Die Soda-Brücke in Castrop-Rauxel: Unter ihr können Autos her fahren - auf ihr hat sich in den letzten 25 Jahren nichts bewegt.
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Die Soda-Brücke in Castrop-Rauxel: Unter ihr können Autos her fahren - auf ihr hat sich in den letzten 25 Jahren nichts bewegt.

Seit 1978 in Castrop-Rauxel

Brücke ohne Straße führt ins Nirgendwo

CASTROP-RAUXEL - Die "Soda-Brücke" in Castrop-Rauxel heißt so, weil sie einfach so da steht, ohne einen Zweck zu erfüllen. Die Geschichte einer Brücke, über die in mehr als einem Vierteljahrhundert noch kein einziges Auto gefahren ist.

Sie ist ein Schandfleck, Castrop-Rauxels ehemaliger Bürgermeister Johannes Beisenherz bezeichnete sie einst als "Sündenfall", ein Symbol für gescheiterte Verkehrspolitik: die Soda-Brücke im Castrop-Rauxeler Ortsteil Merklinde. 1978 begannen die Bauarbeiten an dem Stahlbeton-Klotz, 1980 war die Brücke fertig, und seitdem steht sie eben so da. Um ein paar Graffiti-Schmierereien reicher, aber unbefahren. Geplant war, die Brücke an den Neuen Hellweg anzubinden, der von Dortmund-Mengede nach Bochum-Gerthe führen sollte.

So sollte die L654n entstehen - eine Ortsumgehungsstraße, die zum Autobahnkreuz Castrop-Rauxel Ost im Osten und in Richtung Bochum-Gerthe im Westen führen sollte. Doch diese Straße wird es nie geben: Seit einigen Tagen steht fest, dass das Projekt L654n endgültig gescheitert ist.

Veränderte Verkehrslage

Der Streit um die Ortsumgehung im Castrop-Rauxeler Süden dauerte Jahrzehnte. Ursprünglich war die L654n vor allem als Entlastung für die Gerther Straße geplant, die von vielen LKW befahren wird. Die SPD beschloss den Bau 1997 unter Bürgermeister Hans Ettrich. Unter dessen Nachfolger Johannes Beisenherz rückte die Partei Stück für Stück von den Plänen ab und strich sie zuletzt ganz.

Dafür führte die SPD unter anderem folgende Gründe an: Die Verkehrsprognosen aus dem Jahr 1997, auf deren Grundlage der Straßenbau beschlossen worden war, hätten sich nicht bewahrheitet. Aktuelle Gutachten würden nahelegen, dass sich die Verkehrsbelastung schon reduziert hätte und bis 2025 weiter reduzieren würde. Außerdem seien die öffentlichen Kassen klammer. Die Ortsumgehung würde die Gerther Straße zwar entlasten, die Verkehrsbelastung aber dafür auf einen anderen Stadtteil verschieben. Auch Bedenken von Naturschützern wegen möglicher ökologischer Schäden hatten eine Rolle gespielt. „Vor dem Hintergrund, dass sich in den vergangenen Jahren Entscheidungsgrundlagen von 1997 verändert haben", sprachen sich SPD und Grüne im Dezember 2010 gegen den Bau der L654n aus.

Land NRW gibt Grundstücke zurück

Auch wenn das Thema Ortsumgehung unter den Castrop-Rauxeler Parteien seitdem immer wieder für Querelen sorgte: Seit einigen Tagen steht endgültig fest, dass die L654n nicht fertig gestellt wird. Die Straße ist inzwischen aus dem Landesstraßenbedarfsplan gestrichen worden, wie ein Sprecher des Landesverkehrsministeriums auf Anfrage unserer Redaktion vergangene Woche bestätigte. Grundstücke, die das Land NRW in Castrop-Rauxel bereits für den Bau der Umgehungsstraße erworben hatte, werden an die Stadt zurück übertragen. "Derzeit lässt sich nicht absehen, ob und zu welchem Zeitpunkt mit einer Planung, möglicherweise auch auf einer anderen Linie, wieder begonnen wird", sagte der Ministeriumssprecher.

Brückenabriss nicht so einfach

Und was bedeutet das für die Soda-Brücke? Ihr Abriss ist eigentlich schon 2011 vom Castrop-Rauxeler Stadtrat beschlossen worden. Das gestaltete sich aber nicht so einfach: SPD und Grüne monierten zwar, die Brücke sei für Autofahrer eine "Katastrophe", da sie beim Abbiegen kaum Einsicht in die Straße hätten. Doch es blieb lange unklar, wer für die Abrisskosten aufkommen müsste - die Stadt Castrop-Rauxel oder der Landesbetrieb Straßen.NRW als zuständiger Straßenbaulastträger. 2011 stand die L654n außerdem noch im Straßenbedarfsplan. "Ich kann nicht auf Zuruf eine Brücke in Castrop-Rauxel abreißen", hatte die zuständige Abteilungsleiterin damals gesagt.

Jetzt heißt es von Straßen.NRW, man recherchiere gerade, wie weiter zu verfahren ist. Sprecher Peter Beiske erklärte zuletzt, seine Behörde habe noch keine Kenntnis von der Streichung der Straße aus dem Bedarfsplan. "Falls es so ist, wird die Brücke natürlich auch entfernt“, sagte Beiske. Allerdings genieße der Abriss nicht die allerhöchste Priorität. Wahrscheinlich steht die Soda-Brücke also noch ein wenig länger so da.

An diesem Artikel haben mitgewirkt: Michael Fritsch, Abi Schlehenkamp, Peter Wulle

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