den Fachkräftemangel auch bei uns. Wir müssen die Leute erst ausbilden und einarbeiten, denn die Aufgaben sind heute sehr komplex.

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