Ein Asteroid und die Erde bewegen sich im Weltall.
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Neue Theorie zum Tunguska-Ereignis: Verfehlte ein Asteroid die Erde nur knapp?

Knapp an der Katastrophe vorbei

Forscher rätseln über gewaltige Explosion: Schrammte ein Asteroid knapp an der Erde vorbei?

Eine gewaltige Explosion hat 80 Millionen Bäume entwurzelt – und sonst keine Spuren hinterlassen. Forscher rätseln über das Tunguska-Ereignis - nun mit einer neuen Theorie.

  • Über eine riesige Explosion in Sibirien rätseln Forscher auch nach mehr als 100 Jahren noch.
  • Ein Forscherteam präsentiert eine neue Theorie zum sogenannten „Tunguska-Ereignis“.
  • Ein Asteroid könnte in die Erdatmosphäre eingedrungen und dann wieder hinaus ins Weltall verschwunden sein.

Sibirien – Es ist bis heute ein mysteriöses Ereignis: Am 30. Juni 1908 hat eine massive Explosion ganze Wälder in einer einsamen Gegend im Osten Sibiriens, in der Nähe des Flusses Tunguska, geplättet. Mehr als 80 Millionen Bäume in einem Umkreis von 30 Kilometern wurden von der heftigen Explosion entwurzelt. Ein Einschlagskrater blieb nicht zurück und auch ein Meteorit wurde nicht gefunden – was das sogenannte „Tunguska-Ereignis“ sehr mysteriös macht. Bis heute versuchen Forscher, eine Antwort auf die Frage zu finden, was 1908 in der abgelegenen Gegend passiert sein könnte.

Da in der Region kaum jemand lebte, gibt es nur wenige Augenzeugenberichte. Im Laufe der Jahre kamen trotzdem verschiedene Theorien auf – von Vulkanausbrüchen bis hin zum Einschlag eines Himmelskörpers. Die bisher gängigen Theorien drehen sich um Himmelskörper, die in die Erdatmosphäre eindringen:

  • Theorie 1: Ein Komet ist zur Erde gestürzt und hat die Bäume entwurzelt. Weil das Eis des Kometen beim Eindringen in die Erdatmosphäre schmilzt, ist kein Krater zurückgeblieben. Wenn das Eis geschmolzen ist, zerfällt der Komet zu Staub, weshalb keine Überreste auf der Erde gefunden wurden.
  • Theorie 2: Ein Meteorit könnte in die Erdatmosphäre eingedrungen und noch vor dem Einschlag auf der Erde explodiert sein. Das würde erklären, warum es keinen Krater gibt und weshalb keine Überreste gefunden wurden.

Verfehlte ein Asteroid die Erde nur haarscharf?

Nun haben Forschende rund um Daniil Khrennikov von der Sibirischen Föderalen Universität in Krasnojarsk eine neue Idee zum Tunguska-Ereignis veröffentlicht, das sie mit Berechnungen untermauern. Das Team um Khrennikov geht davon aus, dass die Explosion in Sibirien 1908 von einem Asteroiden verursacht wurde, der die Erde quasi „streifte“: Er drang in einem flachen Winkel in die Erdatmosphäre ein und hat sie dann wieder in Richtung Weltall verlassen.

„Wir argumentieren, dass das Tunguska-Ereignis von einem eisenhaltigen Asteroiden ausgelöst wurde, der durch die Erdatmosphäre flog“, heißt es in dem Paper der Forschenden. Augenzeugenberichte aus dem Jahr 1908 legen nahe, dass der Himmelskörper, der das Tunguska-Ereignis verursachte, etwa 700 Kilometer durch die Atmosphäre geflogen sein muss, bevor er explodierte. Mithilfe dieses Wissens simulierten die Forschenden den Flug von Himmelskörpern unterschiedlichen Materials durch die Erdatmosphäre.

Tunguska-Ereignis: Asteroid soll durch die Erdatmosphäre gerast sein

Sie ließen in ihrem Modell Asteroiden aus Stein oder Metall sowie Kometen aus Eis mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Sekunde durch die Erdatmosphäre rasen. Durch die Reibung heizen sich die Objekte dabei schnell auf – und weil Wasser bei 100 Grad Celsius verdampft, hätte ein Komet statt der 700 Kilometer, die die Augenzeugen beschrieben haben, nur etwa 300 Kilometer zurücklegen können, so die Berechnung der Forschenden. Die Theorie des Kometen aus Eis dürfte damit aus dem Rennen sein.

Das Team um Khrennikov hat dagegen in den Modellrechnungen einen anderen Himmelskörper entdeckt, der in das Szenario passt: Ein Asteroid aus Eisen, der etwa die Größe eines Football-Stadions hat. Laut den Berechnungen ist dieser Himmelskörper in einer Höhe von mindestens zehn bis 15 Kilometern durch die Atmosphäre der Erde gerast, hat sich schnell aufgeheizt und ist dann wieder ins Sonnensystem hinausgeflogen.

80 Millionen Bäume wurden beim Tunguska-Ereignis gefällt oder entwurzelt. Vermutlich hat ein Asteroid am 30. Juni 1908 die Erde gestreift.

Die Druckwelle seiner Flugbahn dürfte eine gewaltige Explosion ausgelöst haben, die zu den Augenzeugenberichten passt und auch erklären würde, wie Bäume in einem Umkreis von 30 Kilometern entwurzelt wurden, vermuten die Forschenden.

Deswegen passt ein Eisen-Asteroid zur Tunguska-Theorie

Gleichzeitig würde ein Asteroid, der aus Eisen besteht, erklären, wieso kein Einschlagskrater und keine Überreste des Himmelskörpers gefunden wurden: Das verdampfte Eisen wäre nämlich zu Staub kondensiert – und der wäre auf dem Boden nicht weiter aufgefallen.

Die Forschenden glauben außerdem, dass der Staub ein Phänomen erklären könnte, das in Teilen von Asien und Westeuropa nach der Explosion beobachtet wurde: Von Augenzeugen wurde von drei hellen Nächten berichtet, in denen silbern leuchtende Wolken am Himmel zu sehen waren.

Asteroid: Tunguska-Ereignis war die größte Explosion

Die Tunguska-Explosion gilt als die größte Explosion, die jemals gemessen wurde – mit einer Stärke von mindestens 185 Hiroshima-Atombomben. Die gewaltige Erschütterung durch die Explosion wurde von Seismologen in aller Welt gemessen. Ist die Asteroiden-Theorie des Teams um Khrennikov korrekt, ist die Region wohl sehr knapp einer Katastrophe entgangen.

Der Einschlag eines eisenhaltigen 200 Meter großen Asteroiden hätte eine große Region verwüsten können, ein Krater mit mehreren Kilometern Durchmesser wäre entstanden, außerdem ein riesiger Feuerball. Träfe ein Asteroid mit einem Durchmesser von 200 Metern eine bewohnte Gegend, gäbe es sehr große Schäden und viele Tote. Beim Tunguska-Ereignis sind dagegen keine Menschen ums Leben gekommen – die Region war kaum bewohnt.

Dass Asteroiden eine Gefahr für die Erde sind, ist nichts Neues. Deshalb werden potenziell gefährliche Asteroiden von den Raumfahrtorganisationen Nasa und Esa beobachtet. Außerdem planen beide Organisationen eine gemeinsame Mission, bei der sie die Abwehr eines Asteroiden testen wollen. Die Nasa will zudem den Asteroiden „Bennu“ besuchen und Gesteinsproben zur Erde bringen. (Von Tanja Banner)

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