Waffenbesitz und die Folgen

Patrone gefunden - Schoss jemand mit der Pistole in der Castroper Altstadt?

Castrop-Rauxel - Ein Schuss? Mitten in der Altstadt? Eine Anwohnerin der Oberen Münsterstraße fand vergangene Woche ein Indiz dafür. Wie geht die Polizei damit um? Sie will dem nachgehen, sagt sie, und sammelt seit Monaten Waffen ein. Mit Teil-Erfolgen.

Eine Leserin, die sehr bedacht ist auf ihre persönliche Sicherheit in ihrem direkten Wohnumfeld der Oberen Münsterstraße, meldete sich in unserer Redaktion: "Anbei ein Foto", mailte sie am Mittwoch. "Wurde im Innenhof der Wasserwerkstraße / Obere Münsterstraße heute gemacht." Zu sehen ist eine leere Patronenhülse. "Die in (den) letzten Jahren hier im unmittelbaren Umfeld sich häufenden Gewalttaten sind Ihnen persönlich und der Redaktion bekannt!"

Hat jemand mitten in der Stadt geschossen?

"Wir haben bereits vor zwei und vor einem Jahr (...) der hiesigen Polizei und dem Ordnungsamt von Schüssen berichtet - inklusive Fotobeweis!" Während die Leserin das Ordnungsamt mit diesem möglichen Vorfall konfrontierte, fragte unsere Redaktion bei der Polizei nach: Muss sich die Anwohnerin sorgen? Um welche Art Patrone handelt es sich hierbei?

Michael Franz, Sprecher der Kreispolizeibehörde, sagte auf Anfrage zu dem Foto: "Es könnte eine Schreckschusspatrone sein." Dann geht er auf die Situation ein, die die Leserin stets als gefährlich, unsicher und laut bezeichnet. "Wir haben an dieser Stelle kein Problem, uns sind hier auch keine Schussabgaben bekannt", so Franz. "Wir erhalten immer mal Hinweise, dass irgendwo geschossen worden sei. Aber die Problemlage für die Kollegen, die zum Einsatzort fahren, ist: Es ist schwer zu erkennen, ob es Schüsse oder Knaller sind. Klar, dass ein Knall vor allem nachts die Anwohner stört. In solchen Fällen versuchen unsere Kollegen aber, das zu überprüfen und zu lokalisieren."

Der Hülsenfund lässt sich also aktuell nicht mit einem gehörten Schuss in Verbindung bringen. "In Castrop gibt es zuletzt keine solcher Einsätze" - generell nicht, aber auch nicht in dem konkret benannten Bereich, so Franz. " Unseren Leuten von der Wache Castrop ist nichts Derartiges bekannt."

Was muss man tun, wenn man einen Schuss gehört hat?

Grundsätzlich sei wichtig, dass jemand, der sich durch einen lauten Knall gestört fühle und einen Schuss vermute, sofort die 110 wähle - "und das zeitlich so nah am Ereignis wie möglich. Wichtig ist, dass die Person dann ganz genau benennen kann, wo sie diese Beobachtung gemacht hat. Denn das erleichtert unseren Leuten, hier zu ermitteln.

Was macht die Polizei mit diesen Hinweisen?

"Wenn sich jemand beschwert und Hinweise kommen, egal von wem, gehen unsere Kollegen diesen Hinweisen nach", sagt Michael Franz von der Pressestelle der Kreispolizeibehörde. "Wir werden nun auch im Steifendienst neben unseren anderen Aufgaben dort vorbeischauen und werden darauf ein Auge haben."

Was droht jemandem, der mit einer Pistole schießt?

Wenn mit einer Schusswaffe geschossen wird, auch mit einer Schreckschusspistole, handelt es sich in jedem Fall um eine Ordnungswidrigkeit. Mit 18 Jahren kann man eine entsprechende Waffe in manchem Waffen- oder Tabakgeschäft kaufen. Sie ist erlaubnisfrei, heißt das. Das bedeutet aber nur: Ich darf sie besitzen, nicht draußen damit herumlaufen.

Gilt diese Regelung auch für Menschen mit einem sogenannten "Kleinen Waffenschein"?

"Der Kleine Waffenschein ist auch nur ein Irrglaube", sagt Polizeisprecher Michael Franz: "Auch wenn man einen solchen beantragt und bekommen hat, kann man nicht damit machen, was man will." Er berechtige nur dazu, die Waffe zu führen, nicht aber, sie einzusetzen. Nutzen dürfe man sie dann also immer noch nicht.

Ist es sinnvoll, sich mit einer Waffe aus Gründen des Selbstschutzes auszustatten?

Die Polizei sagt: Ganz klar nein! "Wir würden jedem abraten, solch eine Schusswaffe dabei zu haben, um Konflikte zu lösen oder sich selbst vor möglichen Übergriffen zu schützen", so Michael Franz. Viele glaubten, mit Gaspistolen wäre das aus Abschreckungsgesichtspunkten gewährleistet. Michael Franz argumentiert gegenteilig: "Wir als Polizei raten davon ab, weil durch das Tragen oder den Einsatz einer solchen Waffe eine Situation eher eskaliert als deeskaliert." Es bestehe die Gefahr, dass einem eine solche Waffe im Streit abgenommnen und sie gegen sich selbst eingesetzt werde. "Man läuft Gefahr, später selbst im Fokus der Ermittlungen zu stehen: "Gefährliche Körperverletzung steht da im Raume." Fazit Franz: "Es macht also keinen Sinn, solche eine Waffe bei sich zu haben, um einen Angriff abzuwehren."

Woran erkennt man im Ernstfall eigentlich eine scharfe oder erlaubnisfreie Waffe?

Signalwaffen, Schreckschusspistolen oder Gaspistolen haben im Lauf eine spezielle Prägung mit F oder PTB. In diesem "Waffenkalender-PDF" der Polizei sind unterschiedliche Gattungen benannt.

Sind heute mehr erlaubnisfreie Waffen im Umlauf als früher?

2016 gab es 2900 Anträge auf den Kleinen Waffenschein bei der Kreispolizei Recklinghausen. Es gibt ein Formular und ein prüfendes Gespräch, warum jemand den Schein braucht. Rund zehn Prozent ziehen dann den Antrag selbst zurück. "Wie viele genehmigt wurden, kann ich noch nicht sagen", sagte Michael Franz auf Anfrage unserer Redaktion im Januar 2017, als ein Täter ein Frühstücksimbiss-Lokal in Habinghorst überfiel. "Im Vorjahr wurden 300 solcher Anträge genehmigt."

Und genehmigungspflichtige Waffen?

"Da sind die Anforderungen hoch, überhaupt eine genehmigt zu bekommen", so Michael Franz. Die Regelungen für die Aufbewahrung seien deutlich verschärft worden. In der Regel bekommen nur Jäger oder einige wenige im Wachschutz tätige Menschen den großen Waffenschein. 2016 gab es im Kreis Recklinghausen 6400 Waffenbesitzer, die Zahl geht aber wegen der verschärften Regeln eher zurück.

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Interessant vor diesem Hintergrund: 2017 wurde im Land NRW eine Amnestie erlassen. Ziel ist es, die Anzahl der Waffen in Deutschland zu reduzieren. Neu ist dieser Weg nicht: Schon 2009 konnten Waffen auf diese Weise straffrei bei den zuständigen Behörden abgegeben werden. Damals wurden bundesweit rund 200.000 Waffen abgegeben.

Und wie ist das im Kreis Recklinghausen gelaufen?

Kreisweit wurden im Jahr 2009 1200 Pistolen und Revolver, 433 Gewehre und etwa eine halbe Tonne Munition abgegeben. Hinzu kamen illegale Schlag- und Stichwaffen wie Teleskopschlagstöcke, Spring- und Butterflymesser. Und heute? Zur Halbzeit des Amnestie-Zeitraums, der von Sommer 2017 bis Sommer 2018 geht, sind es 70, sagt Michael Franz. Im Gegensatz zur Amnestie 2009 ist es aber nicht mehr möglich, illegal besessene Waffen an Personen zu übereignen, die im Besitz einer Waffenbesitzkarte sind.

Was bitte sind denn eigentlich illegale Waffen?

Das sind solche Waffen, für die ihre Besitzer keine waffenrechtliche Erlaubnis besitzen. Illegal sind auch Kriegswaffen, diese fallen allerdings nicht unter die Amnestie. Ihr Besitz ist nach wie vor strafbar.

Was geschieht mit den abgegebenen Waffen und der Munition?

Die Polizei lässt sie verschrotten. Sie prüft vorher, ob eine Pistole oder ein Gewehr vielleicht bereits als Tatwaffe eingesetzt oder gestohlen worden ist. Angezeigte Diebstähle oder Verluste kann die Polizei mit den auf den Waffen eingravierten Seriennummern nachvollziehen.

Wo nimmt die Polizei die Waffen und die Munition entgegen?

Abgeben konnten Castrop-Rauxeler illegale Waffen - also Waffen, für die man keinen Waffenschein besitzt - jederzeit auf der Wache im Erin-Park. Bei der Abgabe größerer Mengen bat die Polizei darum, vorher Kontakt mit der Wache aufzunehmen. Die Wache an der Erinstraße 1 ist unter Tel. (02305) 3040 zu erreichen

Müssen Besitzer ihre Personalien angeben?

Ja.

Wie lange gilt die Amnestie?

Zwölf Monate lang gilt diese Amnestie-Regelung, die den genannten Personen Straffreiheit gewährt: Also noch bis zum 1. Juli 2018.

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