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Fühlt sich nicht nur auf der Fahne Großbritanniens, sondern auch in London wohl: Unser ehemaliger Kollege Mabroor Ahmad der unter anderem vom Brexit-Geschehen in der englischen Hauptstadt erzählt.

Brexit

„Engländern ist alles zuzutrauen“

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DATTELN - Mabroor Ahmad lebt seit sechs Jahren in London. In Datteln ist der ehemalige Sportredakteur aufgewachsen. Beim Besuch in der Heimat plauderte er mit uns über die aktuellen Brexit-Wirren an der Themse.

Ja, der Brexit genannte Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union ist das beherrschende Thema in England: „Aber eigentlich nur in den Nachrichtensendungen. Im Alltag berührt der Brexit die Menschen weniger. Bislang zumindest.“

Mabroor Ahmad weiß, wovon er spricht. Seit April 2013 lebt und arbeitet er in der englischen Hauptstadt an der Themse. „Als 2016 das knappe Ergebnis des Referendums zugunsten eines EU-Austritts bekannt wurde, da herrschte kurzzeitig so etwas wie Totenstille in der Stadt. Ganz so, als ob sich alle fragen würden: Was haben wir da nur gemacht? Aber mittlerweile geht das Leben dort weiter. Und zwar so hektisch wie immer“, berichtet der 34-Jährige.

Von dieser Hektik lässt sich der ehemalige Sportjournalist aber nicht anstecken. „Habe ich früher nicht gemacht, mache ich auch heute nicht“, sagt der sympathische junge Mann. Und für ihn ist klar: „Ich behalte selbstverständlich meinen deutschen Pass. Den gebe ich niemals her.“

Englischer Doppelpass

Mabroor Ahmad will im Gegensatz zu vielen Kollegen aus Deutschland, die in London arbeiten, auch keinen englischen Doppelpass beantragen. „Ich habe da natürlich den Vorteil, dass ich mit einer Engländerin verheiratet bin. Da wird man mich auch bei einem ungeregelten Brexit schon nicht aus dem Land jagen“, sagt Ahmad lächelnd.

Wobei sich der 34-Jährige, dessen Vater seit vielen Jahren in Oer-Erkenschwick ein Textilgeschäft betreibt, einen ungeregelten Austritt Englands aus der EU nicht vorstellen kann. „Dazu ist eigentlich alles viel zu verzahnt. London ist eine Handelsmetropole. Dort kann man es sich eigentlich gar nicht leisten, aus den bestehenden, engen Wirtschaftsverflechtungen einfach so auszusteigen“, sagt Ahmad. Aber eine gewisse Unsicherheit bleibt trotzdem. Denn Mabroor Ahmad weiß aus eigener, nunmehr sechsjähriger Erfahrung: „Beim Brexit ist den Engländern im Moment alles zuzutrauen.“

„Sehr komplexe Zusammenhänge“

Wenn er sich in London mit Kollegen und Freunden über das Thema unterhält, wird nach seiner Erfahrung sehr schnell deutlich, wie wenig überlegt damals die Entscheidung vieler Engländer beim Brexit-Referendum gewesen ist. „Viele wussten auch viel zu wenig über die komplexen Zusammenhänge innerhalb der Europäischen Union und den vertraglichen Verflechtungen. Außerdem haben heute viele das Gefühl, damals von den Brexit-Befürwortern hinters Licht geführt worden zu sein“, erzählt Ahmad und ergänzt: „In dem Zusammenhang ist auch sehr interessant, dass die damaligen Pro-Brexit-Politiker, die ständig in der Öffentlichkeit präsent waren, mittlerweile so gut wie alle in der Versenkung verschwunden sind. Kein Wunder, dass jetzt Millionen Menschen ein neues Referendum wünschen.“ Ob es das gibt, und wie es überhaupt mit dem Brexit weitergeht, das ist für den Wahl-Engländer Mabroor Ahmad eine Wundertüte. „Da muss man wirklich abwarten und möglichst gelassen bleiben“, sagt der 34-Jährige.

Eine ganze Reihe „Gastarbeiter“ aus der EU in London bleiben da nicht so ruhig. Wie Ahmad berichtet, bereiten unter anderem nicht wenige Deutsche ihren Absprung aus London vor. „Das sind dann nicht nur Arbeitskräfte aus der Finanzbranche, die nach Frankfurt wechseln wollen, sondern auch Menschen, die schlicht und einfach die Mega-City London satthaben“, erzählt Ahmad.

Denn dort kämpfen die Menschen mit genau denselben Problemen wie die Einwohner in anderen Weltmetropolen. „Da ist zum Beispiel das Verkehrschaos. Ich fahre jeden Tag mit den Zug in die City. Der ist alt, oft verspätet und fährt manchmal gar nicht. Und trotzdem kostet das Jahresticket umgerechnet gut 3000 Euro. Da passen Preis und Leistung nicht zusammen“, sagt Ahmad. Dann sind da die hohen Mieten und das „erneuerungsbedürftige“ Gesundheitssystem. Dennoch lebt der ehemalige Dattelner gerne an der Themse. Wo die Liebe halt hinfällt – mit oder ohne Europäische Union...

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