Prozess

Kindesmisshandlung: Weitere Liebesbriefe aufgetaucht

Die wegen Kindesmisshandlung angeklagte Mutter aus Dorsten glaubt, dass sie unter einer seltenen Wahrnehmungsstörung leidet. Doch die Richter am Essener Landgericht sind skeptisch.

Die 24-Jährige war in Bedrängnis geraten, als Anfang der Woche bekannt wurde, dass sie reihenweise Liebesbriefe an ihren inhaftierten und mitangeklagten Noch-Ehemann geschrieben hat. Die Richter waren vor allem deshalb irritiert, weil die zweifache Mutter im Prozess bislang keine Gelegenheit ausgelassen hatte, ihren Partner als tyrannisch und gewalttätig zu bezeichnen.

Leidet Mutter am Stockholm-Syndrom?

Die Briefe, die am Dienstag verlesen worden sind, sprechen da tatsächlich eine ganz andere Sprache. "Du bist der tollste und wunderbarste Mensch der Welt", heißt es darin zum Beispiel. "Nur mit dir macht mein Leben einen Sinn. Wenn Du rauskommst, möchte ich dich noch einmal heiraten. Ich liebe dich - mein Prinz, mein Traummann." Warum sie diese Briefe geschrieben hat, kann sich die 24-Jährige angeblich selbst nicht mehr erklären. "Vielleicht leide ich unter dem Stockholm-Syndrom", sagte sie den Richtern am Dienstag. Ihre Schwester und ihr Verteidiger hielten das ebenfalls für möglich. Das Stockholm-Syndrom ist seit einem Banküberfall in den 1970er-Jahren bekannt. Damals hatten Geiseln mit den Tätern sympathisiert.

Scheidung wurde nur zum Schein eingereicht

"Ich werde jetzt einen Psychologen aufsuchen, um das alles aufzuarbeiten", sagte die zweifache Mutter den Richtern. Sie sei inzwischen in einer neuen Beziehung - und glücklich. Auch die Scheidung sei nicht nur zum Schein eingereicht worden, um ihr jüngstes Kind wiederzubekommen, dass sich seit über einem Jahr in einer Pflegefamilie befindet. Genau das hatten die Richter im Prozess nach Bekanntwerden der Liebesbriefe hinterfragt.

Dem angeklagten Ehepaar wird vorgeworfen, den zweijährigen Sohn der 24-Jährigen brutal misshandelt zu haben. Der Junge war mit schweren Kopfverletzungen, einem Beinbruch und zahlreichen Hämatomen in eine Kinderklinik eingeliefert worden. Eine Nachbarin hatte das Jugendamt alarmiert.

Die Richter haben nun einen weiteren Gutachter eingeschaltet, um mehr über den Beinbruch des heute dreijährigen Jungen zu erfahren. Ein Urteil könnte möglicherweise erst im Dezember gesprochen werden.

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