Landgericht Essen

Freispruch für Messerstecher: Richter können Notwehrlage nicht ausschließen

Nach einer Bluttat vor einer Dorstener Kneipe ist ein Vater aus Marl vom Vorwurf des Totschlags-Versuchs freigesprochen worden. Ein Messerstich wurde als Verteidigung in Notwehr eingestuft.

Obwohl er vor 22 Monaten bei einem blutigen "Kneipen-Drama" in Holsterhausen einen anderen Mann durch einen Stich in die Brust fast getötet hat, ist ein 37-jähriger Messerstecher nicht bestraft worden. "Wir können nicht ausschließen, dass der Angeklagte in Notwehr gehandelt hat", hieß es im Freispruch-Urteil am Essener Schwurgericht.

Freispruch für Richter "sehr unbefriedigend"

Der Vorsitzende Richter Jörg Schmitt machte in der der Urteilsbegründung keinen Hehl daraus, dass der Freispruch für die Richter einerseits ein "sehr unbefriedigendes" Ergebnis ist. Andererseits sei nach intensiver rechtlicher Prüfung kein anderes Ergebnis möglich gewesen. Man sei aufseiten der Richter zwar auch ganz klar davon überzeugt, dass der Angeklagte bei der von ihm abgegebenen Tatschilderung "in einigen Punkten gelogen" habe. Einem Angeklagten dürfe man das aber letztlich nicht übelnehmen.

Dazu muss man wissen: Angeklagte dürfen vor Gericht zu ihrer Verteidigung lügen - Zeugen dagegen unterliegen der Wahrheitspflicht.

Fiel der Satz "Ich bringe dich um"?

Unterm Strich, so die Essener Richter, habe man jedoch vor allem auch von der Opferseite dermaßen unzuverlässige Angaben zum Tatablauf erhalten, dass im Zweifel für den Angeklagten eine Notwehr-Lage infolge des gemeinsamen, körperlichen Angehens durch das spätere Opfer (31) und dessen Bruder vorgelegen haben kann. "Es ist nicht auszuschließen, dass der Angeklagte mit den Worten ?Ich bringe Dich um' angegangen wurde", so Richter Jörg Schmitt. "Und sich dann mit einem Messer zur Wehr gesetzt hat." An diesen Tatablauf hatte sich laut Urteil eine Augenzeugin erinnert.

Auslöser und Ablauf der Tat bleiben im Dunkeln

Mit dem Freispruch-Urteil folgten die Essener Richter dem Antrag von Verteidiger Tim F. Schubert (Marl). Sogar die Staatsanwaltschaft war am Ende von dem ursprünglichen Anklagevorwurf (versuchter Totschlag) abgerückt und hatte einen Freispruch beantragt. Allein Nebenklage-Anwalt Dr. Norbert Drees hatte bis zum Schluss eine Verurteilung des Messerstechers gefordert.

Die Bluttat war in den frühen Morgenstunden des 12. Februar 2017 passiert. Den genauen Auslöser und den genauen Hergang für die Messerattacke zu rekonstruieren, war für das Gericht laut Urteil unmöglich. "Es war schon sehr problematisch, überhaupt zu irgendwelchen Feststellungen zu kommen", hieß es.

Dafür hätten sich insbesondere auch das Opfer und sein Bruder in ihren Aussagen zu widersprüchlich und zu auffällig angepasst verhalten. "Wir sind überzeugt, dass die Brüder hier vor Gericht nicht das wiedergegeben haben, was sie damals erlebt haben", sagte Richter Jörg Schmitt.

Fest stehe letztlich nur, dass es irgendwann zu einer Zwei-gegen-Einen-Situation gekommen sei und der 37-Jährige dann irgendwann mit einem Messer zugestochen hat. Den Stich in die Brust hatte der Angeklagte auch gleich beim Prozessauftakt zugegeben, sich dabei aber auf Notwehr berufen: "Einer hat mich vorher festgehalten, einer getreten."

Opfer überlebte dank Not-Operation

Dass der niedergestochene Mann überlebt hat, hatte er offenbar nur den sofort eingeleiteten Rettungsmaßnahmen und einer Not-Operation zu verdanken. Schlusswort von Richter Jörg Schmitt an den Angeklagten: "Sie können wirklich froh sein, dass der andere Mann überlebt hat."

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