Landtag diskutiert Neuaufstellung

Überforderte Mitarbeiter? Im Schnitt überprüft das Jugendamt jeden dritten Tag das Wohl eines Kindes

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Datteln - Erst im Februar sorgte die Festnahme eines 54-jährigen Dattelners wegen Verdachts auf Kindesmissbrauchs für Empörung. In diesem Zuge gab es auch Vorwürfe gegen das Dattelner Jugendamt: Hinweisen auf die Ekeltaten sei nicht nachgegangen worden. Zusätzlich sorgt der jahrelange Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde auch landesweit für Unruhe.

Experten kamen bei einer Anhörung im Landtag nun zu dem Schluss, die Jugendämter in NRW seien mit den steigenden Zahl der Verdachtsfälle, denen die Ämter nachgehen müssen, überfordert.

Seit 2011 sind mögliche Fälle von Gefährdung des Kindeswohls rasant gestiegen. Auch im Dattelner Jugendamt gab es einen deutlichen Anstieg: 123 Fälle überprüften die Mitarbeiter im Jahr 2018 – 35 mehr als 2017. Statt einer Neuaufstellung, wie derzeit in den Landtagsfraktionen diskutiert, hofft die Stadtverwaltung eher auf eine einheitliche Regelung für alle Jugendämter.

Keine Statistik über gefährdete Kinder

Zehn Vollzeitbeschäftigte arbeiten im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) bei der Stadt Datteln. Im Schnitt gingen sie 2018 jeden dritten Tag einem Verdachtsfall nach. „Wir rücken immer zu zweit aus“, betont Jugendamtsleiter Peter Wenzel, der seit November die Leitung übernommen hat. Bei einer Meldung, die von der Polizei, dem Kindergarten, von Nachbarn oder auch anonym beim Jugendamt eingehen kann, sind die Mitarbeiter zu einem Besuch bei der Familie des Kindes verpflichtet. Das Dattelner Jugendamt dokumentiert zwar jeden Verdachtsfall, im Gegensatz zu Nachbarstädten wie Oer-Erkenschwick wird aber keine Statistik darüber geführt, wie hoch die Zahl der gefährdeten Kinder tatsächlich ist und von welchen Stellen vorwiegend Verdachtsmeldungen eingehen.

„Die Mitarbeiter treffen Entscheidungen, die große Auswirkung auf die Familie haben können“, sagt Wenzel. Umso wichtiger sei aus seiner Sicht die zweite Meinung, die ein weiterer Mitarbeiter in den Fall einbringt. Die Umstände, die von den ASD-Mitarbeitern teilweise vorgefunden werden und die daran hängenden Schicksale seien laut Bürgermeister André Dora auch eine „Belastung für die Mitarbeiter.“ Das sei ein Grund, warum eine höhere Bereitschaft zum Stellenwechsel feststellbar sei und langjährig Beschäftigte immer seltener werden. Dass die Landtagsfraktionen im Zuge der Kindesmissbrauchsvorfälle in Lügde und der gestiegenen Verdachtsfälle aber gleich eine komplette Neuaufstellung der Jugendämter diskutiert, findet André Dora nicht ganz sinnvoll: „Das Jugendamt ist viel mehr als der ASD. Das Jugendamt ist auch für die Frühen Hilfen, den Ferienspaß oder die Kindergarten-Bedarfsplanung zuständig.“ Und da sieht sich die Stadt, auch wegen der ansässigen Kinderschutzambulanz an der Kinder- und Jugendklinik, sehr gut aufgestellt.

Die Kinderklinik, die Patienten weit über die Stadtgrenzen hinaus aufnimmt, ist aber zugleich eine Last für eine Kleinstadt mit 35.000 Einwohnern. „Jede Meldung zu einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung von der Kinderklinik geht zuerst bei uns ein. Wir sind dann auch für den Erstbesuch in der Klinik verantwortlich“, sagt Wenzel. Umso erfreulicher ist für den neuen Jugendamtsleiter, dass vom Kreis Recklinghausen eine feste Stelle vor Ort genehmigt wurde, die in Zukunft mit der Übernahme dieser Fälle für Entlastung sorgt. Für die weitere Betreuung sind dann die Jugendämter in den Herkunftsstädten der Patienten zuständig.

Anstatt also das gesamte Jugendamt umzukrempeln und neu aufzustellen, pocht André Dora eher auf eine landesweit einheitliche Strukturierung der Ämter. Jeder Verdacht auf Kindeswohlgefährdung wird beim Jugendamt auf einem Bogen festgehalten. Wann dann aber tatsächlich eine Gefährdung vorliegt, darüber entscheidet jede Kommune selber und kann somit eigene Richtlinien aufstellen. „Vom Land wird dabei nur ein ganz grober Rahmen vorgegeben“, ergänzt Beigeordneter Dirk Franke. Zudem würde sich Datteln eine einheitliche Personal-, Sachmittel- und Finanzausstattung sowie einheitliche Kindergartenbeiträge wünschen. Der 54-jährige Dattelner, der wegen Kindesmissbrauchs verdächtigt wird, sitzt in Untersuchungshaft. Ein Gerichtsverfahren ist für August angesetzt.

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