Stimme der Stadt

Der Ratsaal wird Sonntag zur Bühne für Aktionskunst

Eine solche "Kunstinstallation" gab es noch nie: fünf Stunden lang, ein offener Ratssaal, mehr als 100 Castrop-Rauxeler Beteiligte - und ein Konzept, das schwer begreifbar ist.

Mit einem mobilen Tonstudio, der Story Box, tourte ein Team im Sommer für das Kunstprojekt "Die Stimme der Stadt" durch die Stadtteile und sammelte persönliche Erzählungen ein. Über 100 Bürger gaben ihre Stimme ab. Nun kann die Abschlussveranstaltung kommen: Die Stimme der Stadt geht in das Herz der Stadt, in den Ratssaal am Europaplatz. Sonntag, 30. September, sind die Stimmen von 15 bis 20 Uhr in einer Theater- und Musikperformance zu hören. Der Eintritt ist frei.

Die Vision, den Ratssaal zu einer Bühne zu machen, kam der Künstlerin Pia Janssen und der Schriftstellerin Bettina Erasmy bei einer Recherchereise zur Ruhrmoderne-Architektur. Die Stimmen der Bürger hörbar im Zentrum der politischen Macht, das würde die Ur-Idee des weltberühmten dänischen Architekten Arne Jacobsen reanimieren: Mit seiner Architektur lud er die Castrop-Rauxeler ein, am demokratischen Prozess teilzuhaben. Er baute den Ratssaal mit transparenten Glaswänden, die sich zum Europaplatz hin öffnen.

Neun Schauspieler

Das greift das Projekt auf: Fünf Stunden lang wird der Ratssaal in eine Bühne für die Stimmen dieser Stadt verwandelt. In der Inszenierung von Janssen und Erasmy mit neun Schauspielern, Tänzern und Sängern (von 9 bis 75 Jahren alt) und in der Klanginstallation aus Geräuschen der Stadt des Komponisten und Musikers Hannes Strobl werden die Erzählungen lebendig. Zusätzlich wird der Komponist Michael Emanuel Bauer mit zwei Chören aus Castrop-Rauxel (Gospel Voices und OGS Am Busch mit Frank Ronge) und einem aus Bochum den Raum mit einer Klangkomposition aus ihrem Liedrepertoire erkunden.

Die Darsteller Ida Olsowski, Bela Thiele, Maximilian Middeke, Antonia Bockelmann, Mike Olsowski, Sibylle Hellmann und Ralf Harster sprechen, lesen und spielen die Erzählungen der Bürger. Den individuellen Geschichten begegnet die Figur der Stimme der Stadt mit Fakten aus der Historie Castrop-Rauxels und aktuellen Diskursen. Sie ist einer antiken Theaterfigur entlehnt, die provozierend der Gesellschaft den Spiegel der Erkenntnis vorhält (Aischa-Lina Löbbert). Ihr Geist, ein koboldhafte Ariel-Figur (Francesca Best), verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Während der Besucher im Ratssaal, auf der Empore oder im Foyer zuhörend verweilt, nimmt er ihn als Gesamtkunstwerk wahr. Der Besucher wird sich laut der Veranstalter in einem Resonanzraum wiederfinden, in dem Sprache, Text, Musik und Klang zur Spurenlese einer Stadt werden.

Ernst, kritisch, witzig

Liebe, Natur, Bergbau, Heimat, Stadtentwicklung und Kindheit - die Spannweite der Themen, in den mehr als 100 Tonaufnahmen ist groß. Die heiteren, ernsten, kritischen und witzigen Stimmen bilden ein vielfältiges Gesellschaftsbild einer heterogenen Stadtgemeinschaft ab. Besucher können kommen und gehen, wann sie wollen, in den Sesseln des Ratssaals sitzen, die Gänge rundherum erkunden, auf dem Europaplatz einen Imbiss nehmen: eine Pommesbude (Frittenlabor Deluxe) aus Dortmund, das Brauhaus Rütershoff und der Stadtteilverein "Unser Rauxel" bieten unterschiedliche Speisen und Getränke an. "Hervorzuheben ist der Mut der Stadt, ihren Ratssaal, den symbolischen Ort der Demokratie, für ein solches Experiment für die Künstler und die Bürger zu öffnen", sagt Künstlerin Pia Janssen.

Das Projekt wurde entwickelt zum Europäischen Kulturerbe-Jahr 2018 in der Kampagne "Big Beautiful Buildings", getragen von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW und der TU Dortmund. Unterstützer sind die NRW Stiftung und die Sparkassenstiftung Castrop-Rauxel.

Jolanda Kirschbaum ist Studentin der Urbanistik und Mitarbeiterin im Projekt. Redakteur Tobias Weckenbrock telefonierte mit ihr.

Das Projekt, vor allem das Ereignis am 30. September, ist für mich schwer begreiflich - liegt genau darin der Reiz?

Wir haben sechs Monate darauf hingearbeitet. Es ist ein Kulturprojekt und vielleicht ist es wirklich schwer, die Leute dorthin zu bewegen - denn es ist experimentell. Aber es geht um die Bürger dieser Stadt und der Eintritt ist frei.

Mehr als 100 Leute haben sich beteiligt? Das klingt nach großer Resonanz.

Ja, etwas mehr als 100 Leute haben in die Story Box hereingesprochen. Das ist gut, dafür, dass wir die Leute damit ja auch spontan quasi überfallen haben.

Was kam denn dabei heraus?

Dass Castrop-Rauxel viel Grün hat, haben fast alle gesagt. Viele haben nach einiger Zeit dann auch die Anonymität genutzt, um sich erleichtern zu können. Viele haben erst gesagt, dass sie nichts zu sagen wüssten - aber sobald sie angefangen haben, waren sie kaum noch zu stoppen.

Und die kann man alle hören?

Alle Geschichten kommen vor, aber nicht alle komplett. Die Aufführung, eine Improvisation mit festen Regeln, dauert fünf Stunden. Man hört in der Zeit nie zweimal dasselbe, aber eventuell mehrfach Teile derselben Geschichte. Man kann fünf Stunden lang dabei bleiben, entscheidet aber selbst, wann man kommt und geht. Man ist im Ratssaal, im Foyer, auf der Empore - man darf sich überall bewegen. Es ist ein stetiger Strom an Geschichten, Musik, Erzählungen.

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