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Notaufnahme, Vincenz-Krankenhaus

Krankenhaus

Mit Wehwehchen in die Notaufnahme

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Datteln - Die Zahl derjenigen, die die Notfallambulanz im St. Vincenz nutzen, ist deutlich gestiegen. Und auch die Zahl der Bagatell-Fälle.

Die Notaufnahme der Krankenhäuser sollte – wie der Name schon sagt – Anlaufpunkt für akut erkrankte oder verunglückte Notfall-Patienten sein. In den letzten Jahren werden sie immer häufiger von Menschen mit Bagatell-Erkrankungen aufgesucht: Husten, Schnupfen, Heiserkeit, ein Wespenstich, oder seit vier Wochen andauernde Rückenschmerzen – mit solchen Leiden sieht sich das Team um Dr. Matthias Zorn, dem Ärztlichen Leiter der Notaufnahme am St. Vincenz, oft konfrontiert, wenn es Menschen in der Notaufnahme des Dattelner Krankenhauses aufnimmt.

Sich wegen kleiner Beschwerden als Notfall im Krankenhaus vorzustellen, wird immer mehr zur Mode. Das spürt auch das St. Vincenz. 2016 zählte man dort 8316 ambulante Notfallpatienten. Im letzten Jahr waren es nach Angaben von Geschäftsführer Wolfgang Mueller schon 9202. Das ist eine Zunahme von rund zehn Prozent. In diesem Jahr, so die Auswertung des ersten Halbjahres, könne die Marke von 10.000 gerissen werden, schätzt Dr. Zorn.

Notfallpraxis am Recklinghäuser Knappschaftskrankenhaus ist weit weg

Und das sorgt nicht nur für eine volle Notaufnahme und längere Wartezeiten. Es ist für das St. Vincenz auch eine finanzielle Belastung. Mueller schätzt, dass die Klinik pro Patient auf einem Fehlbetrag von 80 bis 90 Euro sitzen bleibt, weil die Kassenärztliche Vereinigung (KV) lediglich rund 35 Euro erstattet. Bei 10.000 Notfallpatienten pro Jahr kommt da ein ordentliches Sümmchen zustande.

Die Gründe, warum Dattelner mit Bagatellen ins Krankenhaus gehen, sind unterschiedlich. „Ich hatte keine Zeit, tagsüber zum Hausarzt zu gehen. Oder: Mein Hausarzt hat Urlaub“ – das sind Sätze, die Dr. Zorn und seine Mannschaft häufig hören. Wolfgang Mueller glaubt, dass es primär Bequemlichkeit der Leute sei. Sie wüssten, das St. Vincenz hat sieben Tage 24 Stunden lang geöffnet und liegt quasi vor der Haustür.

Die für solche Fälle eigentlich zuständige Notfallpraxis der Kassenärzte am Recklinghäuser Knappschaftskrankenhaus sei dagegen weit weg. „Und bei uns bekommen die Patienten Medikamente sofort mit. Damit spart man sich auch noch die Fahrt zur Apotheke“, ergänzt Dr. Zorn. Überhaupt sei etlichen Bürgern die für Datteln zuständige Notfallpraxis in Recklinghausen offenbar so wenig bekannt wie die Telefonnummer des hausärztlichen Notdienstes: ( 116 117.

Mueller schlägt Strafgebühr vor

Trotz der Zunahme der Bagatell-Fälle hält Wolfgang Mueller nichts von dem Vorschlag, den vor kurzem der Vorsitzende der KV, Andreas Gassen, gemacht hat. Er schlug eine Strafgebühr für Patienten vor, die wegen einer Kleinigkeit zur Notaufnahme gehen. So eine Gebühr sei weder fair noch angemessen. „Natürlich gibt es Menschen, die das System ausnutzen. Aber der Großteil der Menschen, die zu uns kommen, sind verunsichert und können ja nicht bewerten, wie ernst ihre Symptome wirklich sind.

Das sind ja keine Ärzte.“ Eine solche Strafgebühr hat für den Geschäftsführer zwei weitere entscheidende Nachteile: Sie sei erstens mit einem enormen Aufwand verbunden. Und zweitens würde sich die Klinik als letzter in der Kette den Ärger ans Bein binden, den die KV mit einer solchen Strafgebühr verursachen würde. Angesichts der Zunahme von Wehwehchen in der Notaufnahme hat die Kassenärztliche Vereinigung auch eine Aufklärungspauschale eingeführt. Vincenz-intern heißt sie Pizza-Pauschale. „Wir bekommen 4,74 Euro dafür, dass ein Arzt dem Patienten erklärt, dass er hier falsch ist“, erläutert Mueller. Dabei würde das aufklärende Gespräch oft länger dauern als die eigentliche Behandlung.

St. Vincenz hat Manchester-Triage-System eingeführt

Wegen der Entwicklung in der Notaufnahme hat das St. Vincenz seit Juni das sogenannte Manchester-Triage-System eingeführt. Ein weltweit anerkanntes Verfahren, mit dem schnell und sicher beurteilt werden kann, wie viel Zeit bis zum ersten Arztkontakt vergehen darf (siehe Infokasten). Das habe sich bereits bewährt, denn es schaffe die nötige Transparenz für die Patienten, die genau wüssten, wie sie eingestuft sind und mit welcher Wartezeit sie zu rechnen haben.

Um festzulegen, wie dringlich die Behandlung eines Patienten ist, wird in der Notaufnahme des St.-Vincenz-Krankenhauses seit Juni das Manchester-Triage-System (MTS) genutzt. Ziel des standardisierten Verfahrens ist es, schnell und sicher zu beurteilen, wie viel Zeit bis zum ersten Arztkontakt vergehen darf. Es wurde in England entwickelt und ist in vielen Kliniken weltweit verbreitet . Die Patienten werden in fünf Gruppen eingeteilt, denen Farben zugewiesen sind. Beispiele: Ein lebensbedrohlich Erkrankter (z.B. Herzinfarkt) erhält die Dringlichkeitsstufe 1 (rot) und wird sofort behandelt. Ein Patient mit einer Bagatell-Erkrankung erhält Stufe 5 (blau) und muss bis zu zwei Stunden warten. Die Bewertung erfolgt auf der Basis von Befunden und Messwerten (Blutverlust, Puls, Schmerzen, Temperatur etc.), die ermittelt und abgefragt werden.

Und für die Ärzte sorge das für ein Stück mehr Sicherheit. Für das Triage-System wurden mehrere Krankenpflegerinnen speziell geschult. Bagatelle hin oder her: Eines macht Geschäftsführer Wolfgang Mueller ganz deutlich. „Bei uns wird niemand abgewiesen und verlässt das Haus nicht, ohne vorher Kontakt zu einem Arzt gehabt zu haben.“

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