Wildgehege Deininghausen

Warum mussten acht Sikahirsche erschossen werden?

Deininghausen - Acht Tiere aus der Gruppe der Sikahirsche sind Ende vergangenen Jahres erschossen worden. Diese Nachricht erschütterte Tierschützer tief. Waren die Tiere doch beliebt und zum Teil handzahm. Auch wenn es traurig ist, lässt sich dieses Vorgehen aber manchmal nicht vermeiden. Wir haben nach den Hintergründen gefragt.

Für Aufregung sorgte am Donnerstagabend ein Beitrag in der Facebookgruppe "Du bist Castroper wenn...". Acht Hirsche aus dem Wildgehege Deininghausen seien vor Weihnachten erschossen worden, so hat es Conny Straßmann erfahren. Mit der sich daraus ergebenden Flut an Schelte von den Nutzern der Gruppe habe sie jedoch nicht gerechnet. "Ich wollte eigentlich auch gar nicht provozieren, sondern lediglich in Erfahrung bringen, welche Gründe es für die Tötung gab", sagt sie im Gespräch mit der Redaktion. Erfahren habe sie das von zwei Fütterern des Fördervereins Wildgehege, die ziemlich geschockt darüber waren. Beide hätten den Förderverein Ende vergangenen Jahres aus diesem Grund verlassen.

"In der Tat mussten acht Sikahirsche geschossen werden", sagt Marianne Scheer, Vorsitzende des Fördervereins für das Wildgehege dazu auf Nachfrage. Das sei aber nicht ohne Grund geschehen. Für die Haltung von Gehegewild benötige man in Deutschland eine Sachkundebescheinigung, die Scheer seit vielen Jahren habe. In offiziellen Leitlinien zur landwirtschaftlichen Wildwiederkäuerhaltung werde klar auf die Bedeutung des Austausches des sich in erster Linie vermehrenden männlichen Tieres hingewiesen: "Der zweijährige Wechsel des Platzhirsches verhindert Inzucht." Denn ein Hirsch bleibt bis zu seinem Lebensende fortpflanzungsfähig.

Schaut man sich die Zahlen der vergangenen Jagdsaison 2016/17 an, so ist es zumindest auffällig, dass im gesamten Regierungsbezirk Münster nur insgesamt sechs Sikahirsche erlegt wurden. Im Kreis Recklinghausen gab es keinen einzigen Abschuss. Da sind acht Abschüsse alleine in Castrop-Rauxel in der folgenden Saison schon ein Ausreißer nach oben.

Überrascht reagiert der Vorsitzende des Tierschutzvereins, Johannes Beisenherz. "Bisher war ich immer davon ausgegangen, das alle Tiere mit anderen Gehegen getauscht werden", sagt er auf Nachfrage. Er sei sich aber sicher, dass diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen worden sei. "Ich kenne Frau Scheer schon ziemlich lange. Die schießt nicht aus der Hüfte", so Beisenherz.

"Ein ganz normaler Vorgang"

Josef Berkel, stellvertretender Kreisjagdberater, sieht in dem Fall einen "ganz normalen Vorgang", um Inzucht vorzubeugen. "Danach erfolgt eine Blutauffrischung, das heißt, dass fremde Tiere in das Gehege gelassen werden", so Berkel weiter. Die Jäger, die die Hirsche erschossen haben, brauchten dafür eine extra Ausbildung und Genehmigung. Denn in einem Gehege dürfe nicht jeder schießen.

In den letzten zwei Jahren hatte das Wildgehege immer viel Nachwuchs, so Scheer. Nur acht von 16 Tieren, die das Gehege hätten verlassen müssen, habe man an andere Gehege abgeben können. Bis zuletzt habe Scheer versucht die überzähligen Tiere anderweitig unterzubringen, aber. "Sikahirsche sind wesentlich schwerer zu vermitteln als Damwild, da dessen Haltung in Deutschland verbreiteter ist."

Tötung als letztes Mittel gegen Inzucht

Die Tötung der Tiere sei dann als letzte Maßnahme notwendig geworden. Die Gefahr der Inzucht sei einfach zu groß geworden. "Das war keine leichte Entscheidung für uns, auch wir haben die Tiere lieb gewonnen", so Scheer. Gerade die Sikahirsche des Geheges seien sehr zutraulich und bei Besuchern und Mitgliedern äußerst beliebt. Der Vorstand habe dies im letzten Jahr einstimmig, mit einer Stimmenthaltung, beschlossen.

Eine Kastration der Tiere als Alternative sei, so Scheer, nicht möglich, da der daraus folgende Testosteronmangel zum sogenannten Blumenkohl- oder Perückengeweih führe. Das heißt: Das Geweih wuchert unkontrolliert und ohne Ende weiter.

Sowohl Inzucht als auch eine Überpopulation hätten schlimme Folgen für die gesamte Tiergruppe und führten zu Leiden und Schäden. Das müsse nach dem Tierschutzgesetz vermieden werden.

Verkauf der Tiere an Händler hilft dem Förderverein

Und ganz umsonst sind die Tiere am Ende nicht gestorben. "Wir haben sie an einen Händler verkauft und das Geld hilft dem Förderverein" so Scheer. Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass auch die Tiere, die an andere Gehege abgegeben werden, irgendwann geschlachtet werden. "Viele unserer Tauschpartner betreiben die Wildhaltung als Gewerbe", sagt Scheer.

"Wer auf eine weitere dauerhafte Haltung von bestimmten Tieren im Wildgehege Grutholz besteht, riskiert die zukünftige gesunde Haltung des gesamten restlichen Bestandes. Das ist mit meinem Tierschutzverständnis nicht zu vereinbaren und hat mit vernünftiger Tierliebe nichts zu tun", so Scheers klare Worte.

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