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Schulsozialarbeit

Stadt setzt Rotstift bei Schulsozialarbeit an

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DATTELN - Um 14,5 Stunden kürzt die Verwaltung das Angebot ein. Dattelns Schulleiter melden weiteren Gesprächsbedarf an.

Schulische Überforderung, soziale Auffälligkeiten, Schulabstinenz und Gewalt (sogar an Grundschulen), das sind nur einige der Problemfelder, die von Dattelner Schulen der Stadtverwaltung in Datteln gemeldet wurden. Eigentlich typische Einsatzfelder der Schulsozialarbeit, die seit 2007 auch an Dattelner Schulen angeboten wird. Dass die Verwaltung ausgerechnet hier jetzt den Rotstift ansetzt, ist für Dattelns Schulleiter kaum nachvollziehbar.

Initiiert vom Verein „Recht auf Zukunft“ ging die Verantwortung 2013 in städtische Hand über. Im Jahr 2014 wurden zusätzliche Mittel über das Programm „Jugend stärken im Quartier“ beantragt. Durch die 2015 genehmigten Mittel konnten die Stunden für die Schulsozialarbeit erhöht werden. Mit dem Auslaufen der Förderung Ende 2018 entfallen diese Stunden wieder. Aus Sicht der Schulen mit fatalen Folgen. Dirk Franke, Beigeordneter der Stadt Datteln, gibt zu verstehen, dass Schulsozialarbeit eine freiwillige Leistung der Stadt sei. „Die Arbeitsstunden wurden in den vergangenen Jahren nie angeglichen“, so Franke. „Das Auslaufen des Programms haben wir zum Anlass genommen, das nachzuholen.“ Für die Hauptschule Hachhausen hätte dies allerdings den Verlust von mehr als der Hälfte der Schulsozialarbeitsstunden bedeutet. Von ursprünglich 32 sollten nur noch 13,5 Stunden wöchentlich verbleiben. Die Schulleiterin der Hauptschule, Rita Vetter, war darüber erwartungsgemäß nicht begeistert. Im Gespräch mit unserer Redaktion kündigte sie daher weiteren Gesprächsbedarf in der Sache an. Mit Erfolg. Wie uns Dirk Lehmanski, Pressesprecher der Stadt Datteln, jetzt mitteilt, werden die Schulsozialarbeitsstunden an der Hauptschule Hachhausen im Zuge eines Personalwechsels um sechs Stunden aufgestockt. „Die Kosten dafür trägt natürlich die Stadt“, so Lehmanski.

Dirk Franke erklärt dazu, die Verwaltung habe die Stunden an die Bedarfe der Schulen angepasst. Diese seien an den Schulen vorab mittels eines ausführlichen Fragebogens ermittelt worden.

Mareike Koch, sie ist kommissarische Schulleiterin an der Gustav-Adolf-Schule, kann dem so nicht zustimmen. „Wir sind nicht glücklich mit den Kürzungen. Wir hatten einen deutlich höheren Bedarf angemeldet“, so Koch. „Immerhin sind wir die Grundschule mit der höchsten Schülerzahl.“ Der Jugendamts- und Fachdienstleiter für Kinder, Jugend und Familie, Peter Wenzel, erklärt im Gespräch: „Die Schulsozialarbeit soll helfen, Verhaltensauffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und das weitere Vorgehen zu moderieren.“ „Sie ist quasi die kleine Feuerwehr unserer Möglichkeiten“, pflichtet ihm die Koordinatorin für Schulsozialarbeit, Tanja Heimbuch, bei. „Wir empfehlen daher oftmals die Teilnahme am offenen Ganztagsangebot (OGS)“, erklärt Heimbuch, „So ist zumindest sichergestellt, dass die Kinder einen geregelten Tagesablauf haben.“ Doch 67 Prozent der Haushalte, deren Kinder das Angebot der OGS nutzen, zahlen dafür keinen Beitrag. „Familien, die nicht für das Angebot zahlen, haben ein Einkommen, das unter 17.000 Euro im Jahr liegt“, erläutert die Koordinatorin für Schulsozialarbeit.

Studien belegen, dass die Ausübung von Gewalt unter Kindern allgemein zugenommen hat. „Das ist kein ortsspezifisches Problem“, merkt Mareike Koch an, das ist ihr wichtig.

Die Zahlen im Vergleich:

Grundschule Böckenheckschule: 2018 5 Std. 2019 8 Std.

Grundschule Meckinghoven: 2018 8 Std. 2019 11,5 Std.

Grundschule Albert-Schweitzer-Schule: 2018 8,5 Std. 2019 13 Std.

Grundschule Lohschule: 2018 19,5 Std. 2019 19,5 Std.

Grundschule Gustav-Adolf-Schule: 2018 34 Std. 2019 26 Std.

Hauptschule Hachhausen: 2018 32 Std. 2019 19,5 Std.

Städtische Realschule: 2018 35 Std. 2019 30 Std.

Comenius Gymnasium: 2018 29,5 Std. 2019 29,5 Std. Damit fallen wöchentlich 14,5 Stunden im Bereich der Schulsozialarbeit dem Rotstift zum Opfer.

Anja Kühnhenrich, Schulleiterin der Albert-Schweitzer-Schule, weiß Ähnliches zu berichten. „Viele Kinder haben nie gelernt, sich zu beherrschen und reagieren oft sehr impulsiv“, so Kühnhenrich. „Ebenso gibt es Kinder an den Grundschulen, die noch immer nicht die Signale ihres Körpers einordnen können, wenn sie auf die Toilette müssen.“ Auch wenn ihre Schule das Glück hat, fünf Stunden mehr als im Vorjahr für die Schulsozialarbeit erhalten zu haben, sieht sie den Bedarf noch lange nicht gedeckt. „Wir brauchen alle sehr viel mehr Stunden, das entlastet die Lehrer und kommt am Ende den Kindern zugute“, so die Schulleiterin. So sieht es auch Frank Bernhard. Er ist Schulleiter der Städtischen Realschule. „Alleine durch die Umsetzung der Inklusion brechen ständig neue Konflikte auf“, so Bernhard. „Da ist die Schulsozialarbeiterin die passende Stelle für so ein Kind zum Runterkommen.“

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