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Bürgermeister Rajko Kravanja im großen Heimat-Check-Interview.

Castrop-Rauxel auf dem Prüfstand

Rajko Kravanja im großen Heimat-Check-Interview

CASTROP-RAUXEL - In den vergangenen sieben Wochen haben wir die Region und Castrop-Rauxel in unserer Serie Heimat-Check genau unter die Lupe genommen. Bürgermeister Rajko Kravanja hat den Heimatcheck verfolgt. Im Gespräch mit unserem Redakteur Michael Fritsch zog er jetzt eine Bilanz der Serie.

Herr Bürgermeister, sieben Folgen Heimatcheck liegen hinter uns. Haben Sie Ihre Stadt wieder erkannt? Ich habe sie sofort wiedererkannt, und ich finde, wir sind auch gut dabei weggekommen.

Welche Aussage hat sie am meisten gefreut? Der Rote Faden war, dass man in Castrop-Rauxel wunderbar wohnen kann. Und zwar sowohl von den Kosten her, vom Angebot her als auch von den sozialen Strukturen her.

Und was ist Ihnen am meisten aufgestoßen? Da ist mir nichts aufgefallen, dem ich widersprechen wollen würde. Was ich immer wieder merke ist, dass man viel erklären muss. Etwa beim Thema Haushalt, wie viele Stellen wir in letzter Zeit abbauen mussten, und was das am Ende heißt für die Qualität von Grünflächenpflege in einer Stadt. Da steckt eine Menge Erklärungsbedarf dahinter.

Bei den Haushaltskosten lautete die Schlagzeile in unserer Zeitung „Ein Plädoyer für unsere Stadt“. Die kann Ihnen natürlich gefallen. Als Mangel wurde das fehlende Kino genannt. Fehlt Ihnen das auch? Ich würde gerne zunächst einmal den positiven Ansatz aufgreifen. Die Berichterstattung zeigt auch noch einmal, dass wir ein großes bürgerschaftliches Engagement haben. Ob das Stadtteilvereine sind oder die Flüchtlingshilfe. Und das gehört zum Zusammenleben dazu.

Das heißt, wenn wir uns in unserer Stadt wohlfühlen wollen, brauchen wir Angebote. Das kann natürlich ein Kino sein. Aber auch Sportvereine oder andere Vereine, wo ich mich engagieren und meine Freizeit verleben kann. Das ist der Punkt. Ich bin immer gerne ins Kino gegangen. Deshalb verstehe ich das Manko. Ich muss nicht immer in die großen Multiplexkinos drumherum fahren. Ich würde mich auch darüber freuen, mal wieder in ein kleines Kino gehen zu können.

Stichwort „Bezahlbarer Wohnraum“. Das ist ein positiver Standortfaktor, aber es fehlen Wohnungen. Die Folge „Wohnen“ ist eine gute Momentaufnahme. Aber das ist nicht der Blick in die Zukunft. Da müssen wir aufpassen, dass wir dabei bleiben. Deswegen ja auch die Initiative: Wo kriegen wir weiterhin Wohnraum errichtet, auch sozial geförderten? Wenn man sich Castrop-Rauxel anguckt, braucht man für alle Bevölkerungsschichten Wohnangebote. Da haben wir gute Lagen, aber eben auch mittlere, wo man bezahlbaren Wohnraum schaffen kann.

Castrop-Rauxel lebt davon, dass Menschen sich hier wohlfühlen, und zwar alle Einkommensschichten. Wir haben eine gute Durchmischung in der Stadt, und das muss sich auch wiederfinden. Und deshalb gucken wir jetzt ganz genau, wo wir weiter Wohnen ermöglichen wollen.

Von 300 Einheiten war mal die Rede. Die, würde ich immer noch sagen, brauchen wir in der Perspektive. Aber wir haben ja immer auch gesagt, dass die nicht nur für Flüchtlinge sind, weil wir auch so bezahlbaren Wohnraum brauchen. Also sehen wir die 300 Wohneinheiten in der Perspektive, und in der Perspektive heißt: In den nächsten sieben Jahren.

Wann fangen wir konkret an? In der Liste, die wir gerade zusammenstellen, sind auch Prioritäten drin: Kurzfristig bis langfristig verfügbar. Und diese Frage hat die Politik Ende des Jahres zu entscheiden. Dann können wir im nächsten Jahr mit dem ersten Spatenstich anfangen.

Zum Thema Sicherheit. Da reden wir vor allem über die steigende Zahl von Einbrüchen. Einbrüche sind aber auch der einzige Bereich, wo wir Steigerungen haben. Dass die Einbrüche exorbitant gestiegen sind, hat auch damit etwas zu tun, dass wir gerade im Autobahnkreuz „günstig“ liegen und die meisten Einbrecher schnell wieder auf der Autobahn und weg sind. Deswegen bin ich auch dankbar, dass die Polizeipräsidenten eine Sondertruppe gebildet haben.

Das Thema Bildung spielt eine besondere Rolle bei uns. Fangen wir mal bei den Kindergärten an. Es gibt außer dem Meisenweg in Ickern noch keinen weiteren konkreten Standort. Was wir brauchen, ist ein Bildungsplan. Die Frage von Kitas drängt, weil die Entwicklung von Geburtenzahlen anders eingeschätzt worden ist. Das setzt sich aber natürlich in den Grundschulen fort. Auch darüber müssen wir reden.

Wir merken das schon jetzt im OGS-Bereich. Dort herrscht ein riesiger Bedarf, der für Castrop-Rauxel mal mit 37 Prozent errechnet wurde. Wir haben jetzt teilweise Anmeldequoten von 60 bis 80 Prozent. Da wächst ein Bedarf an OGS-Raum. Im weiterführenden Bereich haben wir Schulentwicklung mit Schließung von Schulen betrieben, die sich auswirkt. Jetzt haben wir die Auffangklassen für Flüchtlinge zusätzlich.

Dann ist noch die Frage von Förderschulen. Wir brauchen kein riesiges neues Gutachten, aber wir brauchen einen Bildungsplan, den wir mit der Politik gemeinsam diskutieren müssen: Was sind unsere Leitlinien in den nächsten fünf, sechs Jahren im Bildungsbereich, die wir jetzt in Angriff nehmen wollen und wo wollen wir Prioritäten setzen?

Sind Grundschulen zu voreilig geschlossen worden? Nein, die Entscheidungen damals sind vor dem Hintergrund von Zahlenentwicklungen getroffen worden, die ich nicht kritisieren und in Frage stellen will, weil sie zur damaligen Zeit richtige Entscheidungen waren. Wenn man Schulentwicklung betreiben will, kann man Zweierlei machen: Entweder man sagt: „Wir warten mal ab, bis uns alles in den Schoß fällt.“ Dann kann es aber zu Situationen kommen, die man nicht will.

Oder man sagt, man will aktiv gestalten. Dann macht man Analysen auf Grundlage von vorliegenden Daten und Fakten und entscheidet. Politik hat sich in den vergangenen Jahren für die zweite Variante entschieden, und das finde ich auch richtig. Das heißt aber nicht, dass sich Dinge nicht verändern können.

Niemand konnte solch einen Flüchtlingszuzug kalkulieren und niemand hat mit steigenden Geburtenzahlen gerechnet. Deshalb muss man jetzt neu bewerten und organisieren.

Was steht am Ende einer Neubewertung? Wird das zu neuen Grundschulen führen? Ich will das nicht ausschließen, aber ich kann das auch nicht konkret bejahen. Was klar ist: Wir werden wieder mehr Schüler haben. Gleichzeitig steigen auch die Anforderungen von Raumbedarf: Inklusive Beschulung, OGS – und das muss irgendwie organisiert werden.

Stichwort Auffangklassen: Schulministerin Silvia Löhrmann will Flüchtlingskinder möglichst in regulären Klassen beschult haben. Wir haben im Moment sechs Auffangklassen. Frau Kleff hat weitere angekündigt. Wir machen also genau das Gegenteil. Ich habe den Erlass gesehen und wir werden ihn in Ruhe bewerten und analysieren. Ich glaube, dass die Diskussion darum überbewertet ist, weil das nichts anderes ist, als das, was schon immer klar war: Auffangklassen können selbstverständlich nur ein Mittel über eine gewisse Zeit sein. Die Diskussion um diesen Erlass ist übertrieben. Die Frage ist doch eher, wie lange lässt man Kinder in Auffangklassen?

Was wird aus der Martin-Luther-King-Schule (MLKS) nach dem Umzug nach Ickern? Das Gebäude an der Bahnhofstraße wird weiterhin Schulstandort sein. Wie, das weiß ich noch nicht.

Was können Sie uns über den neuen Schuldezernenten verraten? Das Bewerbungsverfahren ist abgeschlossen. Es haben sich 15 Personen beworben und jetzt werden wir das in Ruhe in der Verwaltung bewerten und dann der Politik einen Vorschlag machen. Die Fraktionen können selbstverständlich die Bewerbungen einsehen. Wir werden drei Personen in die Fraktionen einladen.

Beim Thema Verkehrsinfrastruktur haben wir uns auf marode Straßen und den Radverkehr konzentriert. Eigentlich haben wir in Castrop-Rauxel ein relativ gutes Radwegenetz. Im Großen und Ganzen funktioniert das bei uns. Wir brauchen jetzt keine komplette Nord-Süd oder Ost-West-Verbindung. Ich würde auch gerne fahrradfreundliche Kommune werden. Das ist eine schöne Auszeichnung. Bis dahin brauchen wir noch Zeit.

Inwieweit können wir bei den Straßen hoffen? Da habe ich selbst richtig Bauchschmerzen an einigen Stellen. Da kann man eigentlich nicht mehr von Straße reden. Wir müssen immer wieder die Abwägung treffen im Rahmen unseres schmalen Budgets. Wir müssen Prioritäten setzen, und das versuchen wir gemeinsam mit der Politik. Und zwar unter dem Blickwinkel: Wie viele Menschen wohnen an der Straße? Ist Öffentlicher Nahverkehr da?

Dann kommt noch dazu, dass wir nach dem Kommunalabgabengesetz gezwungen sind, Beiträge zu erheben. Sodass wir immer versuchen müssen, eine Planung vorzulegen, die kostengünstig ist und die Menschen nicht über Gebühr belastet werden. Das sind Prozesse, die lange dauern und die gut vorbereitet werden müssen. Wir haben immer mehr Straßen zu sanieren als wir sanieren.

Frau Henke möchte mehr Tempo 30. Teilen Sie die Meinung? Die Anfrage gab es schon im Ausschuss. Wir haben gesagt, wir sehen da erst mal keinen Bedarf. Wir versperren uns aber auch nicht der Diskussion. Aber wir würden das jetzt nicht forcieren.

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