Vor dem Schwurgericht in Bochum soll am Mittwoch das Urteil gefällt werden.
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Vor dem Schwurgericht in Bochum soll am Mittwoch das Urteil gefällt werden.

Prozess vor dem Schwurgericht

Todesdrama in Datteln: Hätten die Nachbarn den Mord verhindern können?

  • Sebastian Balint
    vonSebastian Balint
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Das Urteil im Todesdrama an der Holtbredde ist gesprochen. Dennoch bleiben viele Fragen ungeklärt. Warum halfen weder die Polizei noch die Nachbarn der Ermordeten?

  • Am 14. Oktober 2019 wurde eine Dattelnerin ermordet
  • Der verdächtigt wird ein 45-jähriger Mann aus Datteln
  • Der Mann gilt wegen einer psychischen Erkrankung als schuldunfähig

Update, 11. Juni, 9.51 Uhr: Vermutlich könnte die am 14. Oktober getötete Frau heute noch leben. Denn die 33-Jährige war noch eine Woche vor ihrem Tod bei der Polizei. "Hör auf, sonst schmeiß’ ich dich die Treppe runter und breche dir das Genick." So oder so ähnlich soll der 45-jährige Täter seine Nachbarin bedroht haben. 

Datteln: Polizei sah keinen Grund einzugreifen

Doch bei der Polizei bekam die junge Frau keine Hilfe. "Es wurden keine Maßnahmen ergriffen, weil dem dortigen Beamten ein Eingreifen nicht erforderlich erschien", erklärte Richter Große Feldhaus am Mittwoch bei der Urteilsverkündung vor dem Schwurgericht in Bochum. Auch am Tag der schrecklichen Tat half niemand dem Opfer.

Datteln: Nachbarn müssen die Schreie des Opfers gehört haben

"Sie schrie laut, so laut, dass die Schreie gehört wurden", führte Große Feldhaus weiter aus. Trotzdem habe niemand seine Wohnung verlassen. Der gelernte Elektrotechniker schlug den Kopf seiner Nachbarin mehrfach vor die Wand oder gegen die Tür, drückte dann so fest zu, dass die 33-Jährige bewusstlos wurde und zu Boden sackte. Hätte er jetzt von ihr abgelassen, wäre sie wohl gerettet geworden. Doch, so heißt es in dem Urteil, der Mann habe weiter zugedrückt. Jetzt  jedoch mit der Absicht seine Nachbarin zu töten.

Update, 10. Juni, 11.13 Uhr: Soeben wurde am Bochumer Schwurgericht das Urteil im Falle des 45-jährigen Mannes aus Datteln gefällt, der am 14. Oktober 2019 seine Nachbarin getötet haben soll. Wie erwartet bewertete das Gericht den Dattelner als schuldunfähig und veranlasste daher die dauerhafte Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie.

Update, 10. Juni, 10.20 Uhr: Heute soll vor dem Schwurgericht in Bochum das Urteil gegen einen 45-jährigen Hausmeister aus Datteln gefällt werden. Ihm wird vorgeworfen, am 14. Oktober 2019 seine 33-jährige Nachbarin erwürgt und dann verbrannt zu haben. Auf einer Textdatei, die auf einem Laptop im Keller des Wohnhauses an der Holtbredde gefunden wurde, räumt er die Tat ein. 

Es gebe keine Entschuldigung für seine Tat, erklärte der psychisch kranke Mann am Montag vor dem Schwurgericht in Bochum. "Ich wollte das nicht", schloss er seine Aussage. Dem Beschuldigten droht die dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung. 

Datteln: Von dem Beschuldigten soll eine hohe Gefahr für die Allgemeinheit ausgehen

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass von dem 45-jährigen Elektroinstallateur erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Daher hat sie am Montag vor dem Schwurgericht die Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie beantragt. Eine klassische Bestrafung kommt nicht infrage, denn der 45-Jährige gilt als schuldunfähig. Das legen auch die Zeugenaussagen von Nachbarn und Freunden der Getöteten nahe. Noch am Tag des Mordes an der 33-Jährigen soll der spätere Täter eine andere Bewohnerin im Keller des Mehrfamilienhauses an der Holtbredde bedroht haben. 

Datteln: Am Tag des Mordes belästigt der Beschuldigte eine weitere Bewohnerin des Hauses

"Er hat die Tür hinter sich zugemacht und kam mit Fäusten auf mich zu", berichtet die Zeugin. Sie sei daraufhin hockend vor ihrer Waschmaschine erstarrt, habe sich gar nicht getraut, sich aufzurichten. "Seine Augen waren irre, er war irgendwie gar nicht da. Alles wirkte voller Adrenalin. Ich habe echt gedacht, der bringt mich um", erinnert sich die 46-Jährige während ihrer Zeugenaussage. Die immer bedrohlicher werdenden Veränderungen bei dem Beschuldigten hatten auch andere Nachbarn längst bemerkt.

Datteln: Nachbar berichtet von "grausamen Geräuschen"

Bei der Durchsuchung des Hauses an der Holtbredde waren die Ermittler auf einen Laptop gestoßen, auf dem der Beschuldigte die Tat zugibt und auch beschreibt. Er hatte seine 33-jährige Nachbarin in den Schwitzkasten genommen und minutenlang zugedrückt, bis die Bewusstlosigkeit eingetreten war. Anschließend hatte der Beschuldigte die Leiche der Frau mit Verdünnern übergossen und angezündet. Ein qualvoller Tod. Ein Nachbar hatte im Prozess vor dem Bochumer Schwurgericht später von "grausamen Geräuschen" gesprochen.

Datteln: Für das Opfer des Mannes entwickelt sich über Wochen ein echter Alptraum

Der psychisch kranke Beschuldigte soll sein späteres Opfer immer wieder belästigt haben, berichten Zeugen. Er hatte ihr nachgestellt und auch heimlich Videoaufnahmen durch den Türspion von der 33-Jährigen gemacht. Er soll sogar auf dem Spitzboden gesessen haben, um den Gesprächen seiner Nachbarin zu lauschen. Ärzte gehen von einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie aus. Der 45-Jährige hörte Stimmen, die er seiner Nachbarin zuordnete und die ihm keine Ruhe mehr ließen. Auch dann nicht, wenn er herumschrie, seine Möbel demolierte oder mit Gegenständen vor die Wand schlug. 

Datteln: Am 14. Oktober eskaliert die Situation dann endgültig

Das 33-jährige Opfer hatte ihre Ängste gegenüber einer Freundin immer wieder geäußert. Sie hatte am Ende so große Angst, dass sie der Freundin praktisch jeden ihrer Schritte mitteilte. Doch am frühen Morgen des 14. Oktober eskaliert die Situation, als die junge Frau zur Arbeit gehen wollt. Der 45-jährige Beschuldigte fing sie ab, schlug ihr ins Gesicht, schrie sie an. Schließlich nahm der Mann seine Nachbarin in den Schwitzkasten und würgte sie, bis sie die Besinnung verlor. Die 33-Jährige muss sich nach Kräften gewehrt und laut um Hilfe gerufen haben. Doch am Ende fehlte ihr einfach die Kraft.

Datteln: Täter äußert sich vor Gericht

"Es gibt keine Worte, die entschuldigen können, was ich gemacht habe. Ich wollte das nicht." Mit diesen Sätzen hat sich ein psychisch kranker Mann aus Datteln am Montag noch einmal direkt an die Richter gewandt. Eltern und Freunde des Opfers sind noch immer fassungslos. Am Mittwoch soll das Urteil gefällt werden. Während die Staatsanwaltschaft die Tat als Totschlag wertet, geht Verteidiger Lars Volkenborn von einer Körperverletzung mit Todesfolge aus.

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