Tradition seit 44 Jahren

Heiligabend ohne Wichernhaus, das ginge nicht

Castrop-Rauxel - Zum 44. Mal haben ehrenamtliche Helfer am Heiligabend einsame Menschen zu einer Feier in das Wichernhaus eingeladen. Christian Beisenherz gehört dazu. Er ist wie viele andere Menschen seit ewigen Zeiten bei dieser Veranstaltung ehrenamtlich im Einsatz. In einem Gastbeitrag schildert der WDR-Redakteur die Veranstaltung aus Sicht eines Helfers.

Von Christian Beisenherz

Es ist genau halb Drei am Heiligabend, als ich mit Frau S. die Treppen des Wichernhauses hochgehe. Sie ist heute zum ersten Mal hier, hat sie mir gerade im Auto erzählt. Sie hatte gebeten, abgeholt zu werden. "Ist doch besser, als alleine zu Hause zu sitzen", sagt sie. "Vielleicht treff ich ja auch ein paar Leute, die ich aus Castrop kenne." Dabei wirkt sie noch etwas skeptisch. Das legt sich gleich.

Im Wichernhaus biegt sie in den Saal ab, ich geh in die Küche. Da wuseln fleißige Helfer schon geordnet durcheinander. Schneiden die vielen Kuchen, deren Duft sich mit dem Kaffeearoma mischt, das in der Luft liegt. Einige hat wieder Annegret Söding gebacken. Seit 27 Jahren hilft sie hier: "Wir hatten anfangs nur trockenen Kuchen für die Besucher. Das war mir nicht weihnachtlich genug. Seitdem back' ich immer Torten: Buttercreme, Moccacreme, Kirschkuchen, Käsekuchen..." Dazu kommen viele weitere Kuchenspenden von Privatleuten und der Bäckerei Auffenberg.

Detlef Dreyer ist auch so ein Helfer-Urgestein

Die großen Kaffeemaschinen hat Detlef Dreyer im Griff. Schön, ihn hier jedes Jahr zu sehen. Seit Jahrzehnten. Er ist auch so ein Helfer-Urgestein. Ein ruhiger Fels in der Brandung in der Küche. In ein paar Minuten müssen Dutzende Thermoskannen befüllt sein. Die rund 150 Besucher warten schon drauf. Für uns Helfer ist das wie Familientreffen: Ute, Erika, Tina, Christoph, Peter und all die anderen. Manche treffe ich nur einmal, zweimal im Jahr - aber hier im Wichernhaus wissen wir, dass wir uns aufeinander verlassen können. Die Vertrautheit der Tradition. Und auch neue Gesichter sind dabei, die heute zum ersten Mal helfen. Ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder. Detlef drückt mir und anderen jetzt die Kaffeekannen in die Hand, es ist drei Uhr.

Gerade begrüßt Bürgermeister Rajko Kravanja im Saal die Gäste. Den Besuch hier am Heiligabend lässt er sich nicht nehmen: "Wie die Menschen dich anlächeln, wenn du ihnen ein simples Stück Kuchen reichst. Dir ein bisschen Zeit für sie nimmst. Das ist doch das Schönste." Deswegen lässt er den Worten auch Taten folgen, hilft bei der Kuchenausgabe. "Keine Angst, der Kaffee ist nicht stark, da können Sie durchgucken." - "Kann ich ein bisschen Zucker, ich bin doch so ne Süße." Es geht lustig zu beim Bedienen, auch Frau S., die eben noch etwas skeptisch war, genießt jetzt ganz entspannt.

"Zuhause ist man alleine, weint nur."

Zwischen Kaffee und Dosenmilch komme ich mit Petra Beutelberger ins Gespräch. Auch sie ist heute zum ersten Mal hier. Hat vor vier Monaten ihre Mutter verloren: "Zuhause ist man alleine, weint nur. Da ist es hier doch besser. So gemütlich. Und man trifft Leute." Mitgebracht hat sie ihre Freundin Marion Bröglmann samt Tochter Jacqueline. Erst vor wenigen Tagen ist ihr Vater gestorben. Mit 89 Jahren. "Aber es tut trotzdem weh." Für ein paar Stunden entfliehen sie hier gemeinsam der Einsamkeit: "Zuhause gucken wir uns nur an und wissen nicht, was wir uns erzählen sollen." Dabei schauen sie alle fröhlich. Ich bin dankbar, dass sie ihre Geschichte mit uns teilen.

Auf dem Weg zum Kaffeenachfüllen treffe ich Ute Pfahlburger. Seit 28 Jahren eine von denen, die den Überblick haben. Und potenzielle Spender ansprechen. Viele Geschäftsleute und Institutionen unterstützen die Feier: Sanitätshaus Frick, Thomas Grill, Metzgerei Willi Bols, Edeka Gronemann, dazu die Gemeinde Heilig Kreuz, die Paulusgemeinde, die Grünen Damen des EvK, ja sogar die Stiftung Schalke hilft. Besonders gerührt ist Ute von einer unerwarteten Spende: "Das Sportforum, also Doris Langer mit Familie, hat dieses Jahr die süßen Tüten gespendet, die der Weihnachtsmann gleich verteilt. Außerdem die Getränke und extra Geschenke für die Kinder." Diese Hilfsbereitschaft ist es, die Ute immer wieder antreibt. "Mir hat das von Anfang an Freude gemacht. Auch wegen des tollen Teams."

Auch Steffis Kinder wollen helfen

Das hat inzwischen in der Küche mit Spülen angefangen. Regie führt wieder Detlef Dreyer, der routiniert die große Kantinenspülmaschine befüllt, anwirft, entlädt. Im Minutentakt. Abgetrocknet werden muss trotzdem, das hab ich als Kind immer gehasst. Aber hier machts Spaß. Wir quatschen ja auch nebenbei. Steffi hat ihre zwei Kinder mit, 7 und 4 Jahre alt. Die wollten beiden helfen: "Das ist echt gut. Die haben hier auch was zu tun. Zuhause würden sie viel öfter fragen, wann es die Geschenke gibt."

So bekomme ich nicht die ganze Andacht von Pastor Martin Hensel mit, die er gerade im Saal hält. Aber seine Botschaft ist klar: Gott hat an Weihnachten das Licht in die Welt gebracht und lässt euch auch in der Dunkelheit nicht allein. Ich sehe einige feuchte Augen. Dagegen hilft am besten Singen. Seit 15 Jahren schon untermalt das Ensemble Jäzzklupp von der Musikschule Recklinghausen die ganze Feier mit Weihnachtsliedern. Michael Jacubassa erzählt: "Unser Jüngster dieses Jahr ist 10. Perkussionist Jorré. Der ist auch schon zum zweiten Mal heute hier."

Im nächsten Jahr bin ich wieder dabei

Kurz vor Ende meiner Schicht entdecke ich Claudia unter den Gästen. Sonst immer eine Helferin. Grad leidet sie, wie sie mir erzählt, unter schmerzhaften Kieferproblemen, weswegen sie diesmal nicht helfen kann. Und auch nicht so gut lachen, was sie doch so gerne tut. Ein Jahr mit vielen Behandlungen liegt hinter ihr. Heute will sie sich mal verwöhnen lassen, aber im nächsten Jahr helfe sie wieder mit, verspricht sie.

Gleich halb Sechs, jetzt geht?s für mich zur Familie. Heiligabend ohne Wichernhaus, das ginge nicht. Kenne ich auch gar nicht. Bei der ersten Feier vor 43 Jahren krabbelte ich mit meinen sechs Monaten unterm Tisch. Und bin im nächsten Jahr wieder dabei.

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