Jubiläumsfeier

Die Hervester SPD feiert ihr 100-jähriges Bestehen

Hervest - Ein eindeutiges Gründungsdatum ist nicht belegt. Es muss im Jahr 1918 gewesen sein, sagt der Vorstand. So feiert der SPD-Ortsverein Hervest-Dorsten am 9. September seinen 100. Geburtstag.

"Am Freitag, den 20. Dezember 1918 nachmittags 5 Uhr findet im Lokale des Herrn Hütter in Hervest-Dorsten eine öffentliche Frauenversammlung statt. Tagesordnung: Die gegenwärtige politische Lage. Referent zur Stelle." Mit dieser Anzeige in der Lokalpresse 1918 forderte der "Sozialdemokratische Verein Filiale Hervest-Dorsten und Holsterhausen" alle Gesinnungsgenossinnen aus Hervest-Dorsten, Holsterhausen und Dorsten dazu auf, "vollzählig und zahlreich zu erscheinen". Zur Deckung der Kosten wurde ein Betrag von 10 Pfennigen erhoben.

Für Dr. Werner Duismann (74) ist mit dieser Zeitungsanzeige der "Geburtsbeweis" der Hervester SPD erbracht: "Wenn es zu dieser Zeit Frauen gab, die in einer ,sozialdemokratischen Filiale Hervest-Dorsten' aktiv politisch eingebunden waren, dann wird es sicherlich auch schon Männer gegeben haben", sagt der Mann, der heute, 100 Jahre später, den Ortsverband in Hervest führt.

30-seitige kostenlose Festschrift

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918 hatten Arbeiter- und Soldatenräte unter der Führung von MSPD und USPD die Gestaltung Deutschlands übernommen. "In diese Zeit fällt auch die Gründung der Hervester SPD", schreibt Duismann in der kostenlosen, 30-seitigen Festschrift, die er anlässlich des runden Geburtstages seines Vereins herausgebracht hat. Den Grußworten vom SPD-Landtagsabgeordneten Michael Hübner, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Gerdes und Dorstens Bürgermeister Tobias Stockhoff (CDU) folgt ein kurz gefasster Abriss der SPD im allgemeinen, bevor sich Duismann auf Seite 13 der SPD-Geschichte vor Ort widmet.

1919: Vier Sitze für die SPD in Hervest

Ende des 19. Jahrhunderts seien sozialdemokratische Ideen auch in Dorsten populär geworden. "Träger waren zuerst zugewanderte Industriearbeiter, denen sich bald auch Einheimische anschlossen", schreibt Duismann. Die Holsterhausener, denen ebenfalls ein schriftlicher Beleg fehlt, legten aufgrund von Gedächtnisprotokollen die Gründung ihres Ortsvereins in das Jahr 1894. Die ersten freien und gemeinen Wahlen zum Gemeinderat 1919 in Deutschland brachten Hervest vier SPD-Sitze ein, die von den Bergmännern Paul Mahlert und Karl Dubiel, Lampenstubenmeister Ewald Klitsch sowie Ehefrau Emilie du Moulin besetzt wurden.

Volkschöre und Arbeitersportvereine

"In der Zeit der Weimarer Republik war die SPD nicht nur als Partei, sondern auch durch vielfältige Aktivitäten, zum Beispiel in freien Volkschören oder in Arbeitersportvereinen, in der Öffentlichkeit präsent", sagt Werner Duismann. Das täuschte allerdings nicht über den Bedeutungsverlust hinweg, den die politische Partei deutschlandweit erlitt.

So rutschte auch die SPD in Hervest-Dorsten bei den Reichstagswahlen von 22,4 Prozent im Jahr 1928 auf 8,9 Prozent im Jahr 1933 herunter. 1933 wurden alle politischen Parteien in Deutschland verboten, ihre Vermögen eingezogen. Der Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert am 21. Oktober 1945 für Holsterhausen und Hervest eine Mitgliederzahl von 94 Parteigenossinnen und -genossen.

Günter Biallaß war 24 Jahre Vorsitzender

"Die ersten Gemeinderatswahlen nach dem Zweiten Weltkrieg ergaben nur zwei Ratsmandate über die Reserveliste, die Walter Helzer aus Dorsten und Max Müller aus Hervest bekleideten", weiß Werner Duismann. 1948 lehnte der Ortsverein eine Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Partei ab. 1967 trennte er sich in Hervest West und Ost, vereinte sich 1970 aber wieder zu einem Ganzen.

Lückenlos wird die Liste der 1. Vorsitzenden ab 1945, als Wilhelm Grothaus in Hervest dem Ortsverband vorstand. Es folgten Erwin Krieger (1950-1956) und Heinz Orzelski (1956-1964). Günter Biallaß brachte es mit zwei Amtsperioden (1954-1980 und 1982 bis 1990) insgesamt auf 24 Vorsitz-Jahre, Heinz Denniger dagegen begnügte sich mit zweien (1980-82).

Mit Astrid Duismann setzte sich 1990 erstmals eine Frau an die Spitze. "Unter ihrem Vorsitz hielt sich die Mitgliederzahl konstant um die 160", sagt Werner Duismann über die zwölfjährige Amtszeit seiner mittlerweile verstorbenen Ehefrau. Carsten Entinger (2003-2008), Heike Unkel (2008 - 2011) und Michael Baune (2011 - 2014) folgten.

"Wo immer etwas los ist, sind wir da"

Immer das Ohr an Volkes Mund kümmerte sich die Hervester SPD in erster Linie um die Kommunalpolitik vor Ort. "Dabei war die Hervester Zechenbahnbrücke das beherrschende Thema der letzten Jahre", fasst Duismann zusammen. Das Projekt Soziale Stadt Hervest, Renovierung der Zechensiedlung, Kinder- und Jugendpolitik, Stadtteilentwicklung und vielfältige Aktionen zu Stadtfesten und Feiertagen gehören zum alltäglichen Vereinsgeschäft. "Wo immer etwas los ist, sind wir da", sagt Duismann. Zurzeit stünden der Ausbau von Tempo-30-Zonen und der dringend gewünschte Drogeriemarkt ganz oben auf der "Kümmerliste".

Drei "Unerschrockene" bilden den Vorstand

Als Michael Baune nach der verlorenen Stichwahl für das Amt des Bürgermeisters 2014 sein Amt als Ortsvorstand niederlegte, sprang Werner Duismann notgedrungen in die Bresche: "Wir hatten schon vorher eine Diskussion darüber, ob die Organisation in Ortsvereinen noch sinnvoll sei. Für Hervest wurde gar die Auflösung des Ortsvereins diskutiert, denn niemand aus dem alten Vorstand wollte die Arbeit fortführen", berichtet Duismann. Trotzdem fanden sich im November 2014 mit Dr. Werner Duismann (1. Vors.) , Ali Sen (2. Vors.) und Heinz Denniger (Kassierer) noch drei Unerschrockene bereit, den Vorstand zu bilden.

Verstärkte Zusammenarbeit mit Holsterhausen

Mittlerweile zählt der Ortsverband Hervest noch rund 80 Mitglieder. Michael Baune, Dirk Groß und Ali Sen heißen die drei Vertreter im Rat der Stadt. "Wir streben jetzt verstärkt eine Zusammenarbeit mit dem Ortsverein Holsterhausen an, um eine stärkere Basis zu haben", verkündet Duismann, der sein Amt gerne bei der nächsten Wahl im November in andere Hände geben möchte. Bislang habe sich aber noch kein Nachfolger gefunden.

Vielleicht lässt sich ja noch jemand durch den 100. Geburtstag des Ortsvereins zu sozialdemokratischem Engagement motivieren? "Wir feiern unser Jubiläum am 9. September in der Galerie der Traumfänger auf dem Zechengelände. Jeder ist herzlich eingeladen", sagt Werner Duismann und erwartet bis zum 27. August die verbindlichen Rückmeldungen.

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