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Harald Schandry (li.) und Bernd Surholt von den Hannoverschen Kammerspielen waren zu Besuch im Comenius-Gymnasium. Mit „Arzt hätt` ich nicht werden dürfen - Das Eichmann-Protokoll“ standen die beiden bei einer szenischen Lesung auf der Bühne des Gymnasiums.

Comenius-Gymnasium

Was Menschen zu Tätern macht

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DATTELN - Zu Besuch am Comenius-Gymnasium waren die Hannoverschen Kammerspiele mit einer szenischen Lesung zum Eichmann-Prozess.

Der Inbegriff des Schreibtischtäters, Adolf Eichmann, weist jede Verantwortung von sich, als er am hölzernen Tisch im Comenius-Gymnasium die Beine übereinanderschlägt. „Unwahr, unwahr!“, wiederholt Bernd Surholt in seiner Rolle als Eichmann. „Ich hatte mit der Tötung von Juden nie etwas zu tun.“

275 Stunden dauerte 1961 der Eichmann-Prozess. Das daraus entstandene Buch umfasst 300 Seiten, aus denen die Hannoverschen Kammerspiele 30 für eine Aufführung, besonders in Schulen, auswählten. Erstmalig zu Besuch in Datteln zeigt die szenische Lesung den Schülern des Comenius-Gymnasiums Auszüge aus Verhörprotokollen, Briefen und Schlagzeilen der Tageszeitungen in Zeiten des Nationalsozialismus. „Ihr werdet etwas erleben, das euch nachträglich noch beeindruckt“, kündigt Schulleiterin Regina Brautmeier noch an, bevor die beiden Schauspieler ihre Rollen einnehmen. „Ihr werdet erfahren, was Menschen zu Tätern macht.“

Als SS-Obersturmbannführer hatte Adolf Eichmann eine zentrale Figur bei der Organisation der Judenvernichtung. Ein Gespür dafür, mit welchen Argumenten er sich für seine Taten rechtfertigte, bekamen die Schüler bei der Aufführung: „Ich war für die Auswanderung der Juden zuständig, über Detailfragen habe ich mir damals keine Gedanken gemacht.“ Er sei kein Judenhasser gewesen, habe nur die Befehle seines Führers befolgt. „Welche persönlichen Gedanken hatten Sie bei der physischen Vernichtung von Juden?“, fragt Harald Schandry, der die Rolle des verhörenden Kommissars übernommen hat. „Einen Hitler-Befehl konnte man nur umgehen, wenn man sich selbst erschoss.“

Bis zum Schluss des Prozesses am 15. Dezember 1961 hat Adolf Eichmann sich nicht schuldig bekannt. „Eichmann hatte keine Vorstellung von der Dimension seiner Verbrechen“, liest Harald Schandry vor. „Er hat keine Reue gezeigt.“

Der Eichmann-Prozess Als Eichmann-Prozess wird das Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen österreichischen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann bezeichnet. Dieser wurde vor dem Jerusalemer Bezirksgericht zwischen dem 11. April und 15. Dezember 1961 für den millionenfachen Mord an Juden zur Verantwortung gezogen. Eichmann organisierte die Vertreibung und Deportation der Juden und war mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen. Nach Kriegsende tauchte er für einige Jahre innerhalb Deutschlands unter und galt als verschollen. 1950 floh er nach Argentinien. 1960 wurde er entführt und nach Israel gebracht. Das Todesurteil wurde am 1. Juni 1962 in einem israelischen Gefängnis vollstreckt.

Im Rahmen des Unterrichts kam das Theater aus Hannover zu Besuch an die Schule. „Die Schüler haben sich bereits vorher gut über das Thema informiert“, sagt Lehrerin Svenja Bähner. In den letzten Wochen haben die Schüler bereits in Form von Plakaten an die Opfer des Holocausts erinnert. Bei der szenischen Lesung gehe es um die Sichtweise eines Täters, „aus einem anderen Blickwinkel“. Gemeinsam möchte die Schule ein Zeichen gegen das Vergessen setzen.

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