Neue Situation für den Bürgermeister

Sprechstunde für Gehörlose feierte Premiere

Dorsten - Zur ersten Sprechstunde für Gehörlose hatte Bürgermeister Tobias Stockhof am Dienstagabend in den Rathaussaal eingeladen. Fünf Teilnehmer kamen und erklärten, warum sie Unterstützung brauchen.

Die Situation war auch für Bürgermeister Tobias Stockhoff nicht alltäglich: Während er sich in seiner Begrüßung wie gewohnt Augenkontakt suchend den Gästen zuwandte, blickten diese konzentriert an ihm vorbei, in eine andere Richtung. Keine Unhöflich-, sondern eine Notwendigkeit. Denn dort saß Alexandra Lorenz. Als professionelle Dolmetscherin für Gebärdensprache ist sie der Dreh- und Angelpunkt für eine reibungslose Kommunikation zwischen Hörgeschädigten und Hörenden. Und gerade daran hapert es immer wieder, wie die Teilnehmer der Sprechstunde anschaulich vermittelten.

Anregungen und Wünsche

Hermann Riekötter, Vorsitzender des Fördervereins für hör- und hörsehbehinderte Menschen im Vest Recklinghausen e.V., hatte den Kontakt zu Bürgermeister Stockhoff gesucht und mit ihm die Idee zu dieser Sprechstunde entwickelt, in der Bürger mit diesem Handicap ein Forum für ihre Anregungen, Fragen und Wünsche bekommen.

"Wenn gehörlose Eltern hörender Kinder zu Elternsprechtagen gehen, ergeben sich immer wieder Probleme", ließ Hermann Riekötter übersetzen. Eine andere Teilnehmerin berichtete von der unangenehmen Situation, die sie bei der Beantragung eines neuen Personalausweises im Bürgerbüro Dorsten erlebte: "Man hat mich mehrmals aufgerufen, aber ich konnte ja nichts hören", regte sie ein visuelles System mit Nummernausgabe und Anzeigetafeln an, so wie es in Recklinghausen bereits existiert.

Neues System mit Nummernvergabe

"Dieses neue System mit Nummernvergabe wird es bald auch in Dorsten geben. Wir arbeiten schon dran", konnte Stockhoff diesbezüglich schon gute Nachrichten verkünden. Bei größeren zu regelnden Amtsangelegenheiten hätten Gehörlose auch einen Rechtsanspruch auf einen Dolmetscher und dessen Finanzierung, so Stockhoff. Auch zu dem Einwand, dass professionelle Dolmetscher rar gesät seien, fiel Dorstens Bürgermeister eine unbürokratische Möglichkeit ein: "Vielleicht sollten wir in unserer Behörde nachfragen, ob jemand bereits die Gebärdensprache beherrscht, beziehungsweise sollten wir jemanden ausbilden lassen."

Nina-Warn-App

Bei der nächsten Anfrage, die er zum Thema hatte, wie Gehörlose in Gefahrenlagen wie Bombenentschärfungen mit Evakuierungen, Gefahrstoffausbreitung, etc. informiert werden könnten, wusste Stockhoff ebenfalls Rat: "Mit Nina, der Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes, ist man da auf der sicheren Seite." Der Info-Flyer über diese App wurde gleich am Abend an die Teilnehmer verteilt. Apropos sicher: Wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen, wird es richtig ernst.

So berichtete ein Teilnehmer, dass er bei einem Herzanfall wegen seiner sprachlichen Kommunikationsunfähigkeit in lebensbedrohliche Not gekommen sei. "Ich konnte keinen Notarzt verständigen und bin dann trotz meines schlechten Zustandes noch selbst zum Arzt gefahren."

Viele Stolpersteine

Ob Notsituationen, Schul-, Behörden- und Arztbesuche, Bus- und Bahnverkehr - den Alltag Gehörloser pflastern viele Stolpersteine. "Wir müssen uns im Kreis besser vernetzen, um Lösungen für Probleme zu finden", lädt Riekötter vor allem Eltern gehörloser Kinder ein, sich bei seinen Verein Rat zu holen: "Es gibt viele Möglichkeiten der Hilfe. Man muss nur davon wissen."

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