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Ulrike Teichmann (l.) scheidet als Konrektorin aus. Ihr Chef, Schulleiter Jochen Bell, bleibt noch ein halbes Jahr an der Cottenburgschule, bevor er als „letzter seiner Art“ (männlicher Grundschulleiter) Anfang 2017 in den Ruhestand geht.

Interview

Konrektorin der Cottenburgschule verabschiedet sich

SCHWERIN - Mit der Konrektorin Ulrike Teichmann von der Schweriner Cottenburgschule verabschiedet sich ein weiteres pädagogisches "Urgestein". Die 63-Jährige hat sich zuletzt um Flüchtlingskinder im Grundschulalter gekümmert. Wir sprachen mit ihr und dem in einem halben Jahr ebenfalls aus dem Dienst scheidenden Schulleiter Jochen Bell.

Ulrike Teichmann ist seit 20 Jahren Konrektorin und war zeitweise auch kommissarische Leiterin der Schweriner Cottenburgschule. Die 63-jährige Pädagogin geht nach 41,5 Jahren Schuldienst mit Schuljahresende in den Ruhestand. Ihr Chef, Jochen Bell, bleibt noch bis Anfang 2017 Schulleiter der Cottenburgschule.

Frau Teichmann, die Flüchtlingskinder sind zuletzt zu ihrer Hauptaufgabe geworden. Wie ging das Verfahren?

Teichmann: Die Familien, die schulpflichtige Kinder im Grundschulalter haben, müssen sich bei uns melden. Oft kommen Flüchtlingskinder allerdings nur mit zusammengeknüllten Papieren und wir müssen erst mal Nachforschungen betreiben – was wir eigentlich gar nicht dürften. Wenn bei uns Platz ist, nehmen wir sie. Ansonsten werden sie an die Erich-Kästner-Schule in Habinghorst und an die Schule Am Busch in Ickern verwiesen.

Warum dorthin?

Bell: Das hat auch geografische Gründe. Die Wohnorte der Kinder waren anfangs meist im Süden, das fängt jetzt an, sich zu verändern.

Über wie viele Kinder reden wir?

Bell: Wir haben im nächsten Jahr rund 30 Flüchtlingskinder. Die anderen Schulen haben alle weniger.

Teichmann: Und alle sind versorgt worden mit Tornistern und Schreibutensilien, solange wir noch ein Deputat hatten von der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe. Im Moment gehen wir allerdings auf null zu. Die beiden letzten Jungen haben nur noch einen Mädchentornister bekommen.

Wie verarbeiten Sie diese Situation emotional?

Teichmann: Es fällt mir in letzter Zeit schwer, die ganzen Schicksale geschildert zu bekommen. Kinder sind ebenso traumatisiert wie Erwachsene. Das nehme ich zusehends mit nach Hause.

Glauben Sie, dass die Kinder Anschluss finden?

Teichmann: Die Kinder sind in den Klassen integriert, haben aber pro Tag zusätzlich zwei Deutschstunden, wo sie gezielt gefördert werden. Ich glaube, das funktioniert ganz gut. Und darauf können wir, das heißt auch unsere Kollegin Anja Fischedick, die diese Kinder unterrichtet, stolz sein. Kollegin Fischedick wird auch künftig meine Funktion übernehmen. Das wird ein nahtloser Übergang.

Wie verändert eine solche Situation das Grundschulleben?

Bell: Man empfindet das Ganze schnell als Normalität. Die Kinder gehen gerne in die Regelklassen. Die Kinder gehen gerne in ihren Deutschkurs. Die deutschen Kinder haben nie das Gefühl, es könnte jemand nicht dazu gehören. Der Integrationsstand der Kinder ist gut. Das Problem sind die sogenannten Seiteneinsteiger. Also ein Kind, das im November kommt und in Klasse vier gehört, aber noch kein Deutsch kann.

Teichmann: Die Integration ausländischer Kinder hat auf Schwerin nie eine Rolle gespielt, weil die Cottenburgschule traditionell einen hohen Anteil von Kindern aus aller Herren Länder hatte. Man hört nur wenige typisch deutsche Vornamen. Das gehört aber zum Alltag dazu, und das ist ganz normal. Die Kinder werden auch untereinander angenommen, es ist nicht das Problem, dass jemand ausgegrenzt wird, weil er neu ist oder weil er vielleicht nicht so moderne Sachen hat wie andere.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Eltern?

Bell: Wir haben offen kommuniziert, dass wir viele Migrantenkinder haben und wir differenziert beschulen. Von den Eltern kam daraufhin keine Reaktion. Das bedeutet für mich: „Ist doch gut und selbstverständlich.“ In den frühen 80er-Jahren gab es an dieser Schule einmal vier türkische Vorbereitungsklassen. Der Ortsteil Schwerin ist damit gewachsen. Dass es jetzt eine weitere Beschulung in Regelklassen gibt, das haben wir als Konzept stärker akzeptiert als an anderen Schulen mit Vorbereitungs- oder Willkommensklassen.

Heißt das, die häufig öffentlich artikulierten Probleme gibt es gar nicht?

Bell: Deshalb gucke ich auch keine Talkshows mehr. Ich orientiere mich lieber an der Wirklichkeit und nicht an den Problemkonstrukten, die an uns heran getragen werden. Unsere Schulrealität ist freundlicher und zugänglicher.

Wie verhalten sich die Flüchtlingseltern?

Teichmann: Dadurch, dass wir am Anfang zu 90 Prozent auf Dolmetscher angewiesen sind, haben wir einen ganz guten Fundus. Stellvertretend nenne ich die Familie El Bekkali aus Syrien. Die hat sich vor einem Jahr bei uns vorgestellt und spricht viele Sprachen. Wir haben Sie über Wochen jeden Freitag hier gehabt. Dieser Familie kann man nur dankbar sein, sie hat auch ihre Telefonnummer zur Verfügung gestellt. Sie nehmen positiven Einfluss auf die Flüchtlinge. Das ist für mich eine unheimliche Hilfe.

Ihr letzter Satz?

Teichmann: Ich fand die Arbeit schön, ich bin darin richtig aufgegangen. Schade, dass es jetzt vorbei ist. Aber ich werde ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit weitermachen. Man fällt nicht auf null.

Eine Karriere in der Region

Ulrike Teichmann stammt aus Wanne-Eickel, wo sie 1971 ihr Abitur absolvierte. Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule Dortmund Mathematik, Musik und Geografie für Grund- und Hauptschulen. Nach Stationen an der Marktschule Ickern, der Hauptschule Lange Straße und der Grundschule an der Ahornstraße (heute Waldschule) fing sie 1996 auf Schwerin an.

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