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Wahlplakate zur Europawahl am Europaplatz.

Ortsnahe Kandidaten findet man außerhalb von Datteln

Europawahl: Wähler müssen mit fremden Namen auf dem Stimmzettel rechnen

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DATTELN - 39 Bundeslisten und eine Landesliste stehen am Sonntag zur Wahl. Die Emscher-Lippe-Region wird in Brüssel wohl nicht mehr vertreten sein.

Zehn Jahre lang konnte man als Bürger des Kreises Recklinghausen das Gefühl haben, unmittelbar im Europäischen Parlament vertreten zu sein. Von 1994 bis 2014 war die Hertener SPD-Politikerin Jutta Haug das vertraute Gesicht des fernen Brüsseler Politik-Apparats.

Nach Haugs Abschied nahm fünf Jahre lang die Gelsenkirchener Sozialdemokratin Gabriele Preuss für sich in Anspruch, die Emscher-Lippe-Region im EU-Parlament zu vertreten. Sie hätte gerne bis 2024 weitergemacht, wurde aber von ihrer Partei aufs Abstellgleis geschoben.

Nicht mehr unmittelbar im EU-Parlament vertreten

Nun deutet alles darauf hin, dass die rund eine Million Menschen zwischen Emscher und Lippe in der kommenden Wahlperiode nicht mehr unmittelbar im EU-Parlament vertreten sein werden. Die SPD müsste bundesweit 36 Prozent erzielen, damit der Gladbecker Jens Bennarend nach Brüssel gehen dürfte. Kirsten Eink, die aus Herne kommt, bräuchte immerhin noch 21 Prozent. Umfragen sehen die SPD jedoch eher bei 16 Prozent.

Auch bei der CDU wird man auf der Suche nach einem ortsnahen Kandidaten erst ein ganzes Stück entfernt von Datteln fündig. Dennis Radtke aus Bochum-Wattenscheid will im EU-Parlament, dem er seit 2017 angehört, die Devise „100 Prozent Ruhrgebiet“ vertreten. Doch die Emscher-Lippe-Region macht eben nur 20 Prozent dieses Ballungsraumes aus.

Die CDU ist bei der Europawahl ein Sonderfall. Als einzige der 40 Parteien, die insgesamt antreten, hat sie keine bundesweit einheitliche Kandidatenliste, sondern Landeslisten. Das liegt daran, dass die Union in die CDU und die bayerische CSU unterteilt ist und daher formal nicht als Einheit auftreten kann. Auf der NRW-Landesliste steht Dennis Radtke auf einem aussichtsreichen fünften Platz.

Zur Wahl am 26. Mai treten in Deutschland so viele Kandidaten an wie nie zuvor: 1380 Bewerber auf 40 Listen (Frauenanteil: 34,7 Prozent) konkurrieren um die 96 deutschen Sitze im EU-Parlament.

Nicht nur was SPD und CDU betrifft, müssen Dattelner Wähler über den geografischen Tellerrand hinausschauen, wenn sie einen einigermaßen ortsnahen Kandidaten unterstützen möchten. Aus Castrop-Rauxel kommt Fotis Matentzoglou (Die Linke). Doch Listenplatz 16 dürfte ihn wohl nicht nach Brüssel bringen. Ähnlich ergeht es dem Gelsenkirchener Frank Perlik. Seine Partei, die Freien Wähler, bräuchte neun Prozent. Dazu wird es nicht kommen. Ein in puncto Wohnort nächstgelegener aussichtsreicher Kandidat ist Michael Kauch aus Dortmund (FDP, Platz 8).

Besuchergruppen werden zur Ringeltaube

Der Countdown für die Europawahl am 26. Mai läuft. 26.757 Dattelnerinnen und Dattelner sind aufgerufen, ihre Stimme für Europa abzugeben. 4225 Bürger wollen dies bislang per Briefwahl tun. So viele Anträge sind bei der Stadt dafür eingegangen. Bei der letzten Europawahl im Jahr 2014 nutzten 4859 Wähler diese Möglichkeit, ihre Stimme abzugeben. Wer das Mittel der Briefwahl noch nutzen möchte, der muss sich allerdings sputen. Noch bis einschließlich Freitag, 24. Mai, um 18 Uhr haben die Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, ihre Briefwahlunterlagen zu beantragen oder ihre Stimme im Sitzungssaal des Rathauses abzugeben. Die Öffnungszeiten des Briefwahlbüros sind auf der Wahlbenachrichtigung angegeben.

- Wer seine Briefwahlunterlagen per Post zurücksenden möchte, sollte den roten Wahlbrief samt Inhalt bei Absendung innerhalb Deutschlands bis 23. Mai in die Post werfen.

Die Wählerinnen und Wähler werden auf ihrem Stimmzettel also sehr viele fremde Namen vorfinden. Das wird eine spürbare Auswirkung haben: Jutta Haug lud regelmäßig Besuchergruppen auch aus Datteln zu Bildungsreisen nach Brüssel und Straßburg ein, um den Bürgern die Arbeit des Europaparlaments näher zu bringen. Solche Einladungen dürften zur sprichwörtlichen Ringeltaube werden, wenn der nächste EU-Parlamentarier eben nicht aus der Emscher-Lippe-Region kommt.

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