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Ein Besuch im Yachthafen bei Hafenmeister Bernd Palmowski und Jürgen Hund.

Ruhrpott statt Côte d’Azur

Ein Besuch im Yachthafen von Castrop-Rauxel

PÖPPINGHAUSEN - Bei dem Wort „Yachthafen“ denken die meisten Menschen wohl zuerst an große Luxusschiffe, Champagner-Partys und Kaviar; oder an die Côte d’Azur, Stars und Sternchen – maritimes Flair im großen Stil eben. Im Castrop-Rauxeler Stadtteil Pöppinghausen gibt’s all das eine Nummer kleiner. Direkt am Rhein-Herne-Kanal.

An der Tür zu Bernd Palmowskis Büro hängt ein großes Schild mit der Aufschrift „Hafenmeister“. Diese Rolle nimmt der Rentner seit knapp drei Jahren beim Automobil- und Motorbootclub (AMC) Castrop-Rauxel ein. Palmowski ist eine Art sympathischer Seebär, der Binnengewässer bevorzugt. Jemand, dem man gerne zuhört, wenn er Anekdoten erzählt.

Und jemand, der immer einen passenden Spruch auf den Lippen hat. „Was ich vor meiner Zeit als Hafenmeister gemacht habe? Boot fahren natürlich“, sagt er. Ohne eine Miene zu verziehen. In den 70er-Jahren habe er damit angefangen. Und warum gerade Boote? „Weiß ich auch nicht. Mein Vater war bei der Marine. Ich muss da wohl vorbelastet sein.“ Palmowski kennt alles und jeden in den beiden Yachthäfen am Ringelrodtweg.

200 Liegeplätze sind fast alle belegt

Die insgesamt knapp 200 Liegeplätze sind fast alle belegt. Einige Yachtclub-Mitglieder haben schon seit 35 Jahren einen Platz hier. Und manche, die inzwischen kein Boot mehr haben, haben sich einen Wohnwagen ans große Hafenbecken gestellt. „Das ist hier ein beliebter Hafen. Den kleinen Emshafen haben wir erst vor drei Jahren ganz neu da hingezimmert. Ich zeig Ihnen den mal“, sagt Palmowski und steigt in das kleine Elektrofahrzeug, mit dem er täglich seine Runden dreht, um nachzuschauen, ob auch wirklich alles seine Ordnung hat.

Der Emshafen ist streng genommen nicht wirklich neu, sondern nur stark erneuert. Die Geschichte des AMC ist unmittelbar mit dem ehemaligen Schlepperhafen verbunden. Auf der Suche nach einem geeigneten Clubhaus pachteten die Mitglieder des 1964 gegründeten Automobilclubs (AC) Castrop-Rauxel die Wasserfläche neben den Betriebsgebäuden kurzerhand gleich mit. Aus dem AC wurde der AMC.

Jürgen Hund steuert ein Boot, das einst ein schwimmendes Lebensmittelgeschäft war. Foto: Püschner

Der Schlepperhafen wurde zum Sportboothafen. Der größere König-Ludwig-Hafen direkt nebenan – ein ehemaliger Kohleverladehafen – wurde Ende der 1970er Jahre für Sportboote ausgebaut. Heute liegen in beiden Häfen Motorboote und Kutter im Wasser. Einige sind hingegen mit dem Kran auf Böcke gehievt. Reparaturarbeiten stehen an.

Fast 30 Jahre auf dem Buckel

Palmowski kennt hier natürlich jedes Boot und jedes Gesicht. „Geht’s gut? Dann warte mal ab – ich bring dir gleich die Stromrechnung“, ruft er einem der Bootsbesitzer zu, während er mit seinem Elektrofahrzeug auf den Liegeplatz des Schulungsbootes zusteuert. Das hat inzwischen fast 30 Jahre auf dem Buckel, hieß einmal „Knubel“, trägt jedoch seit 1992 den Namen des früheren Vorsitzenden: Kapitän Helmut Kerksiek.

Die Bootsfahrschule sei so ähnlich wie die mit dem Auto, erklärt Palmowski: Theorie und Praxis. „Manche kapieren es schnell, andere eben nicht“. Schnell kapiert haben es definitiv die Nachwuchsmitglieder. Die Jugendabteilung hat bereits Schlauchboot-Weltmeister hervorgebracht. Sie hat einen eigenen kleinen Kran, mit dem die kleinen Boote zu Wasser gelassen werden. Direkt neben der Diesel-Tankstelle am Beckenrand.

Auf den ersten Blick sieht das kleine Wellblechhäuschen nicht unbedingt so aus, als könnte es starken Unwettern standhalten. Die kommen hier aber auch eher selten vor. „Das schlechte Wetter teilt sich oft über Wasserflächen und zieht dann weiter“, erklärt der Hafenmeister. Die letzten Sturmschäden liegen schon drei Jahre zurück und beschränkten sich auf herumfliegende Stühle und kaputte Windschutzscheiben an den Booten. Nichts Wildes.

"Piraten" stahlen Motoren und Fahrräder

Viel schlimmer war der letzte heimliche Piratenbesuch. Außenbordmotoren und Fahrräder haben die Diebe bei ihrem Beutezug mitgehen lassen. „Die kamen übers Wasser. Beim Nachbarn stand einer sogar nachts im Boot, während der geschlafen hat. Als er wach wurde, hat er ihn verscheucht“, erzählt Jürgen Hund. Hund hat den Liegeplatz Nummer 135 und fährt eine alte Dame: Aleksandra. Stolze 60 Jahre ist die 14 Meter lange und 125 PS starke Holländerin bereits.

Nicht zu übersehen: das Schild, das auf den "Arbeitsplatz" von Bernd Palmowski deutet. Foto: Püschner

Umgerechnet schafft die Aleksandra eine Höchstgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde und hat einen Spritverbrauch von knapp 20 Litern auf 100 Kilometer. Das Boot war früher einmal ein schwimmendes Lebensmittelgeschäft, mit dem Händler die Boote ihrer Kunden ansteuerten.

Hund, der viele Jahre ein Bootszubehörgeschäft in Leverkusen führte, hat die Aleksandra völlig umgebaut. Unter Deck eine schicke Holzverkleidung, zwei Schlafkabinen, Dusche und Küche. Im Grunde alles, was man braucht, um längere Zeit auf einem solchen Kahn zu leben.

Seit fünf Wochen am Stück da

Seit 17 Jahren ist der König-Ludwig-Hafen der Heimathafen von Hund und seiner Frau. Aktuell sind sie wieder seit fünf Wochen am Stück hier. Davor schipperte das Paar sechs Monate durch Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. „Wir haben in Leverkusen sechs Yachtvereine vor der Haustür. Aber auf dem Rhein ist es unruhig. Anders als hier – und wir haben hier schließlich alles, was wir brauchen: Werkstatt, Gastronomie und sogar eine Tanke“, sagt Hund.

Ein wenig Sorge bereitet der Diesel-Skandal auch ihm. Momentan merke man davon in der Schifffahrt zwar noch nichts, „aber irgendwann werden die die Stinker schon rausziehen“. Welche Folgen das für das ehemalige schwimmende Lebensmittelgeschäft hat, sei noch nicht klar. Es gebe jedenfalls größere „Stinker“ als die Aleksandra – so viel sei sicher.

Das alte Boot fasst 1800 Liter Sprit. Mit einer vollen Tankfüllung kommt Hund allerdings bis zu drei Jahre aus. Trotz Touren nach Holland und Frankreich. Nur auf offene See begibt er sich mit seinem Kahn nicht. „Das ist mir zu riskant. Das Boot hat nur 90 Zentimeter Tiefgang, ist eigentlich ein reines Binnenschiff und hat ein ganz anderes Fahrverhalten“, sagt Hund.

Deswegen werden er und seine Frau weiterhin nur über Kanäle und Flüsse schippern. Und anschließend stets in ihren Heimathafen zurückkehren. Direkt am Rhein-Herne-Kanal. Und unter den wachsamen Blicken eines sympathischen Seebären.

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