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Richtig gute Freunde: Rainer Berkenhoff (li.) und Helmut Becherer haben sich durch einen Trabant kennengelernt.

1600 Kilometer bis Westdeutschland

Mit dem Trabi in die Freiheit: Familie Becherer fasste drei Monate vor dem Mauerfall einen riskanten Entschluss

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Eine knapp 2000 Kilometer lange Flucht aus der DDR führte Familie Becherer nach Recklinghausen. Hilfe kam von Rainer Berkenhoff - der Dattelner hatte es auf den Trabant abgesehen.

In einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Datteln lebte Familie Becherer, als am 9. November 1989 die Öffnung der Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland durch sämtliche Nachrichtenkanäle lief. Auch die vierköpfige Familie blickte gespannt auf ihren Fernseher. Der Osten war schließlich ihre Heimat. Erst drei Monate zuvor starteten sie eine riskante Flucht in den Westen.

1600 Kilomenter mit dem Startpunkt Halle an der Saale legten Ilona und Helmut Becherer zusammen mit  ihren beiden Kindern zurück - in einem Trabant. Unter dem Vorwand, eine Hochzeit in Polen besuchen zu wollen, beantragte die Familie ein Visum und brach in Richtung Prag auf. Von dort ging es über Bratislawa nach Österreich, um die Grenze nach Westdeutschland in Passau zu passieren. 

Datteln: Pures Glück an der Grenze zu Westdeutschland

"Nur hin, nicht zurück", sagte Helmut Becherer dem kontrollierenden Grenzwächter. Und der ließ den Trabi aus dem Osten durch. Pures Glück, meint Becherer heute. Der erste Augenblick in Westdeutschland? "Es war alles so hell", erinnert sich Ilona Becherer. Im Osten sei alles dunkel und grau gewesen. Anders kannten es die Becherers nicht. 

Über Passau ging es nach Recklinghausen in ein Lager an der Vinckestraße. Und dort traf die Familie auf Rainer Berkenhoff, den Dattelner Radio- und Fernsehsammler. Was ihn in das DDR-Lager in Recklinghausen führte? "Der Trabant natürlich", sagt Berkenhoff. Er entdeckte das Fluchtfahrzeug und fragte sich nach dem Halter durch. 

Doch an einen Verkauf dachte Becherer zunächst mal überhaupt nicht. Er suchte Arbeit und eine Wohnung. Und da Berkenhoff ein Mann der Tat ist, verschaffte er der Familie eine kleine Bleibe in Datteln. Als Dankeschön gab es gegen 1500 D-Mark den Trabant.

Datteln: Kaum Emotionen beim Fall der Mauer

Der Fall der Mauer weckte dann kaum noch große Emotionen bei den Becherers. Ilona Becherer empfand es als Erleichterung, bereut den Schritt, schon vor der Grenzöffnung geflüchtet zu sein, aber bis heute nicht. Zwei Mal war die Familie seitdem erst wieder in der ehemaligen DDR.

Rainer Berkenhoff ist mittlerweile zum Freund geworden. Und Recklinghausen die Heimat der Familie. Nur das ehemalige Fluchtfahrzeug gibt es nicht mehr. Das erlitt bereits 1991 einen Totalschaden, als ein Lkw auf das geparkte Fahrzeug affuhr. Heute hat Rainer Berkenhoff fünf andere Trabis. Und für seine Sammelleidenschaft fährt er seit der Wiedervereinigung immer wieder gerne in den Osten. 

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