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Johannes Klute beschreibt den Ablauf eines Rettungseinsatzes im Rahmen der Präventiosnveranstaltung "Crash Kurs NRW" in der Städtischen Realschule Datteln. Sein Bericht ist nicht leicht zu verdauen.

Vortrag für Realschüler

„Du hast kein zweites Leben“

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Datteln - Das Unfallpräventionsprogramm „Crash Kurs NRW“ zeigt mit drastischen Mitteln die Gefahren rücksichtslosen Verhaltens im Verkehr auf.

Der Knall eines Luftballons lässt die Schüler der Städtischen Realschule in Datteln aufschrecken. Er ist an diesem Morgen das unüberhörbare Symbol, für die, durch Unfälle mit Todesfolge, zerplatzten Lebensträume junger Verkehrsteilnehmer und ihrer Angehörigen. 500 Unfalltote, davon 100 im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, sind jährlich in NRW zu beklagen. Das sind nur 8 Prozent der Bevölkerung NRWs, trotzdem gehen 10 Prozent der Unfälle auf ihr Konto. Für die Polizei in NRW ein unhaltbarer Zustand. Anlass genug, auch auf drastischere Mittel, zur Unfallprävention zurückzugreifen. Sie muten den Realschülern an diesem Morgen so einiges zu.

Die Einleitung durch Polizeihauptkommissarin Susanne Klodt gerät noch recht nüchtern, noch ist es nur Zahlenwerk, das die Schüler zu verarbeiten haben. Die ersten Fotos von Unfallfahrzeugen werden noch relativ locker von den Schülern aufgenommen. Sie stecken die Köpfe zusammen, tuscheln, manch einer kichert sogar. Noch wirkt alles sehr abstrakt und die emotionale Distanz ist noch groß genug. Vorerst.

Klaus Ahmann betritt die Bühne. Einigen im Saal ist der Polizeihauptkommissar aus Datteln bekannt. Sein Bericht soll zum ersten Mal an diesem Morgen für Erschütterung sorgen. Er beschreibt ein Ereignis aus dem Jahr 2000. Er habe damals schon beim Anruf geahnt, was ihn und die Kollegen erwarten würde. „Ein eingeklemmtes Fahrzeug mit vier Personen unter einem Auflieger eines Lastwagens wurde uns gemeldet“, erinnert er sich. Ein Opfer mit offenem Schädel, auf dem Rücksitz ein kaum zuzuordnendes Knäuel von Gliedmaßen. „Das sind Bilder, die man niemals vergessen kann“, schließt er seinen Bericht. Die ersten Schüler verlassen betroffen den Saal.

Rettungskräfte berichten aus der Praxis

Vom tragischen Tod eines ahnungslosen Anglers, berichtet Feuerwehrmann Johannes Klute. „Ein Paar hatte sich über den anstehenden Disco Besuch gestritten“, erklärt Klute „Bedingt durch den Streit der Beiden kam das Fahrzeug von der Fahrbahn ab und gelangte auf den Seitenstreifen.“ Das heranrasende Gefährt halbiert den ahnungslosen Angler, der sich am Straßenrand aufhielt. Für ihn kommt jede Hilfe zu spät. Der eingeklemmte Unfallverursacher jedoch überlebt den Unfall. „Sorry, ich kann mir das nicht geben“, raunt ein Schüler den anwesenden Notfallseelsorgern zu. Sichtlich berührt verlässt er den Saal.

Mehrfachverletzungen schockieren die Schüler

Der leitende Notarzt im Kreis Recklinghausen, Dr. Manuel Neisius betritt die Bühne. „Bei Unfällen dieser Art haben wir es mit Mehrfachverletzungen zu tun“, so der Mediziner „Diese verlaufen nahezu immer tödlich.“ Dr. Neisius präsentiert Röntgenbilder, die auch bei Laien keine Zweifel an der Schwere der Verletzung aufkommen lassen. Wieder verlassen einige Schüler die Veranstaltung. Der Bericht von Notfallseelsorger Frank Rüter, berührt die Schüler. Er beschreibt die beklemmende Situation, Todesnachrichten an die Hinterbliebenen überbringen zu müssen. „Ich will vor Ort sein, bevor die Nachrichten per Whatsapp und Facebook verbreitet werden können.“, Rüter legt eine Pause ein. Dann schließt er seinen Vortrag: „Ich möchte nicht so sterben. Zerschmettert auf der Straße liegend. Begafft von den Vorbeifahrenden, die mich auch noch mit ihrem Smartphone filmen.“

Die Stuhlreihen haben sich mittlerweile sichtbar gelichtet. Heidi Behrend ist die Letzte, die an diesem Morgen das Wort ergreift. Sie verlor ihre Tochter Angie bei einem tragischen Autounfall. „Eigentlich wollten wir damals eine Party zu Angies vierzehntem Geburtstag planen, der kurz bevorstand“, erinnert sich die Mutter „Doch planen mussten wir nun die Beerdigung unserer Tochter.“ Jetzt fließen die Tränen im Saal, das Schluchzen der Jugendlichen ist nicht zu überhören. „Passt auf euch auf“, schließt Susanne Klodt mit gesenkter Stimme die Veranstaltung. Und sie meint es ernst. Das ist ihr anzusehen.

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