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Über die moderne Nutzung des Hofs Schuöte-Rauxel freuen sich Marieke Ahlrichs (v.l.), Markus Seiler, André George (beide Kulturbrennerei), Nicole Brune-Gelardi, Klaus Gelardi (beide Essbar), Konrad Hirschmann (Hofbesitzer), Karin Ahlrichs sowie die beiden Kinder Janno und Lilly Ahlrichs.

Ehemalige Schnapsbrennerei

So wurde der Hof Schulte-Rauxel mit Leben gefüllt

RAUXEL - 150 Jahre lang floss auf dem Hof Schulte-Rauxel der Korn literweise in Flaschen. 30 Leute arbeiteten auf dem Hof und kümmerten sich unter anderem um Kühe und Gänse. Zum Jahrtausendwechsel war damit aber Schluss. Die Brennerei war nicht mehr konkurrenzfähig – und vieles hat sich seitdem verändert.

Er ist noch da, der Charme des alten Hofs. Schon vom Eingang aus erinnert ein hölzernes Scheunentor an die alte Kornbrennerei. An den Fassaden der Backsteinhäuser zeichnen sich die Spuren der vergangenen Jahre ab. Doch hinter ihnen hat sich ein modernes Konzept durchgesetzt, das den Hof am Leben erhält. „Viele Menschen haben hier eine berufliche Bleibe gefunden“, sagt Hofbesitzer Konrad Hirschmann. „Deswegen ziehen wir alle an einem Strang.“

Alle, das sind Handwerksbetriebe, Maler, der Löschzug Dorf Rauxel der Feuerwehr, aber auch Nicole Brune-Gelardi mit ihrem Catering-Service Essbar sowie Marcus Seiler und André George von der Kulturbrennerei. Nach und nach haben sich die einzelnen Unternehmer auf dem Hof angesiedelt. 2007 haben sich beispielsweise Marcus Seiler und André George für diesen Schritt entschieden. Seitdem bieten sie in der zweiten Etage einen Proberaum, ein Tonstudio sowie einen Projektraum.

Eine alternative Musikschule mit Proberäumen

„Wir sind eine Art alternative Musikschule und machen Projekte mit dem Westfälischen Landestheater, der Flüchtlingshilfe und der Lebenshilfe“, erklärt Seiler.

Menschen mit Behinderung, ohne Behinderung und unterschiedlicher Herkunft treffen sich dadurch in der Kulturbrauerei. Gemeinsam mit Seiler und George gründen die Musiker dann eine Band, erarbeiten Konzepte, Stücke und Videos. „Aber auch Bands, die schon bestehen können sich in unserem Proberaum austoben, über Ruhestörung müssen sich keine Gedanken machen“, sagt George.

Hoffest im Mai

Am Samstag, 13. Mai findet auf dem Hof Schulte-Rauxel, Rieperbergstraße 98, ein Fest statt. Jedes auf dem Hof ansässige Unternehmen kann dabei seinen Bereich vorstellen. Bei einer Tombola können die Besucher unter anderem Schnaps vom Hof Schulte-Rauxel gewinnen. Die Einnahmen der Tombola kommen einem Projekt der Kulturbrennerei zugute. Zu welcher Uhrzeit das Hoffest beginnt, ist noch unklar. Der Zugang zum Hoffest ist für alle Besucher kostenlos.

Wieder unten angekommen, befindet sich direkt gegenüber die Essbar, in der sich Nicole Brune-Gelardi um alles kümmert, was ein Fest oder eine Veranstaltung benötigt. „Ich plane zusammen mit den Kunden die Feier, dekoriere und koche“, sagt Brune-Gelardi. Dort, wo sich noch heute Teile der Kornbrand-Anlage befinden, können Gäste nun ihre eigenen Feier veranstalten.

Jetzt tanzen die Leute in der Brennerei

„Besonders beliebt sind Mottoparties“, so Brune-Gelardi, die sich gerne an eine Bollywood-Feier zurückerinnert. „Gleichzeitig profitieren aber auch die anderen davon. Das ist ein riesiges Netzwerk hier“, sagt Konrad Hirschmann. In seinem Bauernhaus können Gäste dann beispielsweise übernachten, ansässige Handwerker sorgen für Beleuchtung und dann und wann entsteht auch ein erster Kontakt zur Kulturbrennerei.

„Mein Vater hat immer gesagt, dass er nicht fassen kann, dass die Leute jetzt in der Brennerei tanzen“, so der Hofbesitzer. Aber nur so war es möglich, das urige Gebäude wieder mit Leben zu füllen. „Und wir bereuen das nicht, denn wir arbeiten nicht nur zusammen, sondern sind auch Freunde geworden.“

Die Geschichte der Kornbrennerei: Aus der Not geboren

Der Plan, eine Kornbrennerei zu eröffnen, ist auf dem Hof Schulte-Rauxel aus der Not geboren. Zwischen 1820 und 1860 führten Klimaveränderungen mit ungewöhnlich starken Niederschlägen im Sommer und im Herbst zu schlechten Ernten. Das wenige, aber nasse Getreide schimmelte schnell und der Kartoffelanbau hatte sich noch nicht durchgesetzt, sodass Mensch und Vieh hungern mussten.

Die überlebenden Rinder waren so schwach, dass sie im Frühjahr nicht mehr aus eigener Kraft auf die Weide gehen konnten. Sie wurden mit einem Schlitten dorthin gezogen. Auch die Kühe gaben im Herbst keinen Tropfen Milch mehr. Die Lösung: Der Bau einer Kornbrennerei 1848, bei der als Abfallprodukt Schlempe entstand, das als haltbares Futter für das Vieh diente. Die Kühe gaben nun auch im Winter Milch und gingen im Frühjahr in besserer Verfassung auf die Weide.

Großer Umsatzverlust nach dem zweiten Weltkrieg

Aber auch der Alkohol-Verkauf wirkte sich positiv aus. Im Gründungsjahr der Kornbrennerei hatte Castrop knapp 1000 Einwohner mit 17 Kneipen, in denen die Gäste insbesondere Branntwein tranken. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs stiegen die Absatzzahlen immer weiter an, ehe ein tiefer Fall folgte.

Das Vermögen der Firma ging zum Großteil verloren und bei der Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen strömte Alkohol unkontrolliert ins Land – weit unter den Herstellungskosten der Brennereien. Noch rechtzeitig zog sich die Firma aus dem Trinkbranntweingeschäft zurück und verlegte sich ganz auf die Produktion von hochprozentigem Alkohol.

Eine grundlegende Sanierung der über 100 Jahre alten Gebäude und eine Modernisierung der Brennereianlage ermöglichten stabile Jahre. 2002 änderte sich die Situation dann aber erneut. Durch ein neues EU-Gesetz wurde die drittgrößte Brennerei Deutschlands plötzlich unwirtschaftlich und musste schließen.

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