Der Dattelner Angeklagte im Prozess um Missbrauch von betäubten Kindern verbirgt sein Gesicht hinter einem Schnellhefter. Der Mann aus Datteln wurde schließlich zu elfeinhalb Jahren Haft mit späterer unbefristeter Sicherungsverwahrung verurteilt.
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Der Dattelner Angeklagte im Prozess um Missbrauch von betäubten Kindern verbirgt sein Gesicht hinter einem Schnellhefter. Der Mann aus Datteln wurde schließlich zu elfeinhalb Jahren Haft mit späterer unbefristeter Sicherungsverwahrung verurteilt.

Rückblick auf das Gerichtsjahr 2020

Diese Prozesse mit Dattelner Beteiligung haben uns in diesem Jahr beschäftigt

  • Sebastian Balint
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  • Werner von Braunschweig
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Ein Rückblick auf Gerichtsprozesse des abgelaufenen Jahres. Auch die unfassbar perfide Missbrauchsserie eines Dattelner Briefzustellers wurde verhandelt.

Richter mit Schutzmasken, Mikrofone eingehüllt in Plastiktütchen, Stuhlreihen abgeklebt mit Flatterband: Die Corona-Pandemie hat im Jahr 2020 auch die Gerichte fest im Griff – und zahlreiche noch nie da gewesene Bilder produziert. Die Kriminalität und jede Menge Prozesse an den auch für Datteln zuständigen Gerichten konnte der Erreger SARS-CoV-2 aber nicht aufhalten.

Die folgenden Urteile, Szenen und Geschehnisse blieben besonders in Erinnerung: Eine der härtesten Strafen wurde 2020 nach einer unfassbar perfiden Missbrauchsserie verhängt. Jahrelang hatte ein Briefzusteller aus Datteln Mädchen und Frauen betäubt, sexuell missbraucht und dabei auch noch gefilmt. Im April verhängte das Bochumer Landgericht gegen den Briefzusteller elfeinhalb Jahre Haft und ordnete außerdem die spätere unbefristete Sicherungsverwahrung an.

Nicht zuletzt, weil es eine Psychologin so formuliert hatte: „Die Fantasien sterben zuletzt.“ Den späteren Opfern waren vor den gefilmten Übergriffen Schlafmittel in Milchshakes gemischt oder mit einer Spritze direkt in den Mund gespritzt worden. „Das war lebensgefährlich“, hieß es beim Urteil.

Datteln: Kein Urteil kann den Schmerz lindern

Der qualvolle Gewalttod einer 33-jährigen Wohnungsmieterin an der Holtbredde in Datteln beschäftigte die Justiz im Frühsommer. Obwohl er seine Nachbarin im Wahn erwürgt und verbrannt hat, konnte ein Dattelner dafür im Juni letztlich nicht bestraft werden. Laut Urteil des Bochumer Schwurgerichts galt der Täter als komplett schuldunfähig. Die Ärzte sprachen von paranoid-halluzinatorischer Schizophrenie.

Das Opfer war ein Zufallsopfer, die Frau hatte ihrem Nachbarn nicht das Geringste getan. Die Bochumer Richter waren überzeugt, dass der psychisch kranke Dattelner durch seine „wahnhaft verqueren“ Gedanken nicht mehr steuerungsfähig gewesen ist. Rein rechtlich bewerteten sie die Tat als Totschlag. Dass der Ex-Elektriker am Ende auf unbestimmte Zeit in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden ist, wird für Freunde und Angehörige des Opfers kaum ein Trost sein. „Kein Urteil der Welt kann den Schmerz lindern, der mit dieser Tat verbunden ist“, hatte Richter Josef Große Feldhaus beim Urteil gesagt.

Datteln: Knallharte Standpauke

Eine knallharte Standpauke musste sich im September ein Ex-Geschäftsführer eines Pflegevereins (zwei Jahre und acht Monate Haft) anhören. „Niederträchtig“, „schamlos“, „rechtsfeindlich“: Richter Carsten Schwadrat nahm in der Urteilsbegründung kein Blatt vor den Mund: Hätte der wegen Untreue in 261 Fällen verurteilte Mann aus der Nachbarstadt Oer-Erkenschwick auf seinem Platz irgendwohin versinken können, er hätte es wohl sofort getan.

Der Ex-Geschäftsführer hatte jahrelang über die Vereins-Kreditkarte Bargeld abgehoben und auch Urlaubsreisen, Massagebehandlungen, Bundesligakarten, Weihnachtsgeschenke, ja sogar seine eigene Geburtstagsfeier sowie eine Waschmaschine und zwei Taschenfederkernmatratzen darüber bezahlt. Schaden laut Urteil: mindestens 128.000 Euro.

Sein dickes Fell in Sachen Steuerschuld führte einen Dattelner Unternehmer im November ins Gefängnis. Weil der Firmenchef jahrelang keinen einzigen Cent Steuern gezahlt hat, verhängte das Bochumer Landgericht zwei Jahren Haft. Dass der Firmenboss seit 2010 freiwillig nicht einen einzigen Cent Steuern gezahlt hat, machte die Richter regelrecht fassungslos.

Statt Steuern zu zahlen, hatte der 68-Jährige sein Geld in Luxusgüter, unter anderem sündhaft teure Leasingautos, Designermöbel, Elektronik und Schmuck, investiert. Die Familie, so hieß es im Urteil, ließ nichts aus, sondern führte „ein Leben in Saus und Braus“. Steuerschaden laut Urteil: mindestens 360.000 Euro.

Datteln: Strafverteidiger stirbt nach einer Coronainfektion

Von einem besonders traurigen Ereignis wurde im Dezember ein Prozess gegen ein Räubertrio überschattet, das in der Region Geldboten von Rewe-Märkten ausgeraubt hatte. An den letzten Verhandlungstagen war ein Platz neben einem der Angeklagten (der von Beginn an zwei Anwälte hatte) plötzlich stets leer geblieben.

Beim Urteil wurde bekannt: Strafverteidiger Ingo Thiée (76) aus Bonn war während des laufenden Prozesses nach einer Coronainfektion verstorben. Richterin Frauke Seyda nutzte die Urteilsbegründung für eine Botschaft der Anteilnahme: „Das macht uns alle sehr betroffen.“

Datteln: Fall Marvin wird 2021 fortgesetzt

Auf ganz dünnem Eis steht das Prozessende des seit Juni 2020 laufenden Prozesses im Vermisstenfall Marvin, dem aus einer Wohngruppe in Oer-Erkenschwick verschwundenen und nach zweieinhalb Jahren in Recklinghausen im Schrank eines vorbestraften Sexualstraftäters entdeckten Jungen. Nach Monaten voller Unstimmigkeiten über die Vernehmungsform (mit oder ohne Anwesenheit des Angeklagten im Saal), dauert aktuell die Befragung Marvins bereits drei komplette Sitzungstage und wird im Januar 2021 fortgesetzt.

Im Anschluss daran ist das Gericht schon nahezu gezwungen, für ein Urteil voll aufs Tempo zu drücken: Denn auf Seiten einer unverzichtbaren Prozessbeteiligten stehen Mutterschutz und die Geburt eines „Corona-Babys“ schon deutlich sichtbar bevor. Nicht völlig undenkbar also, dass der gesamte Prozess noch einmal mit neuer Gerichtsbesetzung ganz von vorne beginnen muss.

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