Landestreffen in Dorsten

So ist das Leben als Kleinwüchsige

Dorsten - Das Landestreffen für kleinwüchsige Menschen findet nächsten Samstag in Dorsten statt. Die 16-jährige Julia spielt dort eine wichtige Rolle. Ihre Mutter hatte Dorsten als Veranstaltungsort empfohlen.

Julia lächelt. Das türkisfarbene Cocktailkleid mit Spitzen-Top gefällt ihr ausgesprochen gut. Ein wenig zu weit ist es noch und ein bisschen zu lang, aber das bekommt Schneiderin Alina Kopitz schon hin. Julia wird nächsten Samstag aussehen wie ein Model, wenn sie im "Leo" über den Laufsteg geht. Und sie wird Applaus bekommen von Menschen, die so sind wie sie. Klein, sehr klein.

120 Zentimeter misst die 16-Jährige aus Düsseldorf-Angermund. Da gibt es kein Kleidungsstück von der Stange, keinen Schuh in Größe 34 aus dem Regal. Julia müsste in eine Kinderabteilung gehen, aber welcher Teenager will das schon? Im Brautmodengeschäft "Tausendschön" ist die junge Frau goldrichtig. Heiraten möchte Julia natürlich noch nicht, aber der kleine Laden am Wulfener Brauturm führt mittlerweile auch Abendgarderobe - und ist auf Sondergrößen spezialisiert. "Es gibt ja kaum eine Frau mit Idealmaßen", sagt Geschäftsinhaberin Sabine Wüst-Lämmermann leichthin. Die kleinwüchsige Julia ist vielleicht ein Sonderfall, aber: "Nicht der Mensch ist das Problem, sondern das Kleid."

Vortrag über Brautmode

Sabine Wüst-Lämmermann ist ein Grund, warum Tatjana Schramm Dorsten als Ort für das Landestreffen kleinwüchsiger Menschen empfohlen hat. Seit acht Jahren unterrichtet Julias Mutter am Paul-Spiegel-Berufskolleg Mathematik und Wirtschaftswissenschaft. "Dorsten ist eine schöne Stadt", sagt sie, und "Das Leo" sei ein idealer Veranstaltungsort. Die Geschäftsfrau aus Wulfen wird im Hervester Jugend- und Kulturzentrum einen Vortrag über Brautmode für Kleinwüchsige halten - "ein Thema mit hohem emotionalen Hintergrund", glaubt Peter Ahlemeyer, Julias Vater. In zwei Jahren bekommt die 16-Jährige ihr Abiturzeugnis, schon jetzt macht sie sich wie alle Schulkameradinnen in diesem Alter Gedanken, was sie dort tragen könnte.

"Ich habe nur wenige gute Freunde"

Vielleicht ja ein Cocktailkleid, wie sie es am Samstag vorführen darf. Beim Landestreffen ist Julia eine von vielen Kleinwüchsigen und somit "ganz normal", im Alltag sieht das anders aus. Die Fünftklässler in ihrer Schule schauen sie mit großen Augen an, weil Julia offensichtlich älter, aber nicht größer ist als sie. "Im Sportunterricht bin ich oft Zuschauerin", sagt sie. "Wie soll ich zum Beispiel über Hürden kommen?" Schon das Treppensteigen fällt ihr schwer. Die meisten Schüler in ihrer Stufe akzeptieren sie so, wie sie ist, "aber ich habe nur wenige gute Freunde". Beim Einkauf kommt sie nicht an alle Waren, den Halteknopf in der Straßenbahn erreicht sie nicht. "Ich versuche trotzdem, so wenig wie möglich zu fragen", gibt sie zu.

Julia träumt wie viele Kleinwüchsige davon, in der Gesellschaft als vollwertiges Mitglied anerkannt zu werden. Das Landestreffen ist ein kleiner Schritt dorthin und soll Betroffenen Hilfestellungen geben. Julia indes scheint ihren Weg gefunden zu haben. Nach dem Abitur will sie studieren und Lehrerin werden. An einer Grundschule? "Nein", sagt sie selbstbewusst, "am Gymnasium."

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