+
Mit Menschenkenntnis: Monika Landgraf und der Dattelner Manfred Bellendorf sind Schöffen.

Ehrenamt

Schöffen: Richter ohne Robe

  • schließen

Datteln - Schöffinnen und Schöffen üben ein Ehrenamt mit großer Verantwortung aus. Einer von ihnen ist der Dattelner Manfred Bellendorf.

Freispruch, Bewährungs-, Geld- oder gar eine Gefängnisstrafe? Drückt diese Verantwortung manchmal sehr? Der Dattelner Manfred Bellendorf (66) und Monika Landgraf (58) müssen nicht lange überlegen. „Nein“, sagen die beiden ehrenamtlichen Richter wie aus einem Mund. Die zwei sind Schöffen. Und vor kurzem hat der Wahlausschuss die Volksvertreter für die neue fünfjährige Amtszeit gewählt, die 2019 beginnt. 32 teilen sich den Dienst im Amtsgericht Recklinghausen, 16 weitere stehen als Vertreter bereit. Zudem engagieren sich 62 Männer und Frauen aus dem Kreis am Landgericht Bochum.

Eine völlig andere Sichtweise

Die Zahl der Bewerber war mit mehr als 200 auch in diesem Jahr wieder groß genug, sodass niemand verpflichtet werden musste. „Wir sind froh, dass es sie gibt. Denn die normalen Bürger besitzen noch einmal eine völlig andere Sichtweise. Das ist sehr wichtig bei der Urteilsfindung“, betont Dietmar Wilmsmann, Direktor des Amtsgerichts.

Aber noch ist nicht offiziell, wer Schöffe wird. Doch Manfred Bellendorf hofft, dass die Wahl erneut auf ihn gefallen ist. Als Rentner wollte er keine ruhige Kugel schieben. Aber das war es nicht allein. „Ich habe schon das Jura-Studium meines Sohnes mit großem Interesse begleitet und finde dieses Thema sehr spannend“, berichtet der Dattelner. Zumal er immer erst wenige Minuten vor der Verhandlung erfährt, worum es überhaupt geht, sei es um Diebstahl oder Drogenmissbrauch, Körperverletzung oder fahrlässige Tötung. Am Amtsgericht dreht sich die Verhandlung um die leichteren Fälle, können Bellendorf & Co. bis zu vier Jahre Freiheitsstrafe verhängen.

Alle sind gleichberechtigt

Anfang des Jahres erhalten die Schöffinnen und Schöffen ihre Gerichtstermine per Post. Etwa einmal im Monat sind sie gefragt. Zu zweit sitzen sie dann im Gerichtssaal und fällen ihr Urteil gemeinsam mit dem Berufsrichter. Wer allerdings glaubt, dessen Stimme habe mehr Gewicht, der irrt. „Wir sind alle gleichberechtigt“, erzählt Manfred Bellendorf weiter. Und nur selten werde jemand überstimmt. „Bisher waren wir uns immer einig“, verrät Monika Landgraf. Ein Zeitungsartikel weckte das Interesse der Hertenerin, die noch berufstätig ist. Das ist übrigens kein Problem. Arbeitgeber sind nämlich verpflichtet, die Schöffen für ihren Einsatz freizustellen. Zwei Amtszeiten hat die 58-Jährige schon hinter sich gebracht. „Darum muss ich jetzt eine Periode aussetzen“, bedauert sie.

Menschenkenntnis ist wichtig

Fast jeder Deutsche, der zwischen 25 und 69 Jahre alt ist, kann sich bewerben. Fachwissen muss ein Schöffe nicht mitbringen. „Menschenkenntnis ist aber wichtig“, betont Monika Landgraf. Ebenso Lebenserfahrung. Denn Schöffen verlassen sich vor allem auf ihr „Bauchgefühl“. Der Richter in Robe liefert indes das nötige Hintergrundwissen. Denn er kennt sich mit den Paragrafen und dem möglichen Strafmaß aus. Aufgeregt sind Monika Landgraf und Manfred Bellendorf nicht mehr, wenn sie den Saal betreten, um am langen Richtertisch Platz zu nehmen. Bedenken, für eine hohe Strafe zu stimmen, haben sie keine. Bellendorf: „Wenn der Täter sich schuldig gemacht hat, muss er die Konsequenzen tragen. Aber es gibt ja auch Freisprüche.“

Und natürlich geht ihnen manches Schicksal nah, etwa wenn Menschen unbeabsichtigt zu Tätern werden. Gut kann sich Manfred Bellendorf an den Baggerfahrer erinnern, der einen Radler übersehen hatte. Ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde ein junger Mann, der im strömenden Regen eine Frau überfahren hatte. „Das hat mich bewegt. Und es hat mir wieder bewusst gemacht, dass jeder in Situationen geraten kann, die sein Leben plötzlich verändern“, so Monika Landgraf.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Nach Gewaltausbruch in Vinnum: SV Herta darf weiter spielen - aber unter Aufsicht
Nach Gewaltausbruch in Vinnum: SV Herta darf weiter spielen - aber unter Aufsicht
Supertalent: Mit diesem kuriosen Talent möchte eine Recklinghäuserin am Samstag überzeugen
Supertalent: Mit diesem kuriosen Talent möchte eine Recklinghäuserin am Samstag überzeugen
Polizei-Razzia in Marl: Sportsbar bleibt geschlossen - Ermittlungen dauern an
Polizei-Razzia in Marl: Sportsbar bleibt geschlossen - Ermittlungen dauern an
Marler Bürger wollen Zeichen gegen Raserei setzen - dann kommt die Polizei
Marler Bürger wollen Zeichen gegen Raserei setzen - dann kommt die Polizei
Bahnhof Sinsen nach Sperrung wieder für den Verkehr freigegeben - Frau geriet unter Zug
Bahnhof Sinsen nach Sperrung wieder für den Verkehr freigegeben - Frau geriet unter Zug

Kommentare