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Der 89-jährige Joachim Weinhold an seinem Schreibtisch. Hier verziert er mit seinen alten Schreibfedern Karten, Weinflaschen oder gestaltet Sprüche neu.

Serie: Coole Oldies

Die Kunst des Schönschreibens

Datteln - Joachim Weinhold schreibt für sein Leben gern. In Kriegsgefangenschaft nutzt man seine Schreibaffinität für die Bürokratie.

Die Kalligrafie ist die Kunst des Schönschreibens und die beherrscht der 89-jährige Joachim Weinhold mit sicherer Hand. Er sieht sich nicht als Künstler. Sein Faible für Schönschrift entdeckt er bereits als junger Mann in den Kriegswirren. 1928 in Schlesien geboren, beginnt er in Posen eine Ausbildung zum Vermessungstechniker.

Im zweiten Ausbildungsjahr gerät er ins Kriegsgeschehen und in französische Gefangenschaft. In einem Lager in Mannheim nutzt man seine Schreibaffinität für die Bürokratie. Weinhold nimmt Tag für Tag die Daten aller Kriegsgefangenen auf. Die Ausbildung zum Vermessungstechniker kann er nicht beenden, nach der Gefangenschaft landet er im Dattelner Bergbau unter Tage.

Aber Weinhold möchte mehr und besucht die Bergfachschule in Dortmund. „Heute nennt man es duale Ausbildung, damals wurde bis mittags die Schule besucht, dann bis spät am Abend malocht“ sagt er und lacht. Zum Schluss der theoretischen und praktischen Maloche ist er Vermessungssteiger. Er nimmt unter anderem die vielen Gesteinsarten auf.

Er peppt Weinflaschen mit seiner verschnörkelten Schrift auf

Sein Hauptwerkzeug, ein Hänge-Theodolit, steht heute in seinem Wohnzimmerregal mit Gesteinen und Rechenschiebern. Seine Enkel und Urenkel haben sich das Winkelmessinstrument genau erklären lassen. Nach der Schließung der Dattelner Zeche arbeitet Weinhold noch ein paar Jahre auf Minister Stein in Dortmund-Eving. Datteln bleibt er als Bürger treu, für sich und seine Familie hat er hier ein Haus gebaut.

Im Sportverein Schwarz-Weiß-Meckinghoven ist er als Jugendleiter unterwegs. Seine Liebe zum Schriftbild bleibt trotz der sportlichen Einsätze ungetrübt. Für den Dattelner Boxclub gestaltet er Urkunden und erhält als Dankeschön Eintrittskarten für Boxkämpfe. Er peppt Weinflaschen mit seiner verschnörkelten Schrift auf. In der KAB im Dümmer war er aktiv. Legendär die Auftritte mit seiner Frau als die Wildecker Herzbuben zu Karneval. „59 Jahre waren wir verheiratet, das 60. Jahr war uns nicht mehr vergönnt.“, blickt er ein wenig traurig zurück.

Aktuell sitzt er an seinem Schreibtisch. Sein 90. Geburtstag steht vor der Tür und die Einladungen, die er mit alten Schreibfedern gestaltet hat, müssen auf den Weg gebracht werden. Gefeiert wird im Pfarrsaal von St. Josef. In seinem Herzen und Kopf bewahrt Weinhold viele besondere Augenblicke auf. Manche von ihnen finden ihren Platz auf einem Stück Papier, niedergeschrieben in der schönsten Schrift von Weinhold für die Ewigkeit.

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