Schülerpraktikum

17-Jähriger aus Dorsten absolviert sein Schülerpraktikum auf einem Hof in der Toskana

Das Hans-Böckler-Berufskolleg in Marl ermöglicht seinen Schülern, Praktika im EU-Ausland zu absolvieren. Der Dorstener Emil Seppi macht seine Arbeit auf einem Biobauernhof in der Toskana.

In der Wohnung gibt es kein WLAN und kein Fernsehgerät", stellt Emil Seppi mit Schrecken bei seiner Ankunft auf dem Bauernhof "Agriturismo Lischeto" in der Toskana fest.

Die Ferienwohnungen auf dem landwirtschaftlichen Betrieb sechs Kilometer unterhalb der antiken Etruskerstadt Volterra sind hübsch eingerichtet, haben eine kleine Küchenzeile und ein gut ausgestattetes Bad - technischer Schnickschnack hingegen findet sich nirgendwo. Wer hier die Ferien verbringt, sucht Natur und Stille.

Von Urlaub ist auf dem Bauernhof keine Spur

Aber der 17-jährige Dorstener ist nicht zum Urlaub gekommen. Im Rahmen seines Berufsfachschuljahres am Hans-Böckler-Berufskolleg in Marl (HBBK) absolviert er hier das dreiwöchige Betriebspraktikum. "Seit 2016 schicken wir jährlich rund 90 Schülerinnen und Schüler aus 15 Bildungsgängen ins Ausland. Der Auswahl der EU-Staaten sind da keine Grenzen gesetzt", informiert Carola Köhn.

Die Europakoordinatorin am HBBK betreut die Planung, Durchführung und Auswertung der Auslandspraktika und ist auch für deren Finanzierung verantwortlich. "Die Fördermittel werden bei der Nationalen Agentur für Bildung in Europa beantragt, zurzeit befinden wir uns in der Programmgeneration Erasmus+".

Selbst einen Betrieb finden oder sich beraten lassen

Wer keine Kontakte ins Ausland hat, kann sich über das Team um Köhn beraten und vermitteln lassen, es ist aber auch möglich, eigenständig Betriebe zu finden. "Meine Mutter hat lange in Italien gelebt, ich bin in Rom geboren, daher fiel die Wahl auf die Toskana", sagt Emil.

Die Sprache, die er bis zu seinem sechsten Lebensjahr fließend sprach, wieder zu festigen, ist eines der Ziele des Aufenthalts. Das Wichtigste für den Schüler im Fachbereich Naturwissenschaften ist jedoch die praktische Erfahrung auf einem biologisch bewirtschafteten Bauernhof.

Zertifizierter Schafskäse mundet Kennern köstlich

In der "Fattoria Lischeto" wird zertifizierter Schafskäse hergestellt, rund 800 Tiere müssen jeden Morgen und jeden Abend gemolken werden, die Milch wird anschließend in der eigenen Käserei verarbeitet.

Die Besitzer des Betriebes, die Familie Cannas, kam in den 1950er-Jahren aus Sardinien in die Toskana. "Babbo" (Vater) Cannas wirtschaftete noch unter der gängigen Praxis mit chemischen Unkrautvernichtungsmitteln für die ausgedehnten Weiden, die Milch wurde an große Molkereien verkauft.

Sein Sohn Giovanni sah in den 1990er Jahren die Zeichen der Zeit und verbannte die Chemie vom eigenen Grund und Boden.

Gleichzeitig baute er die hauseigene Käserei auf, spürte alte Rezepte auf, schloss sich der Philosophie des "Slow Food" an. "Den Menschen die Natur nahe zu bringen war mein Ziel", so Cannas. "Biologisch aus Liebe" ist sein Slogan.

Mittlerweile können Besucher auf "Lischeto" wohnen, Produkte verkosten, einen exquisiten Mix aus toskanischer und sardischer Küche genießen. Fast alle Bestandteile werden selbst produziert, neben Käse auch Olivenöl, Schinken, Honig und Marmeladen.

Um 7 Uhr in der Frühe am Morgen raus aus den Federn

Aber die Hauptarbeit ist die Versorgung der Tiere. Emil steht jeden Morgen um sieben Uhr bei Schäfer Kambrul im Stall und schickt die Schafe zum Melken. "Gar nicht so einfach, die Dinger der Melkmaschine an die Euter zu kriegen", lacht er. Wenn die Schafe auf der Weide sind, geht es ans Ausmisten des Stalls.

Anstrengend ist das Leben eines Schäfers, das stellt Emil schon nach wenigen Tagen fest. "Diese Arbeit will schon lange kein Italiener mehr machen", sagt Cannas. "Unser Schäfer zum Beispiel kommt aus Bangladesch, er wohnt mit seiner Frau hier auf dem Hof und ist zufrieden."

Käsemachen ist ein weiteres Kapitel des Praktikums, aber auch Käse verkaufen. Cannas hat Emil mit zur dreitägigen Bio-Produkt-Messe in Florenz genommen, der Käse von "Lischeto" hat schon einige Preise bekommen und wird auch ins Ausland geliefert. Viele Einblicke in eine besondere Berufswelt.

Praktikum macht selbstständiger und schafft Selbstvertrauen

"In Bezug auf berufliche Kompetenzen haben Schüler, die ein einem Betrieb im Ausland gearbeitet haben, einen Vorteil anderen gegenüber", ist Köhn überzeugt. "Außerdem macht das selbstständiger, selbstbewusster, schafft mehr Selbstvertrauen."

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