Wenn das Haustier verschwunden ist

Die verzweifelte Suche nach Kater Lehmann

Castrop-Rauxel - Eines Morgens im August 2017 kam Kater Lehmann nicht von seiner nächtlichen Tour zurück. Seine Besitzerin, Christina Podscharly, wartete und wartete, doch ihr Haustier blieb verschwunden. Es begann eine schwere Zeit für die Castrop-Rauxelerin.

Christina Podscharly sitzt im Wohnzimmer auf einem grauen Polsterstuhl, zieht an ihrer Zigarette und erzählt, dass Kater Lehmann normalerweise tagsüber in der Wohnung schlief und abends und nachts auf seine Streifzüge ging. "Er war mit dem Nachbarkater oft auf dem Feld unterwegs, der war an dem Morgen aber schon wieder zu Hause", erinnert sich die 51-Jährige an das ungewisse Gefühl im vergangenen Jahr. Sie habe überall gesucht, bis sie mit ihrem Lebensgefährten zur Einschulung ihrer Enkelin in die Eifel aufbrechen musste.

Ihre Nachbarin habe dann die Fahndung übernommen, Suchplakate gestaltet und in der Umgebung aufgehängt. Eins hing bei ihr am Gartenzaun, eins an der Trinkhalle. "Da treffen sich ja immer viele." Sie selbst meldete Lehmann bei Facebook in der Gruppe "Vermisste Tiere aus Castrop-Rauxel". In der Eifel habe sie die Einschulung ihrer Enkelin nicht genießen können, musste immer an ihren verschwundenen Kater denken.

Umgebung durchkämmt

Als sie am nächsten Tag zurückkam, war Lehmann schon zwei Tage verschwunden. Christina Podscharly durchkämmte die gesamte Umgebung, Unterstützung bekam sie von ihrem Lebensgefährten und den Nachbarn. "Ich habe mich beschissen gefühlt", so Podscharly. "Ich hatte so Angst, dass er irgendwo eingesperrt ist oder von jemandem geschlagen wird." Sie benachrichtigte das Tierheim in Castrop-Rauxel.

Dort werden jährlich rund 150 Katzen abgegeben. Nur ganz wenige werden allerdings wieder an den Eigentümer zurückgeführt oder abgeholt. Im vergangenen Jahr waren es nach Angaben von Johannes Beisenherz, Vorsitzender des Tierschutzvereins in Castrop-Rauxel, gerade mal sechs.

Katzen, die noch keinen Chip haben, werden im Tierheim als erstes damit versorgt. Der Tierarzt injiziert das 12 Millimeter kleine Gerät mit einer15-stelligen Nummer. Damit kann der Halter - oder das Tierheim - die Katze dann beispielsweise bei dem Verein Tasso registrieren lassen. Mit 8,9 Millionen registrierten Tieren führt Tasso Europas größtes Haustierregister. Sprecherin Laura Simon: "Wenn jemand ein Tier gefunden hat und die Nummer ausgelesen wird, können wir den Kontakt zum Halter herstellen." Das Chippen sei die beste Vorkehrung, die man als Halter treffen kann, sagt Bärbel Marks vom Tierheim in Castrop-Rauxel.

Wer seine Katze gechippt und registriert hat, kann im Fall der Fälle bei Tasso Suchplakate in Auftrag geben. Da stehen dann keine Halterdaten drauf, sondern der Kontakt zu dem Verein. Simon: "Mit den Halterdaten kann viel Schindluder getrieben werden." Es gebe immer wieder Fälle, in denen sich vermeintliche Finder bei den Besitzern melden und das Tier gegen Geld wieder herausrücken wollen - dabei haben sie das Tier gar nicht. Man kann vermisste Tiere bei Tasso auch melden, wenn sie nicht gechippt sind. "Nur aufgrund der Beschreibung gestaltet sich die Suche allerdings meistens schwierig", erklärt Laura Simon.

Mit Nachbarn zusammen suchen

Es sei wichtig, die Nachbarn zu fragen, ob sie etwas gesehen haben. "Katzen werden oft versehentlich eingesperrt im Keller, in der Garage oder im Gartenhaus." Der Besitzer sollte mit den Nachbarn zusammen suchen, sonst kämen die Katzen oft nicht aus ihrem Versteck raus. In Castrop-Rauxel gebe es zudem 32 Tasso-Suchhelfer, die der Halter über den Verein "aktivieren" könne. Diese ehrenamtlichen Helfer halten dann Ohren und Augen offen und machen sich auf die Suche nach den verloren gegangenen Tieren - ob gechippt oder nicht.

Gechippt war der zweijährige Lehmann nicht. "Wir haben das irgendwie nie gemacht", erzählt Podscharly und trinkt einen Schluck Kaffee. Er sei "mega zutraulich" gewesen und habe ein Gottvertrauen zu allen gehabt. "Ich hatte immer die Hoffnung, dass er noch lebt."

Am nächsten Tag sei eine Frau mit einem Foto zu ihrem Nachbar an den Zaun gekommen. Sie hatte die Suchplakate gesehen. Auf dem Foto war Lehmann zu sehen - tot. "Als ich das gehört habe, habe ich nur noch geheult", erinnert sich Podscharly und eine dicke Träne kullert über ihr Gesicht. Ihr Lebensgefährte habe das Tier auf dem Foto sofort erkannt - man sah noch die Spuren der Operation, bei dem ihm ein paar Tage zuvor ein Abzess entfernt worden war. Markant waren auch Lehmanns Pfoten: Von unten sah es aus, als seien sie mit kleinen Kuhflecken gespickt.

Offenbar überfahren

Ihr Lebensgefährte habe das Tier dann abgeholt und in ein Handtuch gewickelt. Es habe im Dickicht neben der Dorlohstraße gelegen - offenbar überfahren. Jetzt ist das Gesicht von Christina Podscharly mit Tränen überströmt. Sie holt ein blau-weiß-kariertes Taschentuch und erzählt weiter: "Wir haben mit den Nachbarn dann im Garten auf der Wiese gesessen und geheult." Die Nachbarskatzen hätten zum Abschied nochmal an Lehmann geschnuppert. Podscharlys zweiter Kater - Schröder - habe sich einfach draufgestellt. "Der hat da noch gar nicht verstanden, dass sein Bruder tot war."

Auch die nächsten Tage habe Schröder zunächst so getan, als interessiere ihn das Thema nicht, dann habe er aber angefangen zu suchen. Mittlerweile sei er extrem anhänglich geworden: "Ich habe ihn jeden Morgen bestimmt ne halbe Stunde auf dem Arm und mache dabei meine Hausarbeit", erzählt Podscharly.

Sein Bruder Lehmann ist jetzt bei den Podscharlys im Garten vergraben. "Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass er hier bei uns zu Hause ist."

Die Möglichkeit, das Haustier im Garten zu beerdigen ist für viele ein schönes Gefühl. Auf seinem Grundstück darf man kleinere und größere Haustiere begraben - ein Pferd also nicht. Verboten ist das nach dem Tierkörperbeseitigungsgesetz, wenn das Grundstück in einem Wasser- oder Natur­schutz­gebiet liegt.

Wer sein Haustier auf eigenem Grund und Boden bestattet, muss darauf achten, dass das Grab ein bis zwei Meter von öffent­lichen Gehwegen entfernt ist. Den Kadaver muss man in Material einwi­ckeln, das leicht verrottet, und ihn mindestens 50cm tief verbuddeln, damit er nicht wieder von anderen Tieren ausgegraben wird. Das ist auch der Grund warum es verboten ist, tote Tiere im Wald zu begraben.

Tierbestatter in Bochum und Essen

Kleine Haustiere darf man über den Hausmüll entsorgen, bei größeren Tieren wie Hunden oder Katzen ist das nicht erlaubt. Diese darf man auch nicht in der Biomülltonne entsorgen.

Tierleichen kann man auch zu Tierkörperbe­sei­ti­gungs­an­lagen bringen, das macht auch der Tierarzt, wenn er Tiere einschläfern muss. Auch ist eine Bestattung auf einem Tierfriedhof, wie etwa in Dortmund möglich. In Bochum und Essen gibt es zudem spezielle Tierbestatter, die bei der Entscheidungsfindung helfen.

Eine weitere Möglichkeit besteht nämlich in der Einäscherung. Wo die Urne mit der Asche ihre letzte Ruhestätte findet, entscheidet der Besitzer. Gesetz­liche Vorgaben gibt es nicht.

Stiefmütterchen auf dem Grab

Das wäre für Christina Podscharly keine Option gewesen. "Ich bin gegen Verbrennen", sagt sie. Es sei ihr wichtig gewesen, ihren Lehmann zu Hause zu haben. Vergessen wird sie ihn nicht. Lilafarbene und gelbe Stiefmütterchen stehen auf seinem Grab im Garten. Bald möchte sie ein Foto ihres Lieblings rahmen und im Wohnzimmer aufstellen. "Noch bin ich aber nicht bereit dafür."

Für die Trauerbewältigung habe es nicht nur geholfen ordentlich zu heulen, sagt Christina Podscharly, auch die Mitglieder der Facebook-Gruppe standen ihr bei. So schrieb ein Mitglied: "Komm gut über die Regenbogenbrücke, kleine Fellnase."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Mehrere Autos stoßen in Marl zusammen – vier Verletzte
Mehrere Autos stoßen in Marl zusammen – vier Verletzte
Achtung, Autofahrer: Auf diesem Marler Parkplatz kann es jetzt richtig teuer werden
Achtung, Autofahrer: Auf diesem Marler Parkplatz kann es jetzt richtig teuer werden
Hebewerkbrücke: WSA begründet jetzt, warum es den Vertrag mit der Baufirma nicht kündigt
Hebewerkbrücke: WSA begründet jetzt, warum es den Vertrag mit der Baufirma nicht kündigt
Raubserie versetzte Oer-Erkenschwick in Angst - Täter stehen vor Gericht
Raubserie versetzte Oer-Erkenschwick in Angst - Täter stehen vor Gericht
Wieder Vorfall mit einem Exhibitionisten an einer Bushaltestelle in Herten
Wieder Vorfall mit einem Exhibitionisten an einer Bushaltestelle in Herten

Kommentare